Nahwärmenetze im Schwarzwald und Pellets in Stuttgart

Ländle probt die Wärmewende von unten

Andreas Groll zeigt die Pelletheizung im Stuttgarter Königin-Charlotte-Gymnasium. © Alexander Morhart

In einem Schwarzwalddorf wurden aus zehn Genossenschaftern 800, die nun den großen Energieversorger EnBW herausfordern. Die Stuttgarter Stadtverwaltung hält fünfmal mehr Holzpellets als heute für möglich – allerdings nicht in der Kernstadt. Auf Wärmewende-Pressereise im Ländle.

Klaus Gall, diplomierter Architekt mit Schreinerlehre, ist ein ruhiger, verschmitzter Mittfünfziger. Im kahlen Wirtschaftsraum neben dem Holzheizkraftwerk tritt er vor eine Journalistengruppe und beginnt in schwäbelndem Plauderton, von den Anfängen seiner Nahwärmegenossenschaft zu erzählen. Nach zwei Minuten horcht man auf und ab dann kommt auch jemand, der schon viele solcher Erfolgsgeschichten gehört hat, immer wieder ins Staunen.

Pfalzgrafenweiler, das ist einer der verstreuten Orte im Nordschwarzwald: Viel Wald, etwas Möbelindustrie, genügend Platz. Der richtige Ort für einen Investor, der hier dank der seinerzeit großzügigen EEG-Biomasse-Förderung ein Holzheizkraftwerk bauen konnte, ohne viel von der anfallenden Wärme verwerten zu müssen. Der Architekt der Kraftwerksgebäude war Klaus Gall. Mit einer kleinen kirchlichen Umweltgruppe überlegte er angesichts der alten Heizung im Gotteshaus: "Der Idealfall wäre, wenn die übrige Wärme aus diesem Kraftwerk zu unserer Kirche kommen würde."

Mit zehn Mitstreitern gründete Gall im Herbst 2008 die "Weilerwärme"-Genossenschaft. "Jeder von uns hat 10.000 Euro Bürgschaft an die Bank gegeben, und dann haben wir 140.000 Euro Darlehen bekommen." Genug für die ersten 200 Meter Nahwärmeleitung. Bis zur Kirche fehlten noch 1800 Meter; doch die Genossenschaft konnte entlang der Leitung schon mal ein paar Wohnhäuser anschließen. Und in der Satzung steht: Wer einen Nahwärmeanschluss will, der muss auch beitreten. "So waren wir dann im Jahr später schon über 100 Mitglieder."

"Dann wird's schon richtig sein"

Die Augen stets offen für Gelegenheiten bewarb man sich um den Titel "Bioenergiedorf". Eine der Voraussetzungen: Die Gemeinde musste alle kommunalen Gebäude ans Wärmenetz anschließen. Die Genossen konnten die Gremien für ihr Vorhaben gewinnen, und das Vertrauen der Entscheider überzeugte wiederum weitere potenzielle Wärmeabnehmer. Die Leute sagten sich: "Ok, wenn sogar der Bürgermeister sagt, das ist eine gute Sache, und der Gemeinderat beschließt, alle Gebäude anzuschließen, dann wird’s schon richtig sein", berichtet Gall. Der Damm war gebrochen: 2010 konnten sich Gall und die beiden anderen Vorstände über 271 neue Mitglieder der Genossenschaft freuen – eine Verdreifachung innerhalb eines Jahres. 388 waren sie nun, und Pfalzgrafenweiler war Bioenergiedorf.

Weilerwärme ließ eine Leitung nach der anderen verlegen. Es habe bis 2012 Straßenzüge mit 100 Prozent Anschlussquote gegeben, sagt Gall. "Da waren wir auch günstiger vom Kilowattstundenpreis als Öl, als das noch relativ teuer war." Heizöl und Erdgas – auch das gibt es im Ort – sind jetzt viel billiger als damals; auch billiger als die Kilowattstunde Nahwärme, um etwa zwei Cent je nach Anschlusswert.

In der Vollkostenrechnung günstiger

"Trotzdem behaupten wir, dass wir in der Vollkostenrechnung günstiger sind", sagt Gall und rechnet vor: Ein Nahwärmeanschluss für ein Einfamilienhaus kostet 4000 Euro. Der Betrag für die Übergabestation ist durch einen Zuschuss der KfW fast vollständig gedeckt. In Baden-Württemberg gilt das Erneuerbare-Wärme-Gesetz, wo man mindestens 15 Prozent der Wärme regenerativ erzeugen muss. "Wenn jetzt jemand eine alte Ölheizung rausreißt, eine neue reinmacht, muss er mindestens noch eine Solaranlage aufs Dach machen. Da ist man unter 15.000 bis 25.000 Euro normalerweise nicht dabei."

Und nicht nur die Abschreibung für die Anlage, sondern auch die Gebühren für den Schornsteinfeger und die jährlichen Wartungskosten müsse man mit einrechnen. Sie entfallen bei der Nahwärme; von der Klimabilanz gar nicht zu reden. So sehen es offenbar auch die meisten Hausbesitzer. Im Dorf sind mit über 28 Kilometern Nahwärmeleitung inzwischen 80 Prozent der Gebäude erschlossen. Das entspricht knapp 600 Liegenschaften, 3000 Haushalten und über 800 Mitgliedern.

Statt Anschlusszwang ein Kniff

Dafür brauchte es keinen Anschluss- und Benutzungszwang in Neubaugebieten, den die Genossen sowieso ablehnen. Aber einen Kniff haben sie da schon. Sie sind bei einem Baugebiet, das gerade in Planung ist, mit der Gemeindeverwaltung in Verhandlungen für folgende Regelung: "Die Gemeinde bezahlt 4000 Euro pro Grundstück, wenn wir die Leitung mit reinlegen. Und die verkaufen das Grundstück einfach 4000 Euro teurer an den Bauplatzkäufer."

Gall findet, diese 4000 Euro seien Gold wert: "Wenn ich ein Grundstück kaufe mit Kanalanschluss, mit Wasseranschluss, mit Stromanschluss, und habe sogar noch einen Heizungsanschluss – da muss ich nicht mal mehr einen Heizungsraum planen, da muss ich keinen Schornstein mehr planen."

Die rund 22,5 Millionen Kilowattstunden Nahwärme, die Weilerwärme derzeit jährlich liefert, stammen längst nicht mehr nur aus dem ursprünglichen Holzheizkraftwerk. Ein fast baugleiches ist 2015 hinzugekommen. Beide gehören mittlerweile je zur Hälfte einem Vorstandsmitglied privat und der Genossenschaft, und beide verwenden als Arbeitsmedium nicht Wasserdampf, sondern Thermoöl. Dieses Verfahren (ORC = Organic Rankine Cycle) erfordert weniger Sicherheitsaufwand, wenngleich die Stromausbeute geringer ist. Mit zusammen 6180 Kilowatt thermisch, ergänzt durch eine Biogasanlage und drei Erdgas-BHKWs, decken die beiden Heizkraftwerke die Grundlast.

Für die Mittellast gibt es fünf Holzhackschnitzel- und Spänekessel. Gall: "Da sind zwei große Möbelfabriken dabei; mit denen haben wir einen Vertrag geschlossen, dass sie in der ganzen Schwachlastzeit, den Sommer über bis in den Herbst, ihre Späne horten und ihren Kessel ausschalten; und im Winter wird die Wärme rückgeliefert und ins Netz eingespeist."

Und schließlich gibt es sieben Spitzenlastkessel mit Heizöl und Erdgas, auch als Ausfallreserve. So kommen unter dem Strich 17 Wärmeversorger zusammen, die je nach Jahr rund 80 Prozent der Wärmemenge regenerativ liefern, und zwar bei Netzverlusten um die 16 Prozent und mit einem zertifizierten Primärenergiefaktor von 0,0 – "rechnerisch sogar minus 0,2", wie Gall betont.

Eigene Leitungen führen zu Ärger mit EnBW

Zum Konflikt mit dem Stromnetz-Konzessionsinhaber EnBW kam es, weil die mittlerweile um "Weilerstrom" ergänzte Energiegenossenschaft begonnen hat, für ihren Ökostrom parallel elektrische Leitungen zu verlegen, wenn sie für die Wärmerohre den Boden sowieso aufgraben und verschließen lassen muss. Denn das Teure sind nicht die Rohre an sich (80 Euro pro Laufmeter), sondern die Erdarbeiten mit 180 Euro. "Die 180 Euro braucht man, ob man da nur eine Wärmeleitung reinlegt oder auch Stromleitungen oder Datenleerrohre."

Statt eines Netznutzungsentgelts von rund 7 Cent pro Kilowattstunde an die EnBW kommt Weilerstrom beim Selbstverlegen auf "zirka 2 Cent". EnBW hat geklagt. Der Gerichtstermin in Stuttgart ist am 9. November, und Klaus Gall gibt sich zuversichtlich.

95 Prozent erneuerbare Wärme im kirchlichen Mikronetz

Neben weiteren Stationen machte die Pressereise, veranstaltet von der Agentur für erneuerbare Energien (AEE) und dem Deutschen Energieholz- und Pellet-Verband (DEPV), auch in Stuttgart-Möhringen halt, wo Andreas Groll von der Herstellerfirma KWB zwei Pelletheizungen vorstellte. Die eine mit einer Nennleistung von 100 Kilowatt versorgt über ein sehr kleines sogenanntes Mikronetz die Kirche St. Hedwig samt Gemeindehaus, Pfarrhaus und Kindergarten. Nur an den wenigen sehr kalten Tagen wird ein Erdgaskessel dazugeschaltet, so dass 95 Prozent der Wärme erneuerbar geliefert werden.

Die andere Pelletanlage, eine von elf Holzpelletheizungen der Stadt Stuttgart und zugleich die größte, arbeitet im benachbarten Königin-Charlotte-Gymnasium KCG. Die 1,1 Millionen Kilowattstunden Wärme reichen derzeit aus, um das gesamte Schulzentrum zu 90 Prozent zu beheizen.

Jürgen Görres, Leiter der Abteilung Energiewirtschaft im Amt für Umweltschutz: "Unser Bestreben ist, mit wärmedämmtechnischen Verbesserungen diese Schule so hinzukriegen, dass wir dann langfristig nur mit dem Energieträger erneuerbare Holzpellets auskommen." Insgesamt hat die Stadt zurzeit 1270 Kilowatt thermische Holzpellet- und 2600 Kilowatt Holzhackschnitzelleistung installiert.

Auf die Frage von DEPV-Geschäftsführer Martin Bentele, ob man wie in Paris Pellets mit staatlicher finanzieller Unterstützung in die Kohleheizkraftwerke einblasen werde, wies Görres auf eine regional begrenzt verfügbare Menge hin: "Wir haben mal für Stuttgart so ein bisschen hochüberschlagen. Wir rechnen damit, dass das, was heute produziert und eingesetzt wird, vielleicht verfünffacht werden könnte. Denn wir wollen ja nicht aus Weißrussland die Pellets hierher transportieren."

Im Stuttgarter Kernbereich wolle man außerdem wegen der Feinstaub-Diskussion nicht zusätzlich Pellets einsetzen – hier "muss aus meiner Sicht die Fernwärme ausgebaut werden", findet Görres. EnBW baue derzeit ein Kraftwerk von Kohle auf Erdgas um. Bis 2050 dann solle dieses Gas zum Beispiel Biomethan sein – jedenfalls solle die Fernwärme "klimaneutral" werden. Von Alexander Morhart

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