Start-ups helfen Berlin bei energetischer Sanierung

Künstliche Intelligenz soll die Heizungssteuerung optimieren. ©Egain

Die Hauptstadt hat sich strikte Ziele zur Energieeinsparung gesetzt. Bis 2050 will Berlin eine klimaneutrale Stadt sein. Start-ups sollen dabei helfen, den Heizenergieverbrauch der öffentlichen Gebäude zu optimieren – zunächst mit geringinvestiven Maßnahmen.

Bis Anfang des kommenden Jahres sollen in Berlin insgesamt 15 Museen und 24 Polizeigebäude energetisch optimiert werden. Das Ziel: Die Maßnahmen sollen schnell umsetzbar sein und sich innerhalb kurzer Zeit über die Einsparung von Energiekosten amortisieren. Die zuständige Berliner Immobilienmanagement GmbH, kurz BIM, lässt sich das knapp zwei Millionen kosten. In der öffentlichen Ausschreibung für den Auftrag haben sich nicht etwa große Unternehmen durchgesetzt, sondern ausgerechnet drei Jungfirmen. Doch was können die besser? „Wichtig ist hier die Chancen-Berücksichtigung und nicht nur die Risikominimierung“, heißt es auf Nachfrage von der BIM. „Unter diesem Aspekt bieten uns Start-Ups Chancen im Bereich der Innovation, Erweiterung der Marktteilnehmer, Dynamik und Flexibilität sowie Effizienz und Zukunftsorientierung“, heißt es.

Bessere Heizungssteuerung dank Künstlicher Intelligenz

Eine der Firmen, mit denen das Immobilienmanagement der Hauptstadt kooperiert, ist Egain. Das Unternehmen mit Sitz in Berlin nutzt zahlreiche Daten, um die Heizungssteuerung zu optimieren. Dazu zählen die Außentemperatur, die Dämmung, die Lage zur Sonne und die Wetterprognose. Egain verspricht, dass Haushalte damit bis zu 20 Prozent an Wärmeenergie einsparen können. Die gesammelten Daten einer Immobilie speichert das Unternehmen in einer Cloud und nutzt sie für selbstlernende Algorithmen, es kommt also Künstliche Intelligenz zum Einsatz. Darüber soll die Heizungssteuerung den Energiebedarf langfristig noch besser verstehen können.

Über eine App lassen sich die automatisierten Heizmaßnahmen zudem kontrollieren. Nach eigenen Angaben ist Egain kompatibel mit den meisten bestehenden Heizsystemen. Für das Unternehmen ist die energetische Optimierung der Berliner Gebäude nicht der einzige Großauftrag. Vor wenigen Wochen gab Egain bekannt, dass auch die finnische Stadt Jyväskylä beschlossen hat, seinen gesamten Anlagenbestand in Wohngebäuden mit der Egain-Infrastruktur zu vernetzen. Das sind rund 160 Gebäude mit 5500 kommunalen Wohnungen. „Meines Wissens ist es eines der größten Projekte, die jemals durchgeführt wurden, da wir zurzeit eine ganze Stadt mit fast 140.000 Einwohnern digitalisieren“, sagt Tuomas Suur-Uski, Vertriebsleiter der Egain Group in Finnland, zum Start.

Weitere Einsparungen durch hydraulischen Abgleich und neue Pumpen

In Berlin setzt die Verwaltung neben Egain auch auf die Firma MyWarm. Das Start-up sieht großes Einsparpotenzial bei der Energieverteilung im Heizsystem. Je näher der Heizkörper am Kessel ist, desto schneller wird er heiß. Damit alle Heizungen in allen Räumen gleichmäßig erwärmt werden, muss die Anlage korrekt eingestellt sein – laut MyWarm sei das aber bei neun von zehn Heizsystemen nicht der Fall. Die Firma aus Berlin bietet einen speziellen hydraulischen Abgleich mithilfe von zeitgleichen Messungen an den Heizkörpern. Im Durchschnitt bewirke das Energieeinsparungen von rund 30 Prozent, verspricht das Unternehmen. Denn ist die Wärme in einer Immobilie schlecht verteilt, werde das oft durch Überversorgung kompensiert, erklärt MyWarm. Laut Studien würde eine um ein Grad höhere Raumtemperatur den Verbrauch und die Kosten um knapp sechs Prozent steigern.

Das Unternehmen Perto ersetzt darüber hinaus veraltete Heizungspumpen gegen moderne Modelle. Sie pumpen das warme Heizungswasser vom Kessel in die Heizkörper der Wohnräume und wieder zurück. Das Prinzip: Perto analysiert das Einsparpotenzial, beauftragt einen lokalen Fachhandwerker mit dem Austausch und beantragt staatliche Förderungen für seine Kunden. Denn wer den Pumpentausch beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle anmeldet, bekommt 30 Prozent der Kosten erstattet. Den Tauschprozess hat das Unternehmen vollständig automatisiert. Kunden können mit dem Smartphone ein Foto vom Typenschild der Pumpe übermitteln, ein Bilderkennungssystem liest die Daten aus und berechnet Kosten sowie Nutzen. Die Gesamtkosten dafür belaufen sich in einem Einfamilienhaus je nach Montageaufwand und Heizungssystem auf 350 bis 550 Euro. Beim Wechsel von ganz alten Heizungspumpen verspricht Perto eine Stromersparnis von bis zu 90 Prozent. Noch gehören zu den Kunden aber vor allem Unternehmen aus der Industrie oder Wohnungswirtschaft und kommunale Institutionen.

Bis heute ist gut die Hälfte des Roll-Outs zur Heizungsoptimierung bei der Berliner Polizei und den Kulturstätten umgesetzt. Die Zusammenarbeit zwischen dem Berliner Immobilienmanagement und den drei Start-ups besteht aber schon länger. Bereits im vergangenen Jahr haben die Jungfirmen eine Fläche von knapp 300.000 Quadratmetern in den Gebäuden der Feuerwehren und Oberstufenzentren energetisch saniert. „Öffentliche Aufträge sind normalerweise eher eine träge Angelegenheit, weil von der Ausschreibung bis zur Bezahlung oft viele Monate bis Jahre ins Land ziehen und eine Menge bürokratischer Auflagen erfüllt werden müssen“, erklärt Martin Bornholdt, geschäftsführender Vorstand der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz e. V. (DENEFF). „Das können sich Start-ups oft gar nicht leisten.“ Die Partnerschaft mit der BIM sei eine positive Ausnahme.

Das zeigen auch die Zahlen: Nach Abschluss der Messungen der ersten Heizperiode konnten durch die ersten Maßnahmen aufs Jahr gerechnet rund 1.300 Tonnen CO2 sowie 256.000 Euro Energiekosten eingespart werden, was einer Reduzierung von gut 20 Prozent entsprach. Der damalige Auftragswert belief sich auf etwas über zwei Millionen Euro. Damit konnten die Maßnahmen der drei Start-ups immerhin einen kleinen Teil zu den Einsparzielen der Berliner beitragen. Die Hauptstadt will bis 2050 eine klimaneutrale Stadt sein. Um ihrer Vorbildfunktion gerecht zu werden, haben die öffentlichen Institutionen bereits vor zehn Jahren mit Einsparmaßnahmen in ihren Gebäuden begonnen. Seither konnte der jährliche CO2-Ausstoß der bewirtschafteten Häuser bereits um 23.000 Tonnen, also rund 21 Prozent, reduziert werden. Bis 2025 sollen weitere 30.000 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden. Lob für das Projekt gab es aus Brüssel. Die Bemühungen der BIM hat die Europäische Kommission mit dem „European Energy Service Awards“ in der Rubrik Klimaschutz ausgezeichnet. von Laurin Meyer

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