Öko-Institut: Energieeffizienzmaßnahmen nicht verschlafen

Grüne Gase nur mit Effizienzstrategie

Prof. Eichhammer vom Fraunhofer ISI in Karlsruhe.

Wasserstoff und Methan aus Sonne und Wind seien nichts Schlechtes. Man dürfe nur nicht falsche Hoffnungen auf sie setzen und dabei wertvolle Zeit zur Umsetzung von Effizienzmaßnahmen verschlafen. Das ist die Botschaft eines „Expertendossiers“, vorgestellt in Berlin.

Drei der 23 Unterzeichner haben bei einem vom Effizienzverband Deneff organisierten Pressegespräch die Überlegungen und Forderungen dargelegt. Professor Wolfgang Eichhammer vom Fraunhofer ISI in Karlsruhe räumte dabei mit der weit verbreiteten Vorstellung auf, in einer zukünftigen europäischen Stromsystem mit über 90 Prozent Erneuerbaren falle jede Menge „Abfallstrom“ an, den man nur abregeln oder eben in Form von „grünen“ Gasen oder flüssigen Brennstoffen („Power-to-X“) nutzen könne. In ganz Europa würde nämlich in Zukunft nur Überschuss-Strom „in der Größenordnung von fünf Terawattstunden“ entstehen, sagte Eichhammer. „Die müssen sie stellen neben ein europäisches Stromsystem, das heute 3.000 Terawattstunden verbraucht.“ Für mehr der grünen Gase wären also zusätzliche Wind- und Solarkraftwerke nötig, vor allem im sonnenreichen Süden. Eine 370-seitige Studie im Auftrag des Umweltministeriums, https://www.oeko.de/fileadmin/oekodoc/Folgenabschaetzung-Klimaschutzplan-2050-Endbericht.pdf an der die beiden beim Pressegespräch anwesenden Forscherinnen des Öko-Instituts Julia Repenning und Katja Schumacher beteiligt waren, sagt: Von 340 Terawattstunden Import-Grüngas, das in der Klimapfadestudie des BDI fürs Jahr 2050 vorgesehen sei, stünden nur sechs Terawattstunden für Heizzwecke zur Verfügung. Das entspreche 1,5 Prozent der Heizkessel in Deutschland. Grünes Gas zu importieren sei zwar nötig, um 95 Prozent Treibhausgasminderung zu erreichen, solle aber Einzelfällen in schwierigen Bereichen wie Stahlindustrie und Landwirtschaft vorbehalten bleiben. Dafür spricht schon der voraussichtliche Preis: „Aktuelle Prognosen gehen von drei- bis sechsfach höheren Endverbraucherpreisen gegenüber heutigen Erdgaspreisen aus“, heißt es in der Studie.

Mehr und stärker sanieren…

Für die Energieversorgung von Gebäuden sehen die Forscher andere Möglichkeiten vor. Sie haben der Klimaschutzpolitik vor 2014 („Referenzszenario“) zwei „Zielpfade“ A und B gegenübergestellt, von denen sie A („Schwerpunkt Energieeffizienz“) bevorzugen. Dort werde die energetische Sanierungsrate von 1,2 Prozent auf etwa 1,9 Prozent sogenannte Vollsanierungsäquivalente angehoben, ebenso die Effizienz von Sanierungen gesteigert: Der Heizwärmebedarf eines energetisch voll sanierten Gebäudes soll demnach um 30 Prozent gegenüber einer Vollsanierung nach EnEV 2014 sinken. In Neubauten soll der Bedarf gegenüber den Mindestanforderungen der EnEV 2014 sogar um 34 Prozent sinken. Das beschert dem Bau- und Ausbaugewerbe, so haben es die Autoren ausgerechnet, sechs Prozent mehr Beschäftigte. Bis 2030, dem Zielhorizont der Studie, sollen „nur noch“ 49 Prozent der neu installierten Heizungen mit fossilen Brennstoffen befeuert werden. Den Rest sollen Wärmepumpen (32 Prozent), Biomasse (15 Prozent) und Solarthermie (4 Prozent) übernehmen. Die Trägheit des Bestands sorgt allerdings dafür, dass Öl auch in elf Jahren noch 8 Prozent der Endenergie in Gebäuden liefern würde. Fernwärme ist in der Energiewelt der Autoren dann schon auf dem absteigenden Ast und liefert nur noch 10 Prozent.

…nutzt auch der Volkswirtschaft

Für die Volkswirtschaft sieht Katja Schumacher „positive Effekte“ eines auf Effizienz getrimmten Zielpfads. Vor allem durch mehr Wertschöpfung im Baugewerbe und bei elektrischen Ausrüstungen für Wärmepumpen sowie die elektrischen Antriebe in Pkw steige „das Bruttoinlandsprodukt um 1,6 Prozent, die Beschäftigung um 1,2 Prozent gegenüber dem Referenzszenario.“ Auch würden, so kann man es in der Studie nachlesen, externe Kosten von 35,1 Milliarden Euro im Hinblick auf Treibhausgase und weitere in Höhe von 7,8 Milliarden Euro (jeweils Kaufkraft 2010) vermieden. Umso mehr beklagen die 23 Unterzeichner, darunter prominente Experten wie die Professoren Peter Hennicke, Uwe Leprich sowie der beim Pressegespräch ebenfalls anwesende Martin Jänicke, eine Bevorzugung grüner Gase gegenüber der Energieeffizienz: „Während das BWMi im Rahmen der Reallabore die grünen Gase mit mehr als 100 Millionen Euro fördert, gibt es kein vergleichbar ausgestattetes Programm für Reallabore für Energieeffizienz.“ Greifbare Folge eines „zaghaften und wenig strategischen Vorgehens der Bundesregierung“ sei, dass „sich die Energieeffizienz laut Expertenkommission zum Monitoringbericht zwischenzeitlich sogar verschlechtert hat.“

Gebäudeenergiegesetz soll fördern und fordern

Um das zu ändern, haben die Unterzeichner Maßnahmen aufgelistet, die sie für besonders geeignet halten, die Energieeffizienz voranzubringen. Dazu gehören die Einführung eines CO₂-Preises für den Wärme- und Verkehrssektor von mindestens 50 Euro pro Tonne; ein „für Laien verständliches und praxisnah anwendbares“ Gebäudeenergiegesetz, „unterstützt durch eine degressiv verlaufende Förderung eines ‚Deckungsfehlbetrages’ zur Wirtschaftlichkeit; außerdem „attraktive Steueranreize“ für Energieeffizienzmaßnahmen in Gebäuden. Nicht mehr gefördert werden sollen dagegen fossile Heizkessel. Und wenn erneuerbare Gebäudetechnik-Nachrüstung gefördert werde, solle es eine „Umsetzungspflicht für geringinvestive Energieeffizienzmaßnahmen“ wie den hydraulischen Abgleich geben. von Alexander Morhart 

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