Blockheizkraftwerk und PV-Anlage füllen 22-Kilowattstunden-Speicher

Wohnerei Kusel versorgt sich selbst mit Strom

Der dreigeschossige Bau ist komplett aus Holz. Nur Bodenplatte und Sockel des Fahrstuhlschachts sind aus Beton. © Heiko Anken

Das Neunfamilienhaus "Wohnerei Kusel" ist energetisch und baubiologisch vorbildlich. Es ist zu 99 Prozent stromautark, nutzt zu 100 Prozent regenerative Energien und funktioniert auch im Inselbetrieb. Ausgebaut ist das Holzhaus mit wohngesunden Materialien.

In Kusel, im Nordpfälzer Bergland, hat eine junge Genossenschaft die Wohnerei Kusel gebaut, ein Projekt für neun Parteien plus intensiv genutztem Gemeinschaftsraum. Planer ist Heiko Anken, Energieberater, studierter Bauingenieur und Baubiologe mit Abschluss beim Institut für Baubiologie und Nachhaltigkeit. Für ihn sind eine nachhaltige Konstruktion, wohngesunde Materialien und eine vorsorgliche Gestaltung der Elektrobiologie selbstverständlich. So hat er in Kusel eine soziale Planung mit autarker Energieversorgung und Grauwassernutzung umgesetzt. Die dabei verwendeten Materialien sind überwiegend baubiologisch.

Natürliche Baustoffe dominieren

"Wo möglich und finanziell vertretbar haben wir natürliche Baustoffe verwendet", betont der Planer. Zwischendecke und Dach des dreigeschossigen Holzrahmenbaus sind aus Brettsperrholz. Gedämmt sind die Außenwände mit eingeblasenen Holzfasern, die Bodenplatte mit Schaumglas. Der Beton der Platte ist nur mit einem Prozent Stahl armiert, um das natürliche Erdmagnetfeld möglichst wenig zu verändern. Das extensiv begrünte Dach ist aus Preisgründen mit Styropor gedämmt. Dabei weiß Anken was er tut: "Vom Raumklima tut es uns nicht weh und es ist recyclingfähig." Die Polystyrol-Dämmplatten sind auf das Dach nur aufgelegt, daher ist das Recycling leichter als bei einem Wärmedämmverbundsystem.

Dafür ist auch der Fahrstuhlschacht überwiegend aus Brettsperrholz. "Das ist nicht nur ökologischer, sondern auch günstiger, weil es einfacher zu erstellen ist", weiß Anken. Nur der erdberührende Teil ist aus Beton. Die Innenwände der Wohnungen sind mit Holzfaserplatten gedämmt. Für die Wohnungstrennwände musste allerdings künstliche Mineralfaser verwendet werden, weil es während der dreiwöchigen Rohbauzeit dauernd regnete. Innenwände und Decken sind mit weißer Lehmfarbe oder -streichputz gestrichen, die Bäder mit Sumpfkalk. Die Böden sind aus geöltem Massivholzparkett.

Elektrosmog wird durch abgeschirmte Leitungen reduziert, Auslagern der Haustechnik in den unterirdischen Anbau sowie durch eine konsequente Netzwerkverkabelung (Glasfaser-Highspeed-Internet). Mit viel Einsatz gelang es auch, sämtliche Überwachungs- und Fernzugriffsfunktionen (Heizung, Eigenstromversorgung, Stromzähler und Notrufanlage vom Aufzug) schnurgebunden auszuführen. "Es ist eine sehr angenehme Wohnatmosphäre", bestätigt Michael Hoffers, der mit zwei weiteren Familien als Kerngruppe alle Planungsprozesse intensiv begleitete. "Auch die Handwerker haben das gespürt."

Das Gebäude wölbt seine Fassade ganz leicht nach Süden zum abfallenden Hang. Die Wohnungen werden auf der Nordseite über Laubengänge zu den beiden Obergeschossen erschlossen. "Unser Konzept bei den Wohnungen war Reduzierung", erzählt der Hausherr. Bei allen Familien waren die erwachsenen Kinder schon aus dem Haus. "Wir haben uns hier von 240 auf 80 Quadratmeter reduziert", fügt er hinzu. Dafür gibt es einen großen Gemeinschaftsraum mit Balkon.

Das ökologische Konzept wird durch eine Regen- und Grauwassernutzung abgerundet. Die Regenwasserzisterne fasst 18 Kubikmeter. Grauwasser aus Dusche, Badewanne und Handwaschbecken wird aufbereitet und ein zweites Mal genutzt. Die Anlage für die Aufbereitung hat eine Kapazität von einem Kubikmeter. Innovativ war die gemeinsame Steuerung mit der Regenwasseranlage. Es dauerte einige Zeit, bis die Anlagen stabil und zu aller Zufriedenheit liefen.

Die Wohnerei nutzt seit Anfang 2016 komplett selbst erzeugten Strom und hat dafür eine Eigenstrom-GbR gegründet. Die Komponenten sind Solarzellen auf dem Dach, ein Stromspeicher sowie ein Blockheizkraftwerk (BHKW) im Keller. Seine Heizwärme wird in einem Pufferspeicher vorgehalten. Zur Spitzenlastabdeckung springt eine Gasbrennwerttherme ein. Der 22-Kilowattstunden-Stromspeicher wird vom BHKW und den Solarzellen versorgt. Dabei wird für die Grundlast zuerst der relativ günstige BHKW-Strom genutzt und dann der PV-Strom. Die Auswertung des vergangenen Jahres ergab eine reale Eigenstromversorgung von 99 Prozent. Diese gute Quote war allerdings nur möglich, weil im Winter 2016 kein Schnee lag.

PV nach Ost und West

Um den Solarstrom möglichst bedarfsgerecht zu produzieren, sind die Module auf dem fünf Grad nach Norden geneigten Flachdach je zur Hälfte nach Osten und Westen ausgerichtet. Das schmälert zwar die Ertragsmenge, maximiert allerdings die Ertragsdauer. Im Juli wird von morgens um sechs Uhr bis abends um zehn Uhr Strom gewonnen, im Winter entsprechend kürzer. Die Module stehen inmitten der Dachbegrünung. Wächst das Gras zu hoch, muss es zurückgeschnitten werden. Insgesamt gibt es nur minimale Leistungseinbußen, denn der Bewuchs und verdunstendes Wasser kühlen die Module und verbessern ihre Effizienz.

Das BHKW hat eine elektrische Leistung von bis zu drei Kilowatt – die Grundlast im Winter – und liefert acht Kilowatt Wärme. Es wird momentan gänzlich mit Biogas betrieben. Da dieses jedoch sehr teuer geworden ist, will die Eigenstrom-GbR zukünftig eventuell auch konventionelles Gas verwenden. http://www.bau-satz.net

Daten und Fakten

"Die Wohnerei Kusel eG"
Wohnfläche: 880 m² (neun Wohnungen 60 bis 125 m², Gemeinschaftsraum 91 m²)
Baujahr: 2015
Bauweise: Holzrahmenbau, Gründach und Geschossdecke aus Brettsperrholz, Dämmung: Holzfaser, Schaumglas, wenig Mineralfaser, Polystyrol
Energiekonzept Wärme: Mini-BHKW (Vaillant Ecopower 3.0), 4-8 kW thermische Leistung und 1,3-3 kW elektrische Leistung; Pufferspeicher 1000 Liter; Vaillant Gasbrennwerttherme; Oventrop Wohnungsübergabestationen mit Frischwasserstation für Warmwasserbereitung im Durchflussprinzip; Röhrenheizkörper mit optimiertem Strahlungsanteil
Energiekonzept Strom: PV-Anlage 20 kWp, 25 Grad aufgeständert; AKASOL Lithium-Ionen-Batterie dreiphasig 22 kWh, erweiterbar auf 27,5 kWh; Eigenstromversorgung im Inselbetrieb bei Stromausfall möglich
Energiestandard: KfW 40
Primärenergiebedarf: 13,5 kWh/m²a (EnEV 2009)
Endergiebedarf: 51,9 kWh/m²a (EnEV 2009)
Planung, Bauleitung: Heiko Anken, Gossau, Schweiz

von Achim Pilz

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