Gesamtverband Dämmstoffindustrie lud zur Podiumsdiskussion

"Gebäudedämmung - unsozial, sinnlos und hässlich?"

Diskutierten zum Thema Gebäudedämmung: Lukas Siebenkotten, Barbara Ettinger-Brinckmann, Moderator Nick Reimer und Andreas Otto. © Alexander Morhart

Der Gesamtverband Dämmstoffindustrie hatte Vertreter von Architektur, Mieterschutz und Parteien zur Diskussion über Gebäudedämmung eingeladen.

"Unsozial" sei sie nicht, die Wärmedämmung. Auch nicht "sinnlos". Ob "hässlich", das komme darauf an – so das Fazit einer Diskussionsveranstaltung mit provokantem Titel, die der Gesamtverband Dämmstoffindustrie (GDI) ausgerichtet hatte. Hauptthemen waren die Verschandelung von Gründerzeitfassaden durch eine Dämmung und der Mietpreisschub, den manche Sanierung auslöst. Aber auch diverse Konstruktionsfehler gesetzlicher Regelungen sprachen Vertreter von Architektur, Mieterschutz und Parteien an.

Dass schön gegliederte Fassaden aus der Gründerzeit mit ihren oft filigranen Stuckornamenten im Zuge der Außendämmung in einförmige Flächen mit unstrukturiertem Putz und billig wirkenden Kunststoff-Schmuckelementen – oder ganz ohne Verzierung – verwandelt würden, ist in systematischer Form eine relativ neue Kritik. Die Warnung vor einem Verlust von Baukultur und ästhetischer Qualität wird unter anderem von dem jungen Architekturgeschichtler Jascha Philipp Braun  von der TU Berlin vorgebracht, der in seinem Blog Vorher-nachher-Beispiele zeigt. "Gründerzeit" umfasst hier im weiteren Sinne auch den Jugendstil.

Barbara Ettinger-Brinckmann, BAK: Schönheit von Fassaden ist objektivierbar

Die Architektur war an diesem Abend in Berlin jedoch nicht durch Braun, sondern durch die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer Barbara Ettinger-Brinckmann vertreten. Sie vertrat im Gegensatz zu ihren Podiumsnachbarn Lukas Siebenkotten, Mieterbund-Bundesdirektor und bekennendes SPD-Mitglied, und Andreas Otto, Grüner im Berliner Abgeordnetenhaus, die Auffassung, dass die Schönheit von Fassaden objektivierbar sei. Otto wandte ein, Schönheit folge "dem individuellen Blick, aber sicherlich auch dem Zeitgeist".

Ettinger-Brinckmann war sich dagegen sicher, dass eine Gründerzeit- oder Backsteinfassade "simplifiziert und dadurch verhässlicht" werde, wenn man sie einfach mit Dämmmaterial überklebe. Sie stellte eine interessante Verbindung zum Thema graue Energie her. Als graue Energie wird die Energiemenge bezeichnet, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produktes benötigt wird. Gut gestaltete Häuser, so Ettinger-Brinckmann, hätten eine längere Lebensdauer, und je länger ein Haus lebe, "desto besser ist seine Energie angelegt".

Weiter schlug die Kammerpräsidentin vor, man könne die ohnehin "normalerweise sehr schäbige rückwärtige Fassade" von Gründerzeitbauten sehr wohl mit einem Wärmedämmsystem verkleiden, außerdem Kellerdecke und oberste Geschossdecke dämmen. Auch der Einbau neuer Kastenfenster und der Austausch der Heizungsanlage bringe etwas, "ohne dass man die Hauptfassade anfasst". Oder eine Betrachtung des ganzen Quartiers müsse die CO2-Bilanz retten.

Einen weiteren guten Ausweg sieht die Architektin in einer Innendämmung. Sie nahm damit einen Standpunkt ein, der dem von Roland Borgwardt, ebenfalls Mitglied der Berliner Architektenkammer, genau entgegengesetzt ist: Er hatte im vergangenen Jahr bei den Berliner Energietagen mit den Worten "nur wenn außen nichts geht" von der Innendämmung abgeraten und eine ganze Latte von Nachteilen und Problemen aufgezählt.

Barbara Ettinger-Brinckmann stellte auch die These in den Raum, praktisch alle Probleme bei der Wärmedämmung entstünden nur dadurch, dass Hausbesitzer diese zum Teil selbst und ohne Architekt durchführten. Sie relativierte das allerdings später mit einem Bonmot: "Es gibt nicht nur gute Architekten; die Fehler der Ärzte bedeckt der Erdboden - die Fehler der Architekten sind leider sichtbar."

Bei Sanierung macht Verbrauchsmessung vorher und nachher Sinn

Zur Leitfrage, ob Wärmedämmung sinnlos sei, das heißt, warum das Ergebnis einer Sanierung oft hinter dem erhofften zurückbleibt, versuchten sich alle drei Referenten in Erklärungen, die den Unterschied zwischen theoretischer Berechnung und tatsächlichen Messergebnissen verantwortlich machen. Otto und Mieterbund-Bundesdirektor Siebenkotten leiteten daraus jedoch nicht etwa die Forderung nach praxistauglichen Berechnungsgrundlagen ab. Vielmehr solle eine neutrale Instanz den Verbrauch vorher und nachher messen.

Andreas Ottos verneinte ebenso wie Siebenkotten die Frage, ob Dämmung "unsozial" sei. Die gesetzliche Möglichkeit für den Eigentümer, durch eine aufwendige Sanierung die Miete in die Höhe und damit Mieter aus dem Haus zu treiben, sei keine spezielle Eigenart der Wärmedämmung: "Wenn es nicht um energetischen Sanierung ginge, dann würde dieser Eigentümer sie mit einem Parkett, mit neuen Eichenholztüren mit handgeschnitzten Türklinken, mit einem super verglasten Balkon und anderem aus dieser Wohnung vertreiben." von Alexander Morhart 

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