Stromkunden können Lieblingskraftwerk aussuchen

PV-Strom gibt es bei Lition per Blockchain. © Gasag

Blockchain-Anbieter im Stromhandel versprechen ökologisch orientierten Verbrauchern, dass sie Strom flexibel und direkt bei den Anbietern ihrer Wahl kaufen. Das Start-up-Unternehmen Lition bietet mit ein paar Mausklicks die Möglichkeit zu definieren, welchem ausgewählten Kraftwerk im Pool das mit der Stromrechnung bezahlte Geld zugute kommen soll.

Der Berliner Gasnetzbetreiber und Stromanbieter Gasag stellt Lition sieben Regenerativ-Kraftwerke aus seinem "Ecopool" zur Verfügung. Die Anlagen des Ecopool bilden zusammen ein sogenanntes virtuelles Kraftwerk, bei dem sich Stromquellen mit schwankender Leistung gegenseitig ausgleichen und ergänzen.

Eine weitere Erwartung der Blockchain-Verfechter wird jedoch nicht erfüllt: die Hoffnung, mit ausgefeilten Algorithmen an den alten Versorgungsunternehmen vorbei eine Art Graswurzel-Stromhandel zu treiben. Es gibt keine direkte Kette zwischen dem Konsumenten, der Blockchain und dem Kraftwerk. Lition ist als Vermittler und Garant dazwischen. 

Kunden können sich ein Kraftwerk aussuchen

Ein Verbraucher, der mit Lition einen Stromliefervertrag - über mindestens einen Monat - schließt, bezieht elektrische Energie nach einem Standardtarif. Dann bestimmen automatisierte Rechenvorgänge, welche Anteile des bezahlten Gelds an welches der sieben Ecopool-Kraftwerke gehen. Der Kunde kann sich aber auch gegen einen Aufpreis von einem bis 3,5 Cent pro Kilowattstunde eine der sieben Anlagen aussuchen und damit entscheiden, dass der dafür bestimmte Teil seines Gelds für je mindestens 24 Stunden Stromlieferung an genau dieses Kraftwerk geht. Das könnte zum Beispiel die Photovoltaik-Freiflächenanlage der Gasag in Berlin-Mariendorf oder ein mit Biogas betriebenes Blockheizkraftwerk sein. Wie bei jeder Stromlieferung übers öffentliche Netz geht es dabei nur um die finanzielle Abrechnung - wie der Strom physikalisch fließt, ist eine ganz andere Frage.

Einen Gesprächstermin mit einem der Macher von Lition zu bekommen, dauert zweieinhalb Monate.  Kyung-Hun Ha, der Leiter des operativen Geschäfts, empfängt in einem postmodernen Bürokomplex in Berlin-Pankow. Dem Ingenieur und promovierten Informatiker mit Wurzeln in Korea hört man die Begeisterung für das Blockchain-Projekt in jedem Satz an. Zum einen, sagt Ha, profitierten die Stromkunden von einer transparenten Versorgung mit echtem Grünstrom. Der Preis sei im Schnitt zwischen 20 und 25 Prozent günstiger als der des Grundversorgers.

Ein paar Stichproben mit dem Tarifrechner auf der Lition-Website zeigen, dass der Preisvorteil auch mal bei "nur" 16 Prozent liegen kann (zum Beispiel in Hamburg bei monatlich 2500 Kilowattstunden Lieferung), aber das ohne Wechselbonus. Bei anderen Lieferanten kommt ein hoher preislicher Vorteil meist nur im ersten Jahr durch verschiedene Spielarten von Wechselboni zustande. Wer dauerhaft einsparen will, muss dort mühsam jedes Jahr den Versorger wechseln.

Dass der Preis so niedrig sein kann, erklärt Ha vor allem mit zwei Faktoren - dass Lition den Vertrag für die Strombeschaffung direkt statt über die Strombörse EEX abschließe; und dass die Technologie eine hohe "Prozesseffizienz" erlaube, sprich relativ wenig Personalbedarf.

Vorteil auch für Kraftwerksbetreiber

Zum anderen weist Kyung-Hun Ha auf den Vorteil für den Kraftwerksbetreiber hin: Er bekomme mehr für den Regenerativstrom als beim normalen Vertrieb. Für einen solchen Betreiber gebe es, neben weniger wichtigen, klassisch zwei Haupteinnahmequellen: die EEG-Umlage von ungefähr fünf bis zehn Cent pro Kilowattstunde je nach Kraftwerksart vom Netzbetreiber; und den Erlös aus dem Verkauf an die Strombörse EEX in Leipzig - "im vergangenen Jahr rund 3,6 Cent pro Kilowattstunde in der Grundlast." Mit Lition bekomme ein Kraftwerk eine dritte Einnahmequelle, nämlich die erwähnte Aufpreiskomponente. Die Hälfte dieses Aufpreises gehe an Lition; die andere Hälfte an den Kraftwerksbetreiber. "Kunden, die echten Grünstrom beziehen, möchten sichergehen, dass ihr Geld auch an die entsprechenden Erzeuger fließt", sagt Ha mit der Betonung auf "echten". Denn: "Bei den meisten Anbietern wissen sie nicht, woher der Grünstrom wirklich kommt. Meistens handelt es sich um normalen 'Graustrom', der durch entsprechende EU-Zertifikate 'grün' gestellt wurde."

Ziel sei es letztlich auch, den Kraftwerken eine Vermarktungsplattform zu bieten. "Die Kunden sollen eine emotionale Nähe zu einem Kraftwerk in der Region aufbauen können." Und noch einen Schritt weitergedacht: "Unser Ideal wäre, auch Prosumern zum Beispiel mit kleinen PV-Anlagen zu ermöglichen, ihren Überschussstrom abzugeben." Aber rechtlich gehe das noch nicht, "und das wird wohl auch in den nächsten Jahren nicht kommen."

Die Technologie im Hintergrund

Es gibt verschiedene Arten der Blockchain-Technologie. Seit Mai 2018 arbeite Lition mit der Ethereum-Blockchain, sagt Kyung-Hun Ha. Die Transaktionen - wann wie viele Kilowattstunden zu welchem Preis von welchem Kraftwerk an welchen Kunden geliefert werden - mache Lition im Namen des Kunden und speichere sie auf der Blockchain verschlüsselt ab. Und was ist mit dem Datenschutz? "Alle Stammdaten, also die sensiblen Daten, werden in der Powercloud gespeichert." Ha spricht von einer internetgestützten Abrechnungsplattform, bei der es sich nicht um ein Blockchain-System handelt. Die Prozesse laufen also nicht komplett in einer Blockchain ab, sondern sind zwischen dieser und einem davon getrennten System aufgeteilt. Ha: "Die Ausführung einer Transaktion passiert durch Lition."

Der Kunde bekomme einen Link zur entsprechenden Adresse auf der Blockchain und könne dort die Transaktion dokumentiert einsehen. Er müsse keine Rechenkapazität vorhalten oder Software installieren. "Theoretisch" könnten Kunden ihre Transaktionen auch selbst ausführen, aber "nur wirklich technikaffine Kunden haben erfahrungsgemäß daran Interesse." Sogar das Aussuchen eines bestimmten Kraftwerks ist offenbar eher eine anfängliche Spielerei: "In der Regel ebbt das Interesse der Kunden an einem solchen ständigen Wechsel nach einer Weile ab, und er wählt den Standardtarif", beschreibt Ha die bisherigen Erfahrungen. Von Alexander Morhart

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