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Umweltbundesamt legt Studie zum Gebäudebestand 2050 vor

Kaum Kostenunterschiede bei Effizienz und Erneuerbaren

26.04.2016, 08:10

Gebäude verhängt vor Dämmung
Eine der Varianten sieht für 85 Prozent der Mehrfamilienhaus-Fläche den Passivhausstandard vor. © A. Morhart

Wie könnte im Jahr 2050 ein "nahezu klimaneutraler" Gebäudebestand aussehen? Gemeint ist das im Sinne des Bundeswirtschaftsministeriums: Der nicht erneuerbare Primärenergiebedarf für Erwärmung und Kühlung soll gegenüber 2008 um 80 Prozent verringert und der verbleibende Endenergiebedarf zu mehr als 50 Prozent aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden.

Das Umweltbundesamt hat dazu eine umfangreiche Studie nach Freiburg vergeben: an das Öko-Institut und das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Um bei der Kombination der beiden Faktoren Energieeffizienz und Erneuerbare-Energien-Einsatz eine Bandbreite darzustellen, haben die Forscher für das Jahr 2050 drei "Zielbilder" definiert.

Das Zielbild "-70 %" legt den Schwerpunkt auf die Effizienz: Hier soll der Endenergieverbrauch um 70 Prozent reduziert werden. Das andere Extrem ist "-40 %", wo 40 Prozent weniger Endenergie eingesetzt werden. In der Mitte liegt "-55 %".

Der Gebäudebestand wurde zur Vereinfachung typisiert, das heißt nach drei Größen und drei Baualtersklassen unterteilt. Auch wurden wie in jeder Szenariobetrachtung diverse Annahmen getroffen. Zum Beispiel wurden 20 Prozent aller Mehrfamilienhäuser der Baualtersklasse bis 1948 als "unsanierbar" definiert – das betrifft zum Beispiel Gründerzeitbauten mit erhaltenswerten Fassaden.

Sehr hohe Sanierungsrate nötig

Beim Zielbild "-70 %" haben 91 Prozent der Wohnfläche in Ein- und Zweifamilienhäusern und 85 Prozent der Mehrfamilienhaus-Fläche Passivhausstandard. Dazu wäre ab dem Jahr 2021 eine jährliche vollmodernisierungsäquivalente Sanierungsrate von 5,5 Prozent nötig. Das erscheint sehr "sportlich": Die Bauwirtschaft hat in einer Studie vor kurzem errechnen lassen, dass sogar durch eine Intensivierung von Abriss und Neubau der heutige Durchschnitt von 1,1 lediglich auf gut 1,7 Prozent pro Jahr steigen würde.

Der "Lohn" einer so weitgehenden Sanierung bestünde darin, dass man bei der Heizungstechnik oft weiterhin Erdgas einsetzen könnte. Das wäre bei der Mehrzahl aller Gebäude der Fall, und sogar bei jeweils über 50 Prozent der auf Passivhausniveau befindlichen Ein- und Zweifamilienhäuser und großen Mehrfamilienhäuser wäre dabei nicht einmal eine Wärmerückgewinnung aus der Abluft notwendig. Gebäude mit Wärmepumpe, Holzkessel oder Blockheizkraftwerk (BHKW) kämen in den meisten Größenklassen auf Anteile von unter 10 Prozent, und nur in jeweils weniger als der Hälfte der Häuser würde die Solarthermie eingesetzt.

Die Anteile im Detail wiederzugeben, wäre wenig sinnvoll. Denn die Forscher haben – eine Schwäche der Studie – die Versorgungstechnik wie auch die genaue Sanierungsintensität gewissermaßen "freihändig" auf den Wohnungsbestand verteilt, anstatt eine Optimierung oder sonstwie plausible Berechnung vorzunehmen.

Am anderen Ende der Skala liegt das Zielbild "-40 %". Der Großteil der Gebäude, wieder gemessen an der Wohnfläche, muss hier lediglich auf den EnEV-Standard für Neubauten des Jahres 2016 gebracht werden. Der Passivhausstandard-Anteil überschreitet nur bei der Baualtersklasse "bis 1994" 15 Prozent. Um das zu erreichen, genügt eine jährliche Sanierungsrate von 1,5 Prozent.

Um dennoch die Marke "nahezu klimaneutral" zu erreichen, muss man im Technikraum einiges tun: Der Anteil von Gebäuden mit Wärmepumpen, Holzkesseln oder BHKW liegt nur noch bei unsanierten großen Mehrfamilienhäusern unter 50 Prozent, und bei Ein- und Zweifamilien-Passivhäusern haben 85 Prozent eine Wärmerückgewinnung und entweder Wärmepumpen oder Holzkessel. Interessanterweise wird auch in diesem extremen Fall die nachhaltig zur Verfügung stehende Menge an Holz nicht ausgeschöpft. Der Anteil mit Solarthermie liegt durchgehend über 50 Prozent.

Gesamtkosten aller Varianten fast gleich hoch

Auch die Kosten für die drei Zielbilder hat das Umweltbundesamt errechnen lassen. Neben den laufenden Kosten für die Energieträger, für Wartung und Instandhaltung sind auch die auf ein Jahr umgelegten Investitionskosten für Gebäudehülle-Modernisierung und Technikanschaffung einbezogen. Ebenso wurden auch Erlöse aus der Netzeinspeisung von gebäudenah erzeugtem Strom gegengerechnet.

Das überraschende Ergebnis: Die Gesamtkosten seien bei allen Zielbildern fast gleich hoch – der Unterschied liege unter 1 Prozent. In dem entsprechenden Säulendiagramm gleichen die Kostenblöcke für Technikinvestitionen und Energiebeschaffung diejenigen für die Sanierung der Gebäudehülle jeweils aus. Umgerechnet auf einen Quadratmeter Wohnfläche werden die gesamten Jahreskosten 2015 mit 29 Euro angegeben. Je nach Energiepreisentwicklung steigen sie laut Studie bis 2050 auf 33/m² bis 37 Euro/m² an.

KfW-55 als neuer Leitstandard

Mit diesen Ergebnissen im Rücken – es wurden in der Studie auch ähnliche Berechnungen für Nichtwohngebäude angestellt – stellen die Autoren eine Reihe von Forderungen auf. Eine davon lautet: Bei den Sanierungsstandards solle verstärkt reguliert oder mit Anreizen gearbeitet werden. Beim Zielbild "-70 %" würden im gesamten Gebäudebestand 2050 Kennwerte erreicht, die etwa dem Effizienzhausstandard KfW-55 entsprächen. "Dieser Standard sollte deswegen mittelfristig als Leitstandard der energetischen Gebäudesanierung etabliert werden."

Während die meisten Annahmen der Studie nachvollziehbar erscheinen, würde man sich bei einigen Punkten doch eine Begründung und Erläuterung wünschen, so zum Beispiel bei der Setzung, Solarthermie nur für die Trinkwassererwärmung zu nutzen – mit anderen Worten: Sonnenwärme nicht fürs Heizen einzusetzen. Hat ein Gebäude ein BHKW, wurde sogar jede Solarthermienutzung ausgeschlossen. Auch dass die betrachteten BHKW ausschließlich wärmegeführt betrieben werden sollen, erscheint angesichts eines in Zukunft stark steigenden Bedarfs an Lastverschiebung fragwürdig. Von Alexander Morhart

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