Experten hoffen auf Kostensenkungen

Blockchains sind für Verbraucher zwiespältig

Axel von Perfall: 2017 zeigt, ob Blockchains im Energiehandel den Durchbruch schaffen. © Alexander Morhart

Die in der Energiewirtschaft zurzeit stark diskutierte Blockchain-Technologie soll einen automatisierten Energiehandel ohne Zwischenhändler möglich machen - direkt zwischen Versorger und Verbraucher, aber auch zwischen Verbrauchern untereinander. Ein paar kleine Pilotprojekte gibt schon, aber die Funktionsweise ist komplex. Die Verbraucherzentrale NRW hat zu den Auswirkungen auf Verbraucher bei Pricewaterhousecoopers (PwC) eine Kurzstudie erarbeiten lassen.

"Das Netz wird man immer brauchen", stellte Axel von Perfall bei einem Vortrag in Berlin klar, "aber alles andere - die gesamte kaufmännische Transaktion, die Preisbildung, die Dokumentation, die Zahlung, können sie über die Blockchain erledigen."

Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW beschreibt eine Energiewelt der Zukunft, "in der jede kleinste Erzeugungsquelle und jedes kleinste Haushaltsgerät intelligent und über das 'Internet der Dinge' miteinander verbunden sind", in einem Positionspapier ganz plastisch: Da "verkauft die Balkon-Solaranlage echten Ökostrom an den Toaster des/der Mieters/Mieterin nebenan - vollautomatisch."

Verbraucher könnten von einem "enormen Kostensenkungspotenzial" profitieren. Denn wenn Erzeuger und Nachfrager das, was sich bisher Stromhändler, Energieversorger und Banken teuer haben bezahlen lassen, unabhängig und untereinander erledigen könnten, fielen ganze Kostensegmente weg: von der Vertragsgestaltung über den Austausch von Dokumenten bis zu Bezahlprozessen und der zuverlässigen Speicherung aller nötigen Daten.

Strom billiger und mit Herkunftsnachweis handeln

Dafür, dass dabei nicht nur die Kosten, sondern auch die Preise für Energie sinken, könnte die Möglichkeit der Verbraucher sorgen, viel flexibler als bisher die Angebote und Anbieter zu wechseln. Mit intelligenten, maschinell ausführbaren Verträgen ("Smart Contracts") könnten sie jeweils in wenigen Minuten die Energie von einem anderen, nämlich dem dann gerade günstigsten, Anbieter beziehen. Kleine und kleinste Strommengen aus Photovoltaikanlagen, Mini-Blockheizkraftwerken und so weiter könnten transparent gehandelt und besser als bisher genutzt werden. Wer Ökostrom will, würde auch tatsächlich solchen bekommen, denn die Dokumentation wäre leicht und zuverlässig möglich. Das würde laut Sieverding "teure Gütesiegel (...) letztlich sogar überflüssig machen".

Der Haken ist, dass das Handeln über eine Blockchain bisher kaum reguliert ist. Denn sogar wenn die Blockchain selbst fehlerfrei funktioniert, besteht die Gefahr, dass Betrüger am Übergangsbereich zur realen Welt ansetzen - zum Beispiel an der Schnittstelle zu einem intelligenten Stromzähler. Und da eine zentrale Instanz fehlt, stellt sich die Frage, wer für eine korrekte Abwicklung von Transaktionen verantwortlich wäre und haften würde.

Udo Sieverding: "So erscheint es aktuell unklar, wie Rücktritts-, Widerrufs-, Nachbesserungs-, Gewährleistungs- oder Informationsrechte in 'Smart Contracts' abgebildet werden können." Ein weiteres Problem sehen die Verbraucherschützer beim Datenschutz. Solange die Transaktionen nach Plan und ungestört ablaufen, scheint der zwar gut verwirklicht: Nutzer treten nicht mit ihrem Namen auf, sondern sind über sogenannte "private Schlüssel", eine Zeichenkette als Benutzername, pseudonymisiert.

Fehler haben in der Blockchain gravierende Folgen

Die Probleme fangen an, wenn jemand einen Fehler macht. Ganz banal: Wer seinen privaten Schlüssel vergisst oder verlegt, kommt nie wieder an sein in einer Blockchain registriertes Guthaben heran. Folgenschwer für alle Nutzer kann es werden, wenn sich ein Fehler in die Programmierung einschleicht.

Besonders interessant sind dabei zwei bekannt gewordene Fälle von Kryptowährungen ("Vericoin" beziehungsweise "Ether"), also übers Internet handelbare Zahlungsmittel, die in herkömmliches Geld eintauschbar sind. Beide Male ging es nicht um Energiehandel, aber die Konsequenzen zeigen wegen des Umgangs der Blockchainbetreiber damit ein grundsätzliches Problem auf.

2014 und noch einmal 2016 gelang es Dieben zunächst, Beträge im Wert von vielen Millionen Euro zu stehlen, indem sie Schwachstellen der Programmierung für sich nutzten. In beiden Fällen wurden diese Schwachstellen nachträglich behoben und rückwirkend die Transaktionen für ungültig erklärt.

So weit, so gut - aber damit hatten die Betreiber dieser Systeme ein Argument widerlegt, das immer für die Sicherheit der Verbraucher ins Feld geführt worden war: Bis dahin hatte es geheißen, man könne an einer Blockchain nicht nachträglich etwas ändern. Alle Transaktionen seien deshalb gewissermaßen in Stein gemeißelt, eine Manipulation schon deshalb unmöglich. Damit ist es es seither vorbei.

"Das ist tiefe, tiefe Mathematik"

Erschwerend kommt hinzu, dass zwar die Verbraucher über eine Blockchain in die Lage versetzt würden, selbst mit Energie zu handeln - dass sie aber die dahinter stehenden Mechanismen nicht einmal im Ansatz verstehen würden, so dass das Argument der vollkommenen Transparenz nur ein theoretisches bleibt. Der Experte Marcus Müller vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) sagt von sich selbst, er habe Monate gebraucht, um den in Blockchains verwendeten Algorithmus zu verstehen. "Das ist tiefe, tiefe Mathematik."

Etherium - das Blockchain-Verfahren, auf dessen Grundlage die Smart Contracts für einen Energiehandel basieren würden -, "wird heute von zehn, fünfzehn Leuten gemacht, die da richtig Ahnung davon haben." Müller kann sich deshalb vorstellen, dass es einen Regulator geben könnte, der eine Blockchain freigibt, bevor sie betrieben werden darf.

Ein Fazit zur Blockchain-Technologie aus der Sicht der Verbraucher kann derzeit noch nicht gezogen werden. PwC-Experte Axel von Perfall rechnet damit, dass man erst ab Ende 2017 wird absehen können, ob eine Blockchain den Durchbruch für den Energiehandel von Verbrauchern untereinander schaffen kann. Und den Ergebnisbericht für ein breit angelegtes Projekt "Digi4E", das derzeit bei der Deutschen Energie-Agentur (Dena) auch zu diesem Thema läuft, hat deren Leiter Philipp Richard für den Februar 2018 angekündigt. Von Alexander Morhart

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