Großes Gefälle zwischen einzelnen Regionen

Heizenergieverbrauch in Deutschland steigt wieder

Der Heizenergiebedarf ist gestiegen. © Ista

Die klima- und witterungsbereinigten Heizbedarfswerte steigen wieder. Es gibt nach wier vor ein großes Gefälle zwischen den Regionen. Das sind die Kernaussagen des jetzt vorgelegten Wärmereports der Ista.

Bereits seit einigen Jahren investieren die Eigentümer von Wohngebäuden wieder stärker in die energetische Sanierung. So stieg das Volumen für derartige Maßnahmen laut der Bauvolumenrechnung des DIW im aktuellen Beobachtungszeitraum gegenüber dem Jahr 2015 um etwa 25 Prozent. Zur energetischen Sanierung zählen beispielsweise die Wärmedämmung von Dach oder Fassade, der Austausch von Fenstern und Außentüren oder die Erneuerung der Heizung. Hierfür gaben die Investoren zuletzt sogar mehr aus als im bisherigen Rekordjahr 2011.

Umso bemerkenswerter ist, dass der Heizenergieverbrauch in Deutschlands Mehrfamilienhäusern laut dem aktuellen Wärmemonitor in den Jahren 2016 und 2017 um mehr als 3 Prozent gestiegen ist. In der abgelaufenen Heizperiode lagen die klima- und witterungsbereinigten Bedarfswerte im bundesweiten Durchschnitt leicht über dem Vorjahresniveau von fast 126 Kilowattstunden (kWh) pro m2 Wohnfläche und Jahr.  Der langjährige Abwärtstrend beim Heizenergiebedarf ist damit vorerst gestoppt.

Regionale Unterschiede sind groß

Auffällig sind dabei die starken regionalen Unterschiede: So ging der Heizenergiebedarf im letzten Jahr in allen neuen Bundesländern zurück. Gleichzeitig stiegen die Energieverbräuche in Teilen Westdeutschlands aber so stark an, dass die erzielten Einsparungen überkompensiert wurden. Ein Beispiel: In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen reduzierte sich der Wärmebedarf um etwa 2 Prozent. Auf der Gegenseite stehen jedoch allein die Hansestädte Bremen und Hamburg mit Verbrauchsanstiegen von 2 beziehungsweise  fast 3 Prozent. Insgesamt benötigten die Haushalte in Ostdeutschland rund 6 Prozent weniger Energie als die Mieter in den alten Ländern.

Dementsprechend bleiben die bereits aus den Vorjahren bekannten West-Ost- und Nord-Süd-Gefälle bei den Bedarfswerten bestehen. Letzteres dokumentieren besonders eindrucksvoll der Wärmebedarf von Bremerhaven (fast 148 kWh/m2a) und der Wert aus dem Allgäu, der nahezu 50 kWh darunter liegt. Ebenso fällt bei einem Vergleich der Großstädte auf, wie weit München mit ca. 104 kWh/m2a von den nord- und westdeutschen Metropolen Hamburg (ca. 148 kWh/m2a) und Köln (ca. 136 kWh/m2a) entfernt ist. Die Gründe für die enormen Unterschiede dürften in den umfassenden Sanierungen nach der Wende und in Süddeutschland in einem durch viele Neubauprojekte moderneren Gebäudebestand liegen.

Verlorenes Jahrzehnt beim Heizbedarf

Unter dem Strich zeichnet sich beim Heizenergiebedarf damit ein verlorenes Jahrzehnt ab. Dabei war der Verbrauch in den Mehrfamilienhäusern nach der Jahrtausendwende zunächst deutlich gesunken. Lagen die durchschnittlichen  Bedarfswerte 2003 noch bei fast 150 kWh/m2a, waren im Jahr 2008 – dem Referenzjahr des mittlerweile aufgegebenen deutschen Klimaziels – bereits Werte um 130 kWh/m2a erreicht. Seitdem aber sind die Einsparbemühungen erheblich ins Stocken geraten und der Energieverbrauch stagniert aktuell auf dem Niveau von 2010 (s. Abb. 3).

Ganz anders sieht es in Deutschlands Mehrfamilienhäusern bei den reinen Heizkosten (also ohne Heiznebenkosten wie Wartung oder Betriebsstrom aus. Mit einer Reduzierung um fast 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr setzt sich der deutliche Abwärtstrend hier weiter fort. Hauptverantwortlich hierfür sind vor allem die zuletzt niedrigen Gas- und Ölpreise. Diese dürften in Kürze allerdings wieder steigen, weshalb die Freude über die niedrigen Energiekosten nicht mehr lange anhält.

Zu den Ergebnissen des Wärmemonitors passt, dass sich Deutschland mittlerweile von seinen Klimaschutzzielen für 2020 verabschiedet hat. Schließlich entfällt mehr als ein Drittel des Endenergiebedarfs in Deutschland auf Gebäude. Allein der Wärmebedarf privater Haushalte übersteigt mit rund 560 Terawattstunden (TWh) pro Jahr den gesamten deutschen Stromverbrauch im gleichen Zeitraum (520 TWh). Welche Maßnahmen können also ergriffen werden, um Neu- und Bestandsbauten noch energieeffizienter zu machen und so eine erneute Trendumkehr beim Heizenergiebedarf zu erwirken?

Auch im Neubau ist Luft nach oben

Im vergangenen Jahr erfüllten bereits mehr als die Hälfte der Neubauten den ambitionierten KfW-Standard „Effizienzhaus 55“, der deutlich über den gesetzlichen Mindestanforderungen liegt. Von Juni 2016 bis Juli 2017 wurden mehr als 144.000 neue Wohneinheiten dieser Kategorie mit Bundesmitteln gefördert. Ebenso zahlreich sind aber auch die Neubauten, deren Effizienzstandard deutlich weniger hoch ist und bei denen sich die Investition in eine energetische Sanierung erst nach Jahrzehnten wieder lohnen wird. Aus Klimaschutzgründen empfiehlt das DIW daher, auf keinen Fall hinter die bestehenden Effizienznormen für Gebäude zurückzufallen – wie von einigen Interessengruppen gefordert. Vielmehr seien hier ambitioniertere Anforderungen erforderlich und machbar, wie sich an den aktuellen Neubauten zeige.

Gleichzeitig gilt es, die Rahmenbedingungen für die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden weiter zu verbessern. Schließlich können Modernisierungsmaßnahmen auch aus sozialpolitischer Sicht sinnvoll sein, da die höhere Energieeffizienz eines Gebäudes die Mieter vor steigenden Energiepreisen schützt. Insofern sollte erwogen werden, energetische Sanierungen steuerlich zu fördern.

Ebenso stellt sich aber auch die Frage, warum die Haushalte in Deutschland trotz des stetig wachsenden energetischen Standards der Gebäude neuerdings wieder mehr Energie verbrauchen. Der Grund hierfür liegt offenbar im Nutzerverhalten der Bewohner. Durch die geringeren Heizkosten ergeben sich für die Mieter weniger Sparanreize (Bild 6). Ebenso kommt es nach einer umfassenden Sanierung häufig zum sogenannten Rebound-Effekt: Die Bewohner heizen mehr, weil sie aufgrund der höheren Energieeffizienz des Gebäudes weniger auf ihr Verbrauchsverhalten achten. Abhilfe schafft hier mehr Transparenz über die eigenen Verbräuche. Denn nur wer zeitnah weiß, was er tatsächlich verbraucht, kann effektiv handeln und wird zum Energiesparen motiviert.

Wie der Wärmemonitor 2017 zeigt, sind die Klimaziele der Bundesregierung aktuell in weite Ferne gerückt. So befindet sich der Heizenergiebedarf in Deutschlands Mehrfamilienhäusern trotz der Zunahme von Sanierungsmaßnahmen aktuell wieder auf dem Niveau von 2010. Damit die Energiewende gelingt, sollten daher noch höhere Effizienzanforderungen an Neubauten und  bessere Rahmenbedingungen für Sanierungen erwogen sowie zusätzliche Einsparpotenziale durch die Optimierung des Nutzerverhaltens und geringinvestive Maßnahmen erschlossen werden.

Der Wärmemonitor basiert auf einem umfangreichen Bestand anonymisierter Daten zum Heizenergieverbrauch in Mehrfamilienhäusern. Die von ista zur Verfügung gestellten Heizkostenabrechnungen enthalten Informationen zu Energieverbrauch und Abrechnungsperiode, Energieträger und Energiekosten sowie Lage und Größe der jeweiligen Immobilien. Erfasst werden hier ausschließlich Mehrfamilienhäuser mit Zentral- oder Fernheizung. Diese machen nach der Mikrozensuszusatzerhebung des Statistischen Bundesamts zur Wohnsituation aus dem Jahr 2014 mindestens 88 Prozent aller Wohnungen in diesem Marktsegment in Deutschland aus.

Zudem nutzt die Untersuchung Informationen des Deutschen Wetterdienstes, um eine räumliche und zeitliche Vergleichbarkeit des aus realen Energieverbräuchen errechneten, klima- und witterungsbereinigten Heizenergiebedarfs sicherzustellen. Dabei folgen die Experten der etablierten Vorgehensweise zur Bestimmung von Verbrauchskennwerten für Gebäude gemäß der VDI-Richtlinie 3807. Anschließend werden in einem mehrstufigen Verfahren die durchschnittlichen Energiekennwerte für die verschiedenen Raumordnungsregionen der Bundesrepublik ermittelt. Nachdem im Rahmen der Erstveröffentlichung des Wärmemonitors die Vorstellung der Ergebnisse für die Jahre 2003 bis 2013 erfolgte, werden diese nun jährlich aktualisiert. von Antonio Fischetti Chief Marketing Officer ista Deutschland

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