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Architekten: Verordnungen ändern sich zu schnell

Experten kritisieren übertriebene Dämmmaßnahmen

09.11.2010, 00:00

Außenansicht sanierte Villa
Sanierte Villa in Pobershau. Bild: Wohlgemuth

"Es herrscht mittlerweile eine regelrechte U-Wert-Geilheit", stellt Professor Andreas Löffler fest, Dekan der Fakultät Architektur und Gestaltung an der Hochschule für Technik Stuttgart. Er hält viele Dämmmaßnahmen an Gebäuden für übertrieben. Auf einem Symposium zum Thema "Altbauten in der Klimafalle?" kritisierte Löffler vor allem die ständig wachsenden Anforderungen durch neue Versionen der Energieeinsparverordnung (EnEV). Er gab damit den allgemeinen Tenor der Veranstaltung wieder, die von den rheinland-pfälzischen Ministerien für Bildung und Wissenschaft, Umwelt sowie Finanzen organisiert wurde.

Das Symposium beschäftigte sich vor allem mit dem Problem, Denkmalschutz und energieeffiziente Maßnahmen miteinander in Einklang zu bringen. Doch die aufgeworfenen Fragen gingen über diesen Bereich hinaus. So kritisierten viele Teilnehmer, dass generell bei der Sanierung von Altbauten die architektonischen Aspekte zugunsten der Energieoptimierung vernachlässigt würden. "Handwerker klatschen die Häuser oft einfach nur mit Dämmmaterialien zu", so ein Symposiumsteilnehmer.

Beim Dämmen müsse man mit Maß vorgehen, meint dagegen Löffler. "Der U-Wert hat Grenzen", so der Experte. "Die ersten acht Zentimeter bringen zwar viel. Aber 16 Zentimeter bedeuten dann nicht, dass der U-Wert doppelt so gut ist." Denn der Verlauf des U-Werts sei nicht linear. Eine extreme Dämmung könne sogar schädlich sein. "Seit Einführung der EnEV 2009 ist der Schimmelpilzbefall deutlich angestiegen. Ich glaube nicht, dass das Zufall ist", sagte Löffler auf der Veranstaltung in Ludwigshafen. Er hält viele Anforderungen, die in der EnEV 2009 festgeschrieben sind, für überzogen. Zudem werden die Regelungen seiner Meinung nach zu schnell geändert. "Alle drei Jahre gibt es eine neue Verordnung. Kein Architekt kann mit dieser galoppierenden Entwicklung Schritt halten."

Ins gleiche Horn stößt Rudolf Ridinger, Direktor des Verbands der Südwestdeutschen Wohnungswirtschaft. Er fordert, dass weitere Verschärfungen der EnEV vorerst ausgesetzt werden. Dies lehnt Jacqueline Kräge jedoch ab. Sie ist Staatssekretärin für Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz in Rheinland-Pfalz und hält es für richtig, dass die EnEV immer wieder an die aktuelle Entwicklung angepasst wird. Doch sie gibt zu: "Über die Intervalle zwischen diesen Aktualisierungen lässt sich sicherlich streiten."

Viele Teilnehmer des Symposiums kritisierten aber nicht nur die Dynamik der EnEV. Ihrer Meinung nach sind die bestehenden Regelungen oft zu holzschnittartig. "Alle Gebäude werden gleich behandelt", bemängelt Löffler. Es sei jedoch notwendig, Projekte differenzierter zu betrachten, um eine Balance zwischen Architekturqualität und Energieeffizienz zu erreichen. "Aber das beherrschen nur wenige Architekten und auch nur wenige Bauämter."

Wie sich eine energetische Sanierung und Denkmalpflege miteinander vereinbaren lassen, könnte das Beispiel der Hohenzollernhöfe in Ludwigshafen zeigen. Die denkmalgeschützte Wohnanlage aus dem Jahr 1923 soll unter energetischen Gesichtspunkten modernisiert werden. Verantwortlich ist die Luwoge, das Wohnungsunternehmen der BASF. Ein Gebäude mit sieben Wohneinheiten wird als Versuchsobjekt genutzt, an dem zunächst verschiedene energetische Lösungen getestet werden. Danach sollen dann die geeigneten Maßnahmen auf die gesamten Hohenzollernhöfe übertragen werden.

Um den architektonischen Charakter der Anlage zu erhalten, bleibt die Außenfassade bestehen und wird von innen gedämmt. Die Hoffassade wird dagegen auch optisch modernisiert und erhält eine Außendämmung. "Solche Kompromisse sind notwendig, um Denkmalschutz und wirtschaftliche Aspekte in Einklang zu bringen", erklärt Professor Helmut Lerch, Studiengangsleiter Master Bauen im Bestand an der SRH Hochschule Heidelberg, die das Projekt begleitet. Durch die Sanierung soll der Heizwärmebedarf des Gebäudes von circa 180 KWh/(m²a) auf 45 KWh/(m²a) reduziert werden. Dafür sorgen unter anderem dreifach-verglaste Fenster und die Innendämmung.

Für diese stellen die verschiedenen Anbieter mittlerweile "grandiose Systeme" zur Verfügung, wie Lerch anmerkt. Sechs solcher Systeme werden in dem Versuchsgebäude getestet: Kapillaraktive Mineraldämmplatten, Kalziumsilikatplatten, kapillaraktive PUR-Hartschaumplatten, ein Wärmedämmputzsystem, Holzfaserdämmplatten und Gipskarton-Verbundplatten mit aufkaschiertem PS-Hartschaum. Laut Lerch spreche derzeit vieles für das Wärmedämmputzsystem sowie die Gipskarton-Verbundplatte. Mit 154 Euro pro Quadratmeter ist das Wärmedämmputzsystem allerdings eine teure Lösung. Die Gipskarton-Verbundplatte stellt dagegen die preiswerteste Variante dar. Pro Quadratmeter fallen Kosten von nur 45 Euro an. Weitere Untersuchungen - unter anderem durch das Passivhaus-Institut - werden zeigen, welches Dämmsystem letztendlich für die gesamten Hohenzollernhöfe verwendet wird.

Von unserem Redakteur Markus Strehlitz

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