Nach Erdbeben in Gasförderregion war die Zeit reif für den Ausstieg

Niederlande verbieten neue Gasheizungen

Die gute alte Gastherme soll in den Niederlanden bald ausgedient haben - jedenfalls in Neubauten. © Ehlerding

Während in Deutschland noch um den Ausstieg aus der Kohle gerungen wird, sind die Niederlande schon einen Schritt weiter: Sie wollen langfristig aus der Gasnutzung aussteigen. Schon ab Sommer sollen Neubauten nicht mehr mit Erdgas geheizt werden.

In den Niederlanden ist es ab 1. Juli verboten, neue Häuser mit Erdgas zu heizen. Der Gesetzesentwurf stammt von der linksliberalen D66, einer von vier Parteien in der Regierungskoalition von Ministerpräsident Mark Rutte. Nachdem das Parlament schon Anfang des Jahres zugestimmt hatte, gab kürzlich auch der Senat sein Einverständnis. Basis des Beschlusses ist die Energieagenda der Regierung, die bis 2030 eine CO2-Minderung von 49 Prozent vorsieht.

"Die Debatte um den Ausstieg aus der Nutzung von Gas dauerte schon einige Jahre", berichtet Rob Jetten, Abgeordneter von D66. Dann gab es am 8. Januar im Raum Groningen ein Erdbeben der Stärke 3,4, das auf die dortige Gasförderung zurückgeführt wird. Das Land versorgt sich weitgehend selbst und 95 Prozent der Haushalte sind an das Gasnetz angeschlossen.

Umso radikaler wirkt die Entscheidung gegen eine weitere Nutzung von Erdgas. "Das Erdbeben in Groningen war ein Weckruf. Jeder versteht, dass wir vor großen Veränderungen stehen und die Zeit reif, war eine starke Entscheidung zu treffen", begründet Jetten, wie die politische Mehrheit für das Gesetz zustande kam. Casper Tigchelaar vom Energieforschungszentrum ECN beschreibt die Stimmung im Lande ähnlich: "Es ist ein sehr ambitionierter Plan und ein totaler Wandel in der Energiepolitik." Er habe sehr viel positive Energie in die Klimadebatte gebracht. "In den nächsten Jahren werden in den Niederlanden eine Million neue Häuser gebaut", fährt der Abgeordnete Rob Jetten fort. "Wir müssen jetzt handeln, um so klimaneutral wie möglich zu werden. Sonst bekommen wir ein großes Problem."

Wärmepumpen, Abwärme und Geothermie als Alternative

Als Alternative sieht die Regierung vor, dass die Hälfte der Neubauten künftig mit Wärmepumpen geheizt werden, die mit möglichst viel Strom von Solarpanelen auf dem Dach versorgt werden. 30 Prozent der Neubauten könnten an Wärmenetze angeschlossen werden. "In manchen Regionen wie um den Hafen von Rotterdam gibt es viel Industrie, deren Abwärme man nutzen könnte", sagt Jetten.

In anderen Regionen werde keine der beiden Möglichkeiten greifen. Dort könne grünes Gas eine Lösung sein, sagt er. Für schwierige Fälle wird zurzeit noch an Ausnahmeregelungen gearbeitet. Sie sollen aber nur sehr begrenzt sein. Die wirkliche Herausforderung sei ohnehin, im Gebäudebestand ohne Gasheizungen auszukommen, räumt Jetten ein. Hier werden Städte und Gemeinden entscheiden, welches die beste alternative Heizung für Quartiere oder einzelne Gebäude ist.

Gemischte Reaktionen in Deutschland

In Deutschland stößt das Gesetz auf ein geteiltes Echo. Christian Noll von der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz wertet es positiv: "Es gilt immer nationale Besonderheiten und individuelle Härten zu berücksichtigen. Dennoch ist bemerkenswert: Unsere Nachbarstaaten wie die Niederlande und Dänemark machen konsequente Klimaschutzpolitik, während die Bundesregierung immer noch auf der Stelle tritt."

Timm Kehler, Geschäftsführer der Initiative "Zukunft Erdgas", sieht das naturgemäß anders: "Der sehr überwiegende Teil der niederländischen Häuser wird heute und in Zukunft mit Erdgas warm. Das niederländische Verbot von Gasheizungen, das sich nur auf Neubauten bezieht, gehört daher in die Kategorie Symbolpolitik." Für Deutschland sei das Gesetz kein Vorbild. Nur eine technologieoffene Strategie im Gebäudesektor liefere den höchsten Klimaschutz zu niedrigsten Kosten, meint Kehler.

Die Niederlande aber wollen den Ausstieg aus dem Gas weiter vorantreiben. Die Felder in Groningen sollen in fünf Jahren nur noch halb so viel Gas produzieren. In zehn Jahren soll die Förderung dann ganz enden. Die Konsequenz: "Wir werden Gas aus anderen Ländern brauchen", sagt Jetten. Allerdings nur übergangsweise, bis der Gasverbrauch reduziert ist. Was Alternativen angeht, müsse die Regierung entscheiden, ob sie beispielsweise Subventionen für die Erschließung neuer Wärmequellen aus der Geothermie verteile. "Auf jeden Fall wollen wir die Gastransformation nutzen, um eine grüne Transformation zu schaffen", sagt Jetten.

In Deutschland lagen Wärmepumpen als Heizungsanlagen in neuen Wohngebäuden 2017 erstmals leicht vor Erdgasheizungen, berichtet kürzlich der Bundesverband Wärmepumpe auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamtes. Hier ist der breite Einsatz von Gas in Nicht-Wohngebäuden aber nicht enthalten. Der Einsatz von Wärmepumpen in schlecht gedämmten Bestandsbauten gilt außerdem als schwierig, weil die Geräte hier an ihre Leistungsgrenze stoßen. Allerdings steigt ihre Effizienz, wie Untersuchungen desFraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE zeigen.

Darüber hinaus kämpfen Interessenverbände in Deutschland mit dem Argument, staatliche Regulierung müsse technologieneutral sein, für einen Weiterbestand von Öl- und Gasheizungen. Die Deutsche Energie-Agentur zeigte außerdem in einer breit angelegten Studie, dass der Einsatz von synthetischen Brennstoffen die Energiewende bis 2050 billiger machen könnte, als wenn nur mit Strom geheizt würde. von Susanne Ehlerding

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