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Arbeitsgemeinschaft wertet Kosten fertiger Objekte aus

Passivhaus verursacht über 30 Prozent Mehrkosten

03.11.2010, 09:50

Außenansicht Passivhausprojekt in Konstanz
Das Bauen ist teurer geworden. Bild: Dena

Bauherren, die einen Mehrgeschossbau im Passivhausstandard errichten, zahlen kräftig drauf: die Baukosten liegen um mehr als 30 Prozent höher als bei Errichtung eines Hauses, das die Anforderungen der Energieeinsparverordnung (EnEV) 2009 erfüllt. Zu diesem Ergebnis kommt die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen in Kiel, ein vom Innenminister des Landes Schleswig-Holstein anerkanntes Rationalisierungsinstitut, nach der Auswertung der realen Baukosten von mehreren hundert Gebäuden in der gesamten Bundesrepublik.

"Unsere Studie widerlegt die Annahme, dass Passivhäuser nahezu kostenneutral realisiert werden können", berichtet Timo Gniechwitz, Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft. Er ist sich sicher, dass die Studie, deren Veröffentlichung derzeit vorbereitet wird, in der Fachwelt für einen Aufschrei sorgen wird.

27 der von den Kielern untersuchten Projekte sind Passivhäuser. Betrachtet wurden nur Neubauten. Für einen Mehrgeschosser nach EnEV 2009 wurden in den Kostengruppen 300 (Bauwerkskosten) und 400 (technische Anlagen) nach DIN 276 tatsächliche Kosten in Höhe von 1.325 Euro je Quadratmeter ermittelt. Für ein Effizienzhaus 85 beträgt der Wert 1.390 Euro, beim Effizienzhaus 70 schlagen die Baukosten mit 1.460 Euro pro Quadratmeter zu Buche und beim Passivhaus mit satten 1.821 Euro.

"Bisher gingen Experten von Mehrkosten von fünf bis zehn Prozent aus. Das können wir nicht bestätigen", so Gniechwitz im Gespräch mit EnBauSa.de. Ein Grund für die falsche Annahme könnten aus seiner Sicht missverständliche Studien aus den vergangenen Jahren sein, in denen Gebäude aus verschiedenen Baujahren verglichen werden, beispielsweise ein Passivhaus aus dem Jahr 2005 mit einem Neubau aus 2010. "In der Zwischenzeit ist das Bauen teurer geworden und das wird oft bei der Betrachtung der reinen Kostenwerte nicht berücksichtigt", so Gniechwitz.

Zu den Experten, die auf geringere Zahlen kommen, gehört auch das Passivhausinstitut (PHI) aus Darmstadt, das von einer großen Zahl von transparent abgerechneten Projekten mit drei bis auch Prozent Mehrinvestition berichtet. Dazu gehöre etwa die erste Passivhaussiedlung 1997 mit sechs bis sieben Prozent Mehrkosten, oder der erste Passivhaus-Geschosswohnungsbau in Kassel mit insgesamt 996 Euro Baukosten pro Quadratmeter Wohnfläche. Nachzulesen sind die Untersuchungen dem PHI zufolge unter anderem in den Protokollbänden des Arbeitskreises kostengünstige Passivhäuser

Darüber, wie sich die Baukosten im Laufe der Zeit verändern gibt der Baupreisindex des Baukosteninformationszentrums Deutscher Architektenkammern (BKI) Aufschluss. Danach sind die Brutto-Baukosten seit Februar 2005 im Schnitt um 14,2 Prozent gestiegen.

Diese Steigerung muss man im Hinterkopf haben, betrachtet man die Ergebnisse einer Baukostenauswertung des Dortmunder Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung. Das ILS NRW hat die reinen Baukosten für Passivhäuser in NRW bis einschließlich 2005 untersucht. Für ein Einfamilien-Passivhaus ermittelten die Wissenschaftler Bauwerkskosten (Kostengruppe 300 und 400) in Höhe von 1.375 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche, für eine Doppelhaushälfte in Passivhausbauweise 1.390 Euro, für ein Reihenhaus 1.280 Euro und für ein Mehrfamilienhaus 1.250 Euro. Diese Kosten haben sie jedoch nicht mit vergleichbaren Gebäuden nach EnEV-Standard, sondern mit 3-Liter-Häusern verglichen. Die waren im Schnitt 11,2 Prozent billiger als die Passivhäuser.

Interessant ist der Vergleich der vom ILS NRW ermittelten Baukosten pro Quadratmeter Wohnfläche differenziert nach Bauweisen: Reihenhäuser im Passivhausstandard waren 20,7 Prozent teuerer als im 3-Liter-Haus-Standard. Bei Doppelhaushälften verringerte sich diese Differenz auf 12,1 Prozent und bei Einfamilienhäusern sogar auf 5,8 Prozent.

Sowohl die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen als auch das ILS NRW haben im Zuge ihrer Untersuchungen betrachtet, ob der Energieverbrauch in den fertig gestellten Gebäuden so hoch ist, wie geplant. "Meist sind die Verbräuche höher als erwartet", berichtet Arge-Mitarbeiter Gniechwitz. Ein Grund dafür sei das von den Annahmen bei der Ermittlung der Normwerte abweichende Nutzerverhalten. So würden von vielen Nutzern höhere Temperaturen gewählt oder Fenster den gesamten Tag über auf Kippstellung geöffnet, obwohl dies im Passivhaus nicht nötig sei. "Sind die Bewohner auch Eigentümer, funktioniert der Passivhausstandard besser", so Gniechwitz.

Das bestätigt das ILS NRW: "Einen großen Einfluss auf die energetische Qualität der Passivhäuser hat die Motivation, mit der die Entscheidung für diesen Baustandard gefallen ist. Die energetische Qualität ist bei den Passivhäusern, die aus eigener Überzeugung erstellt wurden, deutlich höher, als bei Gebäuden, bei denen der Anstoß von außen gekommen ist", heißt es auf der Webseite zur Studie. Insgesamt stellen auch die Dortmunder den Bewohnern der von ihnen untersuchten Objekte kein gutes Zeugnis aus: "Bei den Passivhäusern halten nur etwa 59 Prozent der geförderten Projekte den Primärenergiegrenzwert von 120 kWh/(m² a) ein, bei den 3-Liter-Häusern lediglich 43 Prozent den jeweils gültigen Grenzwert für den Heizwärmebedarf." 

Von unserer Redakteurin Silke Thole

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