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Viele Menschen wollen es wärmer und mehr heißes Wasser

Norm-Auslegung für Heizungen trifft Bedarf nicht

15.05.2014, 06:00

Temperaturanzeige
Vielen Menschen reichen Normtemperaturen nicht zum Wohlfühlen. © C. Hoffmann / EnBauSa.de

Zu einem spannenden Vorab-Ergebnis kam Matthias Wagnitz, Referent für Energie- und Wärmetechnik des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) bei der Auswertung einer reichweitenstarken Nutzerbefragung zu Heizverhalten und Heizwünschen: Die der Standardauslegung für eine Heizung zugrundeliegenden 20 Grad entsprechen nicht der Raumtemperatur, bei der sich die Bewohner am wohlsten fühlen. Dafür sprach bislang häufig das Heizverhalten, aber empirische Belege dafür gab es kaum. Es könnte weitreichende Auswirkungen haben für Normen, und damit auch für die notwendige Auslegung von Heizanlagen.

Um die These zu überprüfen, dass die Norm-Temperaturen derzeit nicht dem entsprechen, was die Bewohner eines Hauses wollen und sich auch holen, wenn sie es sich leisten können, hat Wagnitz unter anderem aktuelle Studien der FH Vorarlberg herangezogen. Die haben sich angeschaut, wie sich die realen Verbräuche in Passivhäusern und Niedrigenergiehäusern zu den berechneten verhalten.

Betrachtet wurden an einem konkreten Objekt 40 Passiv- und Niedrigenergiehäuser auf dem gleichen Baufeld. Das Ergebnis: Die Diskrepanz zwischen Rechenergebnis und Realität ist enorm. Bei Niedrigenergiehäusern waren 164 Heiztage geplant, geheizt wurde an 224 Tagen. Bei den untersuchten Passivhäusern waren 88 Heiztage kalkuliert, die Nutzer haben 240 Tage daraus gemacht. Das, so betont Wagnitz, sei aber keine Schelte der Niedrigenergie- oder Passivhäuser, die entsprächen im Baustandard dem, was sie versprächen.

Es sei auch kein Fehlverhalten des Nutzers. Das gebe es aus seiner Sicht ohnehin nicht, "es gibt nur Anlagen, die nicht dem Nutzerwunsch entsprechen", betonte Wagnitz. Die Standards rechnen offensichtlich am realen Leben vorbei.

Basis der Untersuchung Heizen 2020, die ZVSHK und VdZ mit Förderung durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung durchführen, ist eine Online-Umfrage mit ausgefüllten 2.653 Fragebögen. Dazu kommen 615 vollständige Interviews mit begleitenden Messungen. Die komplette Auswertung soll im Sommer 2014 vorliegen, erste Ergebnisse stellte Wagnitz auf dem VdZ-Projektforum in Berlin vor.

Auffällig: Der in den Wohnungen gemessene Mittelwert der Temperaturen und der Wunsch der Bewohner lagen um 1,3 Grad auseinander. Können Menschen wirklich auf ein Grad genau sagen, welche Temperatur sie haben möchten? Wagnitz hält das für wahrscheinlich, denn die genannte Wunschtemperatur entspreche dem, was Menschen im Schnitt in einer Klimakammer als am angenehmsten genannt haben. Wenn die realen Temperaturen in den Wohnungen darunter lagen, habe das in der Regel finanzielle Gründe. "Wenn sie weniger Nebenkosten hätten, würden sie mehr heizen", sagt Wagnitz.

Daraus ergebe sich die Frage, ob die bisherigen Heizlastberechnungen, die von einer Temperatur 20 Grad ausgehen, wirklich sinnvoll sind. Denn wenn es sich die Leute leisten können, heizen sie trotz geringer errechneter Heizlast die Wohnungen stärker. Die Konsequenz: Die Anlagen laufen nicht am optimalen Betriebspunkt, also nicht effizient.

Gefragt wurde bei der Erhebung auch, ob man selbst die Heizung einstellen wolle. Das bejahte ein Großteil der Nutzer. Auf die Frage, wann man bestehende Regelsysteme zuletzt bedient habe, ergab sich aber, dass das bei 90 Prozent nie oder vor sehr langer Zeit der Fall war. Das gelte auch für relativ komfortable Systeme wie Funkthermostate, so Wagnitz.

Was sind nun die Konsequenzen? Die Auslegung von Heizungen müsse geändert werden, schlägt Wagnitz vor. Die jetzigen Normtemperaturen sind zu niedrig. Die Änderung sei auch deswegen wichtig, da die Diskrepanz zwischen erreichbaren und gewünschten Temperaturen Sanierungsergebnisse in Bezug auf die Energieeinsparung in Frage stellen könnten. Wenn die Bewohner nach einer Sanierung höhere Temperaturen durch bessere Heizungen oder Dämmung erreichen können, würden sie diese auch nutzen.

Wagnitz schlägt außerdem vor, den Benutzern drei definierte Einstellungen anzubieten. Öko für die 10 Prozent, die für das Ziel des Energiesparens auch Komforteinbußen in Kauf nehmen müssen oder wollen, Eco für Menschen, die bestimmte Abstriche in Kauf nehmen wollen und Komfort für die 35 Prozent, denen Wärme und viel heißes Wasser besonders wichtig sind. Die Stufe Öko entspreche in etwa dem, was zur Zeit nach Norm gemacht werde.

Bei den Stufen geht es nicht nur um unterschiedliche Normtemperaturen. Es könnten auch die Zeitfenster unterschiedlich groß sein, innerhalb derer die gewünschten Temperaturen erreicht werden. Ist bei der Eco-Variante beispielsweise die Wohnung morgens punktgenau dann warm, wenn dies voreingestellt wird, kann dies bei der Komfort-Varianten auch eine gewisse Zeit vorher der Fall sein. In der Öko-Stufe wird gezielt eine halbe Stunde verspätet aufgeheizt.

Auch bei der verfügbaren Warmwasserleistung könnte es Unterschiede geben. Die spielt beim Energieverbrauch ohnehin eine größere Rolle als früher. Auch dazu gab es Zahlen beim VdZ-Projektforum. Franz Peter Schröder vom Meßdienstleister Brunata-Metrona referierte eine Auswertung von 1,5 Millionen Datensätzen aus 12 Millionen Wohnungen. Die Energiekennwerte für Warmwasser sind danach von 2007 bis 2012 um 10 Prozent gestiegen. Das Wasser werde heißer gemacht, auch um Legionellen vorzubeugen, und die sparsamen Verbraucher seien weniger geworden, so Schröder. Außerdem verändert sich beim energiesparsamen Gebäude ohnehin das Verhältnis zwischen Energie für Heizung und Warmwasser. Der Anteil für Warmwasser wird höher. Durch höhere Komfortansprüche verstärkt sich dieser Trend noch. So wurde in der Studie Heizen 2020 ein deutlicher Wunsch nach (wasserintensiven) Duschpanelen festgestellt.

Ausgelegt werden sollten Heizungen künftig auf die Stufe Komfort, so Wagnitz. Auf die anderen Stufen würde heruntergeregelt. Das sei sinnvoll, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Die Öko-Variante entspreche dem Geldbeutel und teilweise den Bedürfnissen Jüngerer, das könne sich im Laufe der Zeit ändern. Darauf müsse das Heizsystem reagieren können. Nur die drei Stufen Öko, Eco und Komfort sollten im Wesentlichen auf der ersten Ebene von Heizungssteuerung angezeigt werden, schlägt Wagnitz vor. Für interessierte Laien sollte es noch eine zweite Ebene zur Regelung einzelner Parameter geben. Eine dritte Ebene wäre dann Technikern vorbehalten.

Noch eine weitere Neuerung hat Wagnitz vor, von der er die Heizungsbranche überzeugen will: Die Regelung des Wärmeerzeugers müsse von der Wärmeerzeugung wieder getrennt und an das System übergeben werden, das beispielsweise auch Verschattungsanlagen mit einbezieht oder Wetterprognosen berücksichtigt. Dazu seien offene Schnittstellen notwendig, die eine Ansteuerung erlauben. Bei bis zu 130 Punkten, die in einem Smart Home angesteuert werden müssten, sei das nicht anders machbar. Ohne eigenständige und standardisierte Regeltechnik müssten bei einem späteren Tausch des Wärmeerzeugers auch alle anderen Elemente (zum Beispiel Rolladenmotoren) ausgewechselt werden, das sei schlicht zu teuer. Das sei zwar eine bittere Pille für die Kesselhersteller, die derzeit Kessel und Regelung zusammen anbieten. "Ich hoffe, dass es die offenen Schnittstellen in Zukunft geben wird", sagt Wagnitz. von Pia Grund-Ludwig

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