Happy End in der Passivhaussiedlung mit Abstrichen beim Projekt

Möckernkiez auch dank Contracting gerettet

Salomé Klinger von Naturstrom hat das Energiekonzept für den Möckernkiez entworfen. © Alexander Morhart

Die Genossenschaft Möckernkiez startete als Projekt von Kreuzbergern, die sich angesichts steigender Mieten in Berlin ein sicheres Zuhause schaffen wollten. Das riesige Vorhaben mit 471 Wohnungen aber überforderte die Laien und führte ihre Genossenschaft an den Rand des Ruins. Statt Ruinen stehen nun tatsächlich 14 neue Passivhäuser in Kreuzberg.

Die Genossenschaft hatte 2014 unter einem branchenfremden Vorstand ohne Kreditzusage einer Bank mit den eingesammelten Beiträgen der Mitglieder angefangen zu bauen. Als das Geld augebraucht war, wollte kein Kreditinstitut, auch keines mit ökologischer Ausrichtung, das Risiko eingehen, den restlichen Investitionsbetrag beizusteuern. Ein neuer Vorstand mit einem erfahrenen Sanierungsprofi rang dann in zähen Verhandlungen einem Konsortium aus zwei Treugebern und zwei Banken unter Führung der Bochumer GLS Gemeinschaftsbank eine Finanzierung ab.

"Ihr müsst die Energieversorgung auslagern"

Eine der Bedingungen für diese Einigung, sagte die Ingenieurin Salomé Klinger von Naturstrom, sei gewesen, dass die Genossenschaft Investitionsvolumen abgebe und so nur einen kleineren Kredit aufnehmen müsse. "Eine Forderung war: Ihr müsst die Energieversorgung auslagern." Das Vergabeverfahren habe sich in vielen Runden über ein Jahr hingezogen. Nach und nach seien viele der zunächst zwölf Contractoren abgesprungen, weil der Planungsaufwand immer höher geworden sei. Am Ende seien noch drei am Ball geblieben, bis schließlich Naturstrom den Zuschlag bekam, berichtete Klinger bei einem Vortrag beim Aktionskreis Energie in Berlin-Zehlendorf.

Als Contractor übernimmt die Aktiengesellschaft das Investitionsvolumen für die gesamte Energieversorgung und kümmert sich darum, dass Wärme und Strom zum großen Teil vor Ort produziert wird. Sie übernimmt alle Rechte und Aufgaben eines Energieversorgungsunternehmens mit Ausnahme des lokalen Stromnetzbetriebs und kann auch Mieterstrom anbieten.

Während eine geplante Kita und eine Tagespflegeeinrichtung dem Rotstift zum Opfer fielen, blieben der Biomarkt, der heute bereits steht, ein Hotel, ein Restaurant und 20 weitere Gewerbeeinheiten – und natürlich die 14 Wohnhäuser. Alle zusammen haben voraussichtlich einen Wärmebedarf von rund 2000 Megawattstunden pro Jahr. Beim Strom geht die Planung von einem Bedarf von etwa 1500 Megawattstunden jährlich aus.

Am Ende ein Konzept mit BHKW und Photovoltaik

In den vielen Planungsrunden kam am Ende folgendes Konzept heraus: Ein Gas-Blockheizkraftwerk (BHKW), zwei teillastfähigen Gas-Spitzenlastkesseln, Photovoltaikanlagen auf fünf der Gebäude, vier Wärmespeicher mit je 3000 Liter Wasser sowie ein Nahwärmenetz aus Polyethylenrohren (PEX) mit Wärmeübergabestationen in den Kellern.

BHKW und Spitzenlastkessel sollen übers Jahr jeweils die Hälfte der Wärmeenergie liefern. Die Spitzenlastkessel geben bis zu 1300 Kilowatt Wärmeleistung ab; das Blockheizkraftwerk kann bis zu 204 Kilowatt thermisch und 139 Kilowatt elektrisch liefern. Physikalisch werden BHKW und Spitzenlastkessel aus der Erdgasleitung versorgt; bilanziell werden dagegen 100 Prozent des Gases fürs Blockheizkraftwerk und zehn Prozent der Einspeisung in die Spitzenlastkessel als Biogas verbucht, wie aus internen Informationen der Genossenschaft hervorgeht, die EnBauSa vorliegen "Den Platz für eine Biogasanlage hatten wir leider hier nicht; wir haben direkte Verträge für Biomethan aus Rest- und Abfallstoffen", sagte Salomé Klinger dazu.

In einem Gebäude ist die komplette Heizzentrale untergebracht, und auf fünf Dächern sind Photovoltaikanlagen mit zusammen 135 Kilowatt Spitzenleistung installiert. Nur sieben Gebäude beziehen physikalisch Mieterstrom, der dort über Photovoltaik (PV) beziehungsweise mit dem BHKW erzeugt werde. Es gebe dennoch einen solidarischen Mieterstromtarif für alle Bewohner.

So sieht also das Energiekonzept aus, das es ähnlich in anderen Projekten auch gibt, wenngleich meist in kleinerem Maßstab als bei diesem derzeit größten genossenschaftlichen Neubau in Deutschland. Salomé Klinger fächerte dann die im Rahmen der genossenschaftlichen Vorgaben und des regulatorischen Rahmens machbaren Lösungen auf.

"Fernwärme konnte nicht angezapft werden"

"Es gibt Fernwärme in der Straße; die konnte aber nicht angezapft werden, weil der Primärenergiefaktor hier bei 0,45 liegt, und es wurde von Möckernkiez 0,25 vorgegeben, damit sie den niedrigen KfW-40-Standard einhalten und die bessere KfW-Förderung bekommen."

Naturstrom sei wiederum der einzige Contractor gewesen, der die PV-Anlage mit angeboten habe, denn die sei ein "Schwarze-Null-Spiel". Wenn man sie in Mieterstrom integrieren könne, dann könne sie eine leichte Rendite bringen. "Aber die größeren Contractoren bemühen sich dafür nicht – und es können auch nicht alle wegen des anspruchsvollen Messstellenkonzepts", sagte Klinger.

Sie habe gerechnet, ob ein Stromspeicher einsetzbar sei – was auch den Hintergrund gehabt habe, dass es den "KfW-40-Plus-Standard" gebe; da müsse man einen Stromspeicher einbauen. "Wir hätten den aber nur eingebaut, um diese Förderung zu bekommen, und hätten ihn aber eigentlich gar nicht gebraucht. Die Faustregel ist: Ab drei Stockwerken schaffen wir es nicht, vor Ort so viel Strom zu erzeugen, dass er nicht vor Ort direkt verbraucht werden kann. Selbst wenn nur alle Stand-by-Geräte an sind, werden wir nur wenige Stunden im Jahr ins Stromnetz einspeisen." Das deckt sich mit anderen Untersuchungen, wobei eine technisch mögliche Ergänzung mit teuren Fassaden-Photovoltaikmodulen außer Betracht bleibt.

Unsicherheitsfaktor Hotel

"Da Kälte noch ein Luxus ist – die kostet sehr, sehr viel –, und nur bei Hotel- oder Büronutzung zur Einhaltung des sommerlichen Wärmeschutzes benötigt wird, wurde die Kälteversorgung erst mal eingestampft", sagte Klinger. Ein anderer Aspekt: Das Hotel habe ganzjährig einen sehr hohen Trinkwarmwasserbedarf. "Wir haben deshalb überlegt, ob wir das BHKW stromgeführt laufen lassen können." Aber das Hotel werde gerade erst gebaut und sei bis heute noch nicht hundertprozentig durchgeplant. Somit sei das BHKW wärmegeführt, laufe also nur, wenn Wärme abgenommen werde. Andererseits werde die Trinkwarmwasserversorgung über das BHKW bereitgestellt, es werde also auch im Sommer laufen.

Eine lange gehegte Hoffnung, die Abwasserwärmenutzung über eine Wärmepumpe, hat sich offenbar mit einer schlichten Auskunft von den Wasserbetrieben erledigt. Klinger: "Die wäre zu teuer gewesen, weil die Berliner Wasserbetriebe dafür Geld haben wollten, dass wir Wärme aus dem Abwasser entnehmen".

Eigenes Stromnetz nur bis 140 Wohneinheiten

Die Photovoltaikanlage und das BHKW seien vollkommen entkoppelt voneinander, weil sie in verschiedenen Gebäuden untergebracht seien und man diesen Strom physikalisch nicht im gesamten Quartier nutzen könne. Warum ist das so? Salomé Klinger sagte dazu mit hörbar kritischem Unterton, ein eigenes Stromnetz als sogenannte "Kundenanlage" zu bauen, gehe nur bis etwa 140 Wohneinheiten. "Ist es größer, sagt die Bundesnetzagentur: Nein, das ist ein öffentliches Netz. Es gibt kein Gesetz, das das klar definiert." Jedesmal, wenn man ein solches Projekt umsetze, habe man das Risiko, dass der Verteilnetzbetreiber einen anklage. "Es gibt unterschiedliche Entscheidungen von Landesgerichten."

Das Stromnetz sei deshalb ausgeschrieben und schließlich von Stromnetz Berlin gebaut worden. Nach der ursprünglichen Planung hätte man 30 bis 40 Prozent des vor Ort benötigten Stroms physikalisch auf dem Gelände erzeugen können. "Da wir den selbst erzeugten Strom aber nun ohne eigenes Stromnetz nicht an alle Gebäude liefern können, ist der Anteil geringer", sagte Klinger, konnte jedoch die Frage nach dem aktuellen Wert nicht beantworten.

Bereits 43 Prozent aller zukünftigen Möckernkiez-Bewohner hätten sich für den Mieterstrom angemeldet. Der Wärmepreis des Vertrags, der über zehn Jahre laufe, sei jedoch unabhängig von der Quote der Mieter, die den Mieterstrom beziehen. Er liege netto bei um die elf Cent pro Kilowattstunde. "Der erneuerbare Anteil liegt ungefähr bei 67 Prozent des gesamten Wärmebedarfs", versicherte Klinger.

Ein Genosse kritisiert den Einsatz von Erdgas

Im Februar sind nun die ersten Mieter eingezogen, im Juni sollen die letzten kommen. Auch Dieter Wettig ist einer der Genossen, die im Juni einziehen werden. Er saß bei Klingers Vortrag im Publikum und fragte, ob es stimme, dass in der Summe für die Wärmelieferung 45 Prozent Erdgas eingesetzt würden. Denn das würde einen Verstoß gegen das erklärte Ziel der Genossenschaft darstellen, ausschließlich oder doch mit möglichst hoher Deckungsrate regenerative Energien zu verwenden, wie das auch die eigene Darstellung von Naturstrom suggeriere. Klinger zog daraufhin einen Wert von 45 Prozent Erdgasanteil in Zweifel, nannte allerdings nicht selbst eine Zahl.

"In den Kesseln gibt es anteilig Erdgas, was aber darauf beruht, dass Biogas ungefähr dreimal so viel kostet wie Erdgas. Wir würden gern 100 Prozent Biogas einsetzen, aber das wollte Möckernkiez nicht, beziehungsweise hätten wir kein konkurrenzfähiges Angebot erstellen können", verteidigte Klinger das Konzept. Die gesamte Wärmeversorgung erfolge dennoch CO2-frei. "Wir setzen zwar Erdgas ein, aber neutralisieren dieses CO2, was freigesetzt wird, durch eine Zertifizierung", sagte sie, nannte jedoch keine konkreten Fakten zu dieser "Neutralisierung".

Dieter Wettig verwies auf eine Mitteilung des Genossenschaftsvorstands, die Mehrkosten durch 100 Prozent Biomethan für die Gaskessel lägen bei lediglich cirka 54.000 Euro brutto pro Jahr. Klinger empfahl ihm, dafür bei den Genossen zu werben: "Das Erdgas und das Biogas kaufen wir jährlich neu ein. Wenn der Vorstand das beschließt, kaufen wir 100 Prozent Biogas."

"Lieber zertifizierter Ökostrom aus dem Netz"

Wettig argumentierte daraufhin, Mehrkosten in dieser Größenordnung hätten eingespart werden können, wenn preiswerter zertifizierter Ökostrom aus dem öffentlichen Netz bezogen würde, anstatt ihn auf dem Gelände selbst zu erzeugen. Schließlich sei der "Möckernstrom" ja gerade kein zertifizierter Ökostrom, sondern letztlich "Graustrom". Das BHKW sei auf die Spitzenlastkessel angewiesen, und dort werde zu 90 Prozent Erdgas eingesetzt.

Klinger widersprach. Naturstrom sei einer der wenigen echten Ökostrom-Anbieter. "Eine Zertifizierung als Ökostrom haben wir wegen der zusätzlichen Kosten für solche kleinen Anlagen nicht. Wir könnten das machen, aber dann lohnt sich der Mieterstrom nicht mehr." Sie wiederholte, der vor Ort angebotene Strom werde bilanziell CO2-frei erzeugt – "aber die Mieter können ja im Endeffekt selber entscheiden, welchen Stromanbieter sie wählen." von Alexander Morhart

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