Schweizer Konzept fasst auch bei Bestandsbauten langsam Fuß

2000-Watt-Areale kommen auch im Bestand

2000-Watt-Areale soll es bald auch in der Sanierung geben, erklärt Heinrich Gugerli. © P. Grund-Ludwig

Die meisten Menschen wissen vielleicht, wie viel Sprit ihr Auto braucht. Wie viel Energie sie im Alltag für Wohnen und Mobilität einsetzen ist den meisten aber nicht bewusst. Das Konzept der 2000-Watt-Areale soll das ändern. Die Idee stammt aus der Schweiz. Bislang wird sie vor allem in neuen Wohnquartieren ausprobiert, ab 2018 soll sie auch in der Sanierung Anwendung finden.

Die Ziele der 2000-Watt-Areale sind ambitioniert. Der Ausgangspunkt war ein Verbrauch von 6300 Watt Primärenergie, den eine Person in der Schweiz 2005 im Schnitt für Wohnen und Mobilität verbrauchte. Dieser Wert soll auf 2000 Watt sinken. Begonnen mit ersten Projekten wurde 2008.

"Die Diskussion darüber ist mittlerweile in der Praxis angekommen, es gibt Programme und Werkzeuge auf verschiedenen Ebenen", berichtet Heinrich Gugerli. Er gilt als Erfinder des Konzepts. Als Leiter der Fachstelle Nachhaltiges Bauen in Zürich hat er die Idee entwickelt und setzt sich mittlerweile in einer eigenen Fachstelle der 2000-Watt-Gesellschaft für deren Umsetzung ein.

19 Schweizer Kommunen sind dabei

Die Konzepte haben mittlerweile in 19 Schweizer Städten, Regionen und Quartieren konkrete Gestalt angenommen. Die Areale Burgunder in Bern, Erlenmatt in Basel, Kalkbreite, Hunziker und Sihlbogen (alle in Zürich) sind seit einigen Jahren fertig und wurden Anfang 2017 gesamtenergetisch im Betrieb analysiert. Erfasst hat die Erhebung neben Wärme und Strom für die Gebäude auch die graue Energie für deren Erstellung und den Energieverbrauch für standortabhängige Mobilität. Alle haben das Qualitätslabel für 2000-Watt-Areale im Betrieb erhalten.

Der Endenergieverbrauch für die Betriebsenergie lag in den untersuchten Quartieren unter 70 kWh/m2. Deutlich unter 10 kWh/m2 kamen aus nicht erneuerbarer Primärenergie. Enorme Unterschiede gab es bei der Mobilitätsenergie, sie lag je nach Quartier zwischen 10 und 70 kWh/m2 Primärenergie aus nicht erneuerbaren Energien. Damit liegen die Quartiere zwischen 20 und 65 Prozent unter den Zielzahlen.

Umsetzung in Bestandsquartieren hat begonnen

Bislang haben die Planer das Konzept ausschließlich in neuen Stadtquartieren umgesetzt. "Als nächstes Projekt gehen wir die Transformation bestehender Quartiere an", berichtete Gugerli auf der Fachmesse CEB. Acht Sanierungsprojekte sind bereits in Planung, fünf sind seit diesem Jahr in Betrieb. Das erste Zertifikat für ein Areal in Transformation soll 2018 erteilt werden.

Die bisherigen Areale umfassen zwischen 300 und 1600 Objekten, die Eigentümerstruktur ist durchmischt mit einem Anteil zwischen 25 und 45 Prozent an Selbstnutzern. Dort sind nicht nur neue technische, sondern auch kommunikative Konzepte gefragt, um gemeinsames Handeln zu ermöglichen.

Die Bewegung hat vor fast zehn Jahren in Zürich ihren Anfang genommen. 2008 fiel der Beschluss zum Ausstieg aus der Atomkraft und dem Einstieg in die 2000-Watt-Gesellschaft. Neue Großbauten wie das Stadtspital für 290 Millionen Franken und ein Altersheim-Neubau für 62 Millionen Franken setzten die Ideen im Gebäudebereich um. Auch die Baugenossenschaften unterstützten das Ziel. Die Regeln für Wohngebäude, Schulen und Dienstleistungsgebäude, die zu diesem Konzept passen, sind mittlerweile in einem Normenwerk festgelegt, das regelmäßig überarbeitet wird. Die aktuelle Fassung stammt aus dem Juli 2017.

Auch Energie für Mobilität ist im Visier

Es gibt zwei wesentliche Unterschiede zu Konzepten, die in anderen Ländern gängig sind. Zum einen nehmen die 2000-Watt-Areale nicht nur einen Teilbereich ins Visier, sondern setzen bei Gebäuden und induzierter Mobilität an. Die Ziele können durch Beiträge aus allen Sektoren erreicht werden. Berücksichtigt wird auch graue Energie, die beispielsweise bei Gebäuden für die Herstellung der Baustoffe benötigt wird.

"Der Prozess geht über die Energiebilanz hinaus. Es geht darum, die Lebensqualität der Quartiere zu betrachten", betont Gugerli. Dazu gehören dann auch Überlegungen, wie die gemeinsame Nutzung von Infrastrukturen und Anlagen mit Ideen aus der Sharing Economy aussehen kann, etwa für Autos, aber auch für andere Dinge des täglichen Lebens.

Der zweite Unterschied ist, dass nicht einzelne Gebäude zertifiziert werden, sondern größere Areale bis hin zu kompletten Gemeinden. Das erfordert sehr langfristige Strategien, da viele überzeugt werden müssen. Mittlerweile, erklärt Gugerli, stoße man auch in den Nachbarländern auf großes Interesse, die Resonanz aus Deutschland und Österreich sei groß. von Pia Grund-Ludwig

 

 

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