Blitzsanierung innerhalb einer Woche nach dem Baukastenprinzip

EU-Projekt erprobt modulare Nullenergie-Sanierung

Bewohner profitieren von Sanierung von außen. © Royal BAM Group nv

Im Projekt REnnovates haben neun Partner aus der Bau- und der Energiewirtschaft ein System erarbeitet, mit dem sie gleichförmige Gebäude mit vorgefertigten Modulen innerhalb kürzester Zeit dämmen, modernisieren sowie die Gebäudetechnik elektrifizieren und vernetzen.

Die Reihenhäuser im niederländischen Woerden waren sichtlich in die Jahre gekommen: braune, ungedämmte Backstein-Riegelbauten mit alten Einscheiben-Fenstern, unisolierten Holzböden und alten Bädern. Doch inzwischen präsentieren sich die Gebäude mit neuer Fassade, dachfüllenden Photovoltaikanlagen und intelligenter Haustechnik. Die Sanitärräume erhielten neue Leitungen, moderne Milchglaswände und frisch beschichtete Böden. In die Kriechkeller wurden dämmende Polystyrol-Chips eingeblasen.

Die Verwandlung der einzelnen Hausteile vollzogen die Bauarbeiter innerhalb von acht Tagen. Denn die Siedlung ist eines der Modellvorhaben innerhalb des Projekts REnnovates.

In der ersten Phase des von der EU im Programm Horizon 2020 geförderten Projekts erarbeiteten die beteiligten Firmen unter Koordination des Bauunternehmens Royal BAM Group die vier Schritte, um dieses Vorgehen für Millionen Gebäude in Europa anwenden zu können. In der Analysephase werden die Daten der zu sanierenden Gebäude erfasst. In der Designphase entstehen am Computer die Pläne für die zu verbauenden Teile. In der Umsetzung wird aus einem alten Haus mit schlechtem Standard ein saniertes mit erhöhtem Wohnkomfort, zeitgemäßer Dämmung und eigener, intelligenter Energiezentrale. Und in der Nutzungsphase erhalten die Projektpartner die Rückmeldung, ob ihr Konzept aufgeht.

249 Häuser in den Niederlanden wurden so jeweils innerhalb einer Woche flott gemacht, wobei hinterher die Gesamtkosten für die Mieter gleich bleiben sollen. Die weiteren Modellprojekte liefen in Spanien und Polen. Im August 2018 endete die erste Projektphase von REnnovates, der nun eine zweite folgen soll.

Damit greift REnnovates ein Prinzip auf, auf das auch die Initiative Energiesprong in ähnlicher Form setzt, die bereits in Deutschland aktiv ist. Energiesprong hatte ein Konzept zur industriellen Gebäudesanierung entwickelt. Mittlerweile gibt es eine Kooperation mit der Deutschen Energieagentur.

Gebäude erhält neue Hülle

REnnovates fokussiert sich aber noch stärker auf standardisierte Komponenten. Im Vergleich zu anderen Sanierungslösungen setze man außerdem stärker auf Smart-Home-Technologie und vernetzte Nachbarschaften, erklärt Dennis van Goch, Manager und technischer Koordinator von REnnovates beim Baukonzern BAM.

Herzstück dieses Ansatzes ist ein Energiemodul von der Größe einer kleinen Gartenhütte, das neben jedes Haus gesetzt wird. Darin sind alle Elemente zur Versorgung des Gebäudes kombiniert: Wärmepumpe, (Heiß-)Wasserversorgung, Lüftung und gegebenenfalls Klimatisierung, Batteriespeicher und Wechselrichter der PV-Anlage. Auch die Wand- und Dachelemente mit Wärmedämmung kommen robotisch vorproduziert in Fertigteilen inklusive neuer Fenster.

Die Elemente bestehen aus einem Holzrahmen und können mit verschiedenen Fassadenelementen wie Backsteinen, Platten oder Glas bestückt werden. Innerhalb von drei Tagen setzen die Arbeiter sie einfach auf die bestehenden Wände und das Dach auf. Ein Element ist innerhalb von 15 Minuten installiert.

Das alte Dach decken die Arbeiter zuvor lediglich ab. Das neue wird komplett mit Photovoltaik-Paneelen bestückt, je nach Ausrichtung und Dachtyp 28 bis 36 Module mit 280 Wp pro Dach. Durch all diese Maßnahmen reduziert sich der Energiebedarf um mindestens 60 Prozent. Durch den selbsterzeugten Strom sinken die Energiekosten zusätzlich und die Gebäude werden zu einem Teil der Energieinfrastruktur.

Die alten Fliesen werden überdeckt

Dasselbe Schnellbau-Prinzip wenden die Handwerker auch in Bad und Küche an: Die neuen Glaswände werden auf die Fliesen aufgeklebt, anstatt diese mühsam herauszubrechen. Die Fliesenböden werden mit Kunstharz überzogen, was die Abbrucharbeiten weiter minimiert. Die Farben und die Gestaltung haben die Bewohner zuvor selbst ausgesucht. Sie erhalten auch einen detaillierten Plan, welche Möbel sie für die Blitzsanierung an welchem Tag wegräumen müssen.

Intelligent vernetzt werden alle Haustechnik-Komponenten über die ebenfalls standardisierte EEBUS-Kommunikation. Sie soll sicherstellen, dass die unterschiedlichen Geräte und Technologien zusammenwirken können. Denn Teil von REnnovates ist eine intelligente Steuerung sowohl individuell durch die Bewohner als auch im Verbund der jeweiligen Siedlung.

Dies ist nötig, um beispielsweise Überproduktionen der Photovoltaik-Module in der Siedlung verteilen zu können. Durch die Vernetzung lassen sich alle Häuser als Erzeuger und intelligente Stromspeicher einsetzen. Um Stromspitzen aufzufangen, gibt es zusätzliche Quartierspeicher. Der in der Pilotsiedlung in Woerden verbaute verfügt über eine Speicherkapazität von 200 Kilowattstunden.

Vernetzte Häuser als Alleinstellungsmerkmal

Bis auf den Einbau seien fast alle Prozesse standardisierbar, erklärt van Goch. "Wir entwickeln standardisierte Lösungen, die für 80 Prozent unseres Zielmarktes passen und etwa 20 Prozent Anpassung an das jeweilige Projekt erfordern." Mit dreidimensionalen Scans, Simulationen und Bauwerksdatenmodellierung könne man diese restlichen 20 Prozent der Anpassung aber automatisieren. Indem man die Maße der Gebäude mit hochpräzisen 3D-Scans erfasst, können die Module, Fensteröffnungen, Anker- und Anschlusspunkte millimetergenau geplant und vorgefertigt werden.

Obwohl verschiedene Märkte auch unterschiedliche Lösungen erforderten, habe man mit REnnovates gezeigt, dass standardisierte Modernisierungen inklusive smarter Steuerung in unterschiedlichen Märkten möglich seien. "Um Nachhaltigkeit und Komfort weiterzudenken, reicht es nicht mehr, nur das einzelne Haus bis zur Türschwelle zu betrachten. Wir müssen die Umgebung und die Wechselwirkungen mit dieser Umgebung berücksichtigen. Das ist Teil unseres Konzeptes von REnnovates", betont van Goch.

Zwar sinken mit der Methode die Kosten für die Konzeptentwicklung und die Technik, jedoch nicht unbedingt die Gesamtkosten der Sanierung. "Wir vergleichen es weniger mit einer Einzelsanierung sondern mit dem herkömmlichen Ansatz, in jedem neuen Projekt neue punktgenaue Lösungen zu entwickeln, weil wir uns auf den Markt mit Großvermietern und Eigentümern ganzer Siedlungen fokussieren", so van Goch. Nichtsdestotrotz verlange das Bemühen Komfort, Nachhaltigkeit und Gesundheit der Bewohner zu erhöhen ein beträchtliches Investment.

Vor allem diese Ziele für die Bewohner wolle man mit REnnovates erreichen. Schon alleine die kurze Phase der Bauarbeiten bedeutet für diese eine deutlich geringere Belastung im Vergleich zu einer herkömmlichen Sanierung von zum Teil mehreren Monaten. Erklärtes Ziel der REnnovates-Partner ist es nun, Gebäude in großem Stil nachhaltig umzubauen, vor allem im sozialen Wohnungsbau. Allein 1,1 Millionen Gebäude hat man in der ersten Initialphase in den Zielländern Belgien, Niederlande, Polen und Spanien ermittelt. 13 Millionen Sozialgebäude seien es in den sechs wichtigsten Zielländern.

"Derzeit schauen wir nach Möglichkeiten, in Deutschland anzufangen", kündigt van Goch an. "Durch die Energiewende und damit verbundene Herausforderungen wäre Deutschland ein exzellenter Markt." Zudem arbeite man hier bereits mit der EEBUS-Initiative zusammen, um intelligente Lösungen weiter zu standardisieren. Frühere Untersuchungen hierzulande hatten gezeigt, dass für derartige standardisierte Renovierungen ein Potenzial von rund einer Million kleinen Mehrfamilienhäusern gäbe. Daniel Völpel

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