Charakteristika des Gebäudes sollten erhalten bleiben

Aerogel-Dämmputz zeigt Stärken im Denkmalschutz

Der Aerogel-Dämmputz ist nur etwa 2,5 Zentimeter dick. © A. Morhart

Was tun, wenn Wärmedämmen ansteht - aber der Denkmalschutz oder die Innen-Platzverhältnisse erlauben keine Zehn-Zentimeter-Platten? Der "Wunderstoff" Aerogel-Granulat ermöglicht seit einiger Zeit brauchbaren, daumendicken Dämmputz, der aber seinen Preis hat.

Luft wäre eigentlich ein richtig guter Wärmedämmstoff - der zweitbeste nach Vakuum und bestimmten Edelgasen. Man müsste nur die Luftteilchen daran hindern, ihre Wärmeenergie weiterzugeben. Genau das geht mittlerweile: In Aerogel-Granulat ist sozusagen jedes Luftmolekül einzeln in eine winzige Zelle eingesperrt. Eine US-Chemiefirma produziert solches Granulat aus Sand, und ein europäischer Baustoffproduzent stellt daraus Putzmörtelpulver her.

Das ist eine Herausforderung, denn es kommt darauf an, einen hinreichend hohen Granulatanteil so in einen Kalkputzmörtel einzubinden, dass das Endprodukt mechanisch einwandfrei an der Wand sitzt und nicht etwa bröselt. Und schließlich muss das Ganze noch in ein System gebracht werden, auch mit effizienter Verarbeitung auf der Baustelle und mit haftungsförderndem Vorbehandeln des Wand-Untergrundes.

Christoph Dworatzyk hat das mit seinem Düsseldorfer Unternehmen, der Proceram-Gruppe, in Angriff genommen. Der  Zwei-Meter-Mann und Vollbluttechniker nahm wissenschaftliche Unterstützung des Fraunhofer-Instituts "Umsicht" in Anspruch und warb Gelder beim Forschungsministerium ein. Das Ergebnis kann man unter anderem im denkmalgeschützten "Septimer Viertel" in Berlin-Reinickendorf besichtigen, einer Anlage mit gut 1000 Wohnungen. Die ersten 144 sind fertig; der Rest ist noch bis November in Arbeit.

Die Gebäude sollten wieder aussehen wie Anfang der 60er. Die Denkmalbehörde gab ihren Segen für ein Projekt, bei dem es sonst wohl auf Innendämmung hinausgelaufen wäre. Die Gebäudezeilen sollten hinterher fast so aussehen wie frisch gebaut, damals Anfang der 1960er Jahre. Der alte Putz sollte möglichst drauf- und sogar wenn nötig wieder freilegbar bleiben, aber keinesfalls durften etwa die charakteristischen Betonfensterrahmen der Treppenhäuser in einer dick eingepackten Fassade versinken.

Die Putzmaschine als Zeitmaschine

Und tatsächlich sehen die Häuser praktisch so aus wie auf Fotos aus der Zeit vor der Sanierung - lediglich ohne die kleinen Macken und rau gewordenen Teilflächen, die im Lauf von fast 60 Jahren entstehen. Der Aerogel-Dämmputz ist nur etwa 2,5 Zentimeter dick. Zum kompletten Denkmalschutz-Dämmsystem, Dworatzyk hat es "Histobran" getauft, gehören allerdings noch je ein paar Millimeter für den Vorspritzmörtel darunter, den Armierungsmörtel darüber und den Oberputz, zusammen noch einmal 1,5 Zentimeter.

Vier Zentimeter also, aber mit großer Dämmwirkung: Vor der Sanierung hatte Fraunhofer-Umsicht einen U-Wert der Außenwände von 1,45 Watt/m²K gemessen, danach von nur noch 0,40 Watt/m²K. Das unterbietet nicht nur den sogenannten Mindestwärmeschutz nach DIN 4108-2, sondern auch den Wert für eine KfW-Effizienz-Denkmal-Förderung, der bei 0,45 Watt/m²K liegt.

Rekordverdächtig niedrige Wärmeleitfähigkeit

Möglich wird das, weil das von Dworatzyks Unternehmen verwendete Aerogel-Granulat zu über 90 Prozent nur aus der eingeschlossenen Luft besteht. Granulate werden auf dem Markt mit einer spezifischen Wärmeleitfähigkeit von 0,012 bis 0,016 Watt/(mK) gehandelt; das für den Proceram-Dämmputz eingesetzte Material hält den unteren Wert ein. Die Wärmeleitfähigkeit des gesamten Dämmputzes liegt bei rekordverdächtigen 0,028 Watt/(mK). Der beste Perlit ist etwa 1,4-mal schlechter, das beste Polystyrol etwa 1,1-mal. Nur das beste Polyurethan (PUR) dämmt besser, etwa um den Faktor 1,4.

Unter dem Strich also fast nur Vorteile für Christoph Dworatzyks Silica-Aerogelputz, wie solche Putze in der Branche oft genannt werden. Man könnte weitere Argumente nennen, zum Beispiel dass er sehr diffusionsoffen und kapillaraktiv ist, also Feuchtigkeit selbsttätig zur Oberfläche befördert und ohne Dampfbremse auskommt; dass er sogar feucht noch gut dämmt; dass er nicht brennt.

Wo also ist der Haken? Es ist der Preis. Proceram nennt Preise nur auf Anfrage für ein konkretes Objekt. Aus der Literatur ist bekannt, dass Silica-Aerogelputze vom Material her grob gesprochen etwa doppelt so teuer sind wie Polystyrolplatten. Auch wenn viele weitere Faktoren den Preis mitbestimmen und fortschrittliche Technik am Ende die Lebenszykluskosten senken kann: Am ehesten hat Aerogelputz zurzeit dort Chancen, wo strenger Denkmalschutz billige Systeme ausscheiden lässt.

Mehr Zentimeter für weniger Euro

Ist der Denkmalschutz nicht ganz so streng und lässt ein paar Zentimeter mehr zu - oder dämmt das Mauerwerk selbst nicht gar so schlecht -, kommen Anbieter wie Heck Wall Systems aus dem oberfränkischen Marktredwitz ins Spiel. Hecks "Aero iP" ist ebenfalls ein diffusionsoffener Aerogel-Dämmputz und billiger zu haben, dämmt aber mit einer Wärmeleitfähigkeit von 0,040 Watt/(mK) rund 1,4-mal weniger gut als der von Proceram. Bei dem Projekt in Reinickendorf hätte für den gleichen Wärmeschutz also der Dämmputz gut einen Zentimeter dicker sein müssen.

Außen an der Fassade ist das in vielen Fällen problemlos; für eine Innendämmung hinter Heizkörpern, in Leibungen und so weiter kann es freilich eine Rolle spielen. Wie Procerams Produkt kommt das von Heck üblicherweise als Pulver in Säcken auf die Baustelle, wird mit Wasser in einer Putzmaschine angemacht und in einem Förderschlauch zur Fassade hochgepumpt - oder im Eimer aufgerührt und von Hand aufgebracht.

Heck kann sich eine lange Erfahrung mit dem Werkstoff zugute halten: 2013 hatte die Firma das erste zugelassene Wärmedämmverbundsystem mit Aerogel-Dämmplatten von BASF herausgebracht; allerdings hat der Chemieriese deren Produktion mittlerweile eingestellt. Heck wirbt außerdem mit besonders leichter Verarbeitung, die sich "nicht von herkömmlichen Dämmputzen unterscheidet".

Im Preis noch niedriger liegt "Schwenk Tri-O-Therm M" vom Hersteller Quick-mix in Osnabrück. Die Firma arbeitet statt Aerogel Perlit in ihr Putzmaterial ein und kommt so auf eine Wärmeleitfähigkeit von 0,055 Watt/(mK). Damit ist ihr Stoff noch ungefähr um den Faktor 1,3 besser als der übliche Dämmputz mit Polystyrolkügelchen. Quick-mix argumentiert nicht mit dem Denkmalschutz oder mit Platzmangel im Innenraum, sondern mit weniger Aufwand und Bauzeitverkürzung: Acht Zentimeter Putz kann man noch mit zweimal Auftragen schaffen, während man bei schlechter dämmendem Putz mehr als zehn Zentimeter benötigen würde - also dreimal auftragen müsste, jedenfalls mit Tri-O-Therm M. Von Alexander Morhart

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