Sind Lüftungsanlagen vorgeschrieben?

Die Hülle von modernen Gebäuden ist schön dicht, um Energie zu sparen. Damit aber die Luft im Haus frisch bleibt, ist in der Energieeinsparverordnung (EnEV) folgendes vorgeschrieben: "Zu errichtende Gebäude sind so auszuführen, dass der zum Zwecke der Gesundheit und Beheizung erforderliche Mindestluftwechsel sichergestellt ist." Das lässt viel Raum für Interpretationen, den die Herstellern von Lüftungsanlagen oder von Fenstern unterschiedlich nutzen.

Ein paar Fakten zur Einordnung: In einem nach EnEV gebauten Haus ist die sogenannte Infiltration, also das natürliche Eindringen von frischer Luft, sehr gering. Deshalb ist eine sogenannte kontrollierte Lüftung wichtig. Der Begriff wurde als Gegensatz zum "freien Lüften" geprägt, bei dem die Fenster von Hand geöffnet werden.

Lüftungsanlage nicht immer zwingend notwendig

Eine kontrollierte Lüftung kann durch eine Lüftungsanlage gewährleistet werden, die es in einer zentralen und in einer raumweisen Ausführung gibt. Es besteht aber auch die Möglichkeit, über Lüftungssysteme in den Fenstern für einen regelmäßigen Luftaustausch zu sorgen. Dafür gibt es ventilatorische Fensterlüftungen, Fensterfalzlüfter oder in den Fensterbeschlag integrierte elektrische Kipplüftungssysteme.

Ob es eine Lüftungsanlage sein muss oder ob die Fensterlüftungen ausreichen, lässt sich durch ein Lüftungskonzept ermitteln. Auf jeden Fall ist eine der Formen von kontrollierter Lüftung wichtig. Nicht nur, weil die Luft schlechter wird, wenn die Bewohner Sauerstoff einatmen und Kohlendioxid ausatmen. Sondern es kommen auch die Schadstoffe hinzu, die aus Möbeln und Teppichen ausdünsten können.

Schadstoffe belasten die Luft

"Belastet wird die Luft in Innenräumen vor allem durch flüchtige organische Verbindungen", sagt Heinz-Jörg Moriske vom Umweltbundesamt. "Diese Stoffe findet man heute fast überall. Sie können in Klebern, Lösemitteln, Farben, Möbeln und Reinigungsmitteln enthalten sein." Zum Glück gasen die flüchtigen organischen Verbindungen recht schnell aus, in der Regel innerhalb weniger Wochen bis Monate.

Anders die schwerflüchtigen Verbindungen (SVOC). Sie sind als Weichmacher in Kunststoffen, etwa in Bodenbelägen, und als Ersatz für Lösemittel in Farben enthalten. "SVOC gasen sehr viel weniger aus, dafür aber über Jahre", sagt Moriske. Sie reichern sich außerdem im Körper an und einige von ihnen wirken wie Hormone, die zu Unfruchtbarkeit und Frühgeburten beitragen können. Ein guter Grund also, mit einer Lüftung für gute Luft in den eigenen vier Wänden zu sorgen.

"Es gibt unseriöse Baufirmen, die sich von unerfahrenen Häuslebauern unterschreiben lassen, dass sie die Lüftung händisch ausführen werden und sie den Baubetrieb aus der Verantwortung dafür entlassen", berichtet der Berliner Architekt Taco Holthuizen. "Das ist grob fahrlässig, denn ein Haus soll ja wertstabil sein und man verbringt 80 Prozent seiner Zeit darin."

Wärmerückgewinnung bleibt freiwillig

Während der Einbau einer Lüftung also schon aus Eigeninteresse zu empfehlen ist, bleibt eine Wärmerückgewinnung freiwillig. Sie wird aber gerade für den Neubau empfohlen. "Rein über die Wärmerückgewinnung aus der Luft lässt sich in gut gedämmten Gebäuden 30 Prozent des Gesamtbedarfs für Warmwasser und Heizung zurückgewinnen", sagt Holthuizen, andere Experten sprechen sogar von 50 Prozent.

Vorteil der Wärmerückgewinnung ist auch, dass sich die warme Luft besser im Zimmer verteilt, während frische kalte Luft auf den Boden fällt. Ein Trost für alle, die sich von der maschinellen Lüftung nicht bevormunden lassen wollen: Die Fenster können ja trotzdem jederzeit geöffnet werden. Wer aber schon mal bewusst die Luft in einem maschinell belüfteten Raum geatmet hat, weiß: Sie ist so gut, dass das Bedürfnis zum "freien" Lüften gar nicht mehr so groß ist. von Susanne Ehlerding