Studie untersucht gering investive Maßnahmen bei Mietwohnungen

Einsparerfolg bei Heizungen hängt von Systemarchitektur ab

Bei Mietwohnungen sind Einsparungen durch Sanierung wichtig. © A. Morhart

Eine mehrjährige Studie untersucht die Einsparung durch niedriginvestive Energiesparmaßnahmen in 79 Mietshäusern. Der erste Zwischenbericht wird Mitte Oktober erwartet. EnBauSa hat vorab mit Professor Viktor Grinewitschus von der Bochumer EBZ Business School gesprochen.

Der „Praxistest“ im Auftrag einer „Allianz für einen klimaneutralen Wohngebäudebestand“, zu der sich die Wohnungswirtschaft (GdW) mit diversen Heizungsfirmen und Messdienstleistern zusammengefunden hat, umfasst deutschlandweit rund 700 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern. Fördermittel kommen vom Wirtschaftsministerium, und außer den Bochumer Forschern ist auch die TU Dresden beteiligt.

Die Studie umfasst ein breites Spektrum von Maßnahmen in einem Kostenrahmen, in dem Wohnungsbaugesellschaften bereit sind zu investieren („niedriginvestiv“). Einem Teil der Hausbewohner wurden im Rahmen des Projekts kostenlos programmierbare Thermostatventile angeboten. Grinewitschus: „In manchen Gebäuden haben sich fast alle Mieter beteiligt, in manchen auch nur drei oder vier Parteien.“ 71 dieser Haushalte hätten ausgewertet werden können. Es sei jeweils fortlaufend die Heizkörper- und die Raumtemperatur gemessen worden.

Mehr- und Minderverbräuche zu gleichen Anteilen

Bei 61 Prozent der Haushalte sei es zu einer signifikanten Änderung des normierten flächenbezogenen Verbrauches gekommen, bilanziert Grinewitschus. „Diese teilten sich zu gleichen Anteilen in Mehr- und Minderverbräuche auf.“ Bei dem Teil der Bewohner, bei denen es zu Einsparungen gekommen sei, hätten sich die Verbräuche auf Wohnungsebene im Mittel um 26 Prozent reduziert. „Bei dem Teil der Nutzergruppe mit Mehrverbräuchen waren die durchschnittlichen Mehrverbräuche in einer ähnlichen Größenordnung.“ Bei den Mietern mit einem überdurchschnittlichen Verbrauch hätten deutlich mehr Mieter gespart als mehr verbraucht (62 Prozent zu 38 Prozent).

Eine starke Einsparung sei dort eingetreten, wo Bewohner zum Beispiel eine Nachtabsenkung statt dem bisherigen Durchlaufenlassen der Heizung programmiert hätten. „Mehrverbrauch dagegen kann zum Beispiel entstehen, wenn die initiale Programmierung ausgeschaltet wird, jemand die Raumtemperatur zu Anfang relativ hoch einstellt und dann nichts mehr an der Einstellung ändert.“ Es gebe beispielsweise auch Leute, die vorher das Bad kaum beheizt hätten, das aber durch die Möglichkeiten des Vorprogrammierens nach dem Einbau täten.

Auf Gebäudeebene lässt sich mehr einsparen

Mehr- und Minderverbräuche zu gleichen Anteilen – das ist nicht gerade das, was man sich als Mieter erhofft. Von ganz anderen Erfahrungen berichtet Severin Beucker vom Berliner Borderstep Institut. In sechs Gebäuden mit zusammen 224 Wohnungen der Berliner Genossenschaft „Zentrum“ wurde für sämtliche 11.860 Quadratmeter ein System aus Messfühlern und Steuerungselementen eingebaut. Die Plattenbauten waren 1966 erbaut und später teilsaniert worden.

Beucker: „Vergleichsgebäude der gleichen Bauweise benötigen für die Raumheizung im Durchschnitt 80,8 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Nach der Nebenkostenabrechnung der Jahre 2017 und 2018 konnte dort der Energieverbauch auf durchschnittlich 61,4 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr gesenkt werden.“ Das entspricht einer Einsparung von 24 Prozent – nach Aussage von Beucker ein typischer Wert. „Die Firma Riedel hat zum Beispiel in Deutschland knapp über 30.000 Wohnungen mit diesem System ausgerüstet. Sie sind seit den 90er Jahren im Einsatz. Auch wenn man die Warmwasserbereitung einrechnet, liegt die Einsparung praktisch immer über 20 Prozent gegenüber Vergleichsgebäuden.“

Das „Geheimnis“ besteht darin, dass bei diesem System die Steuerung Durchgriff auf den Heizkessel – hier ein BHKW mit bis zu 34 Kilowatt elektrischer und 78 Kilowatt thermischer Leistung – hat. Die maßgebliche Norm DIN EN 15232 ordne, so Beucker, Systeme auf dieser Ebene der Automatisierungsklasse A zu. „Die meisten anderen Systeme gehören zur Klasse B, optimieren also auf Wohnungsebene. Die sind träge und überheizen, wenn viele Bewohner gleichzeitig das Heizkörperventil aufdrehen. So etwas ist bei mehr als 10 Wohnungen nicht mehr sinnvoll.“ Optimiere man dagegen ein ganzes Gebäude, „dann sind die Potenziale größer, weil ich die Heizbedarfe unterschiedlicher Wohnungen ausgleichen kann.“

Künstliche Intelligenz im Haus

Das Riedel-System fasst Mess- und Steuerungsdaten aus dem gesamten Gebäude zusammen, kombiniert das mit der Wetterprognose und berechnet daraus in Echtzeit die optimale Heizkurve. Beucker: „Wenn Sie das System installieren, braucht es wenige Wochen, um aus Aufheiz- und Abkühlvorgängen die Gebäudephysik kennen zu lernen. Das ist ein selbstlernendes System mit künstlicher Intelligenz; da greift keiner mehr ein.“ Ein weiterer Unterschied zu den Wohnungen des Bochumer Projekts: In Berlin kann das System über eine Anwesenheitserkennung die Heizung in den Zimmern herunterregeln, in denen sich gerade niemand aufhält.

Dennoch blieben die Kosten beim Berliner Projekt mit knapp 30 Euro pro Quadratmeter beheizter Wohnfläche ebenfalls noch im niedriginvestiven Bereich. Laut Endbericht konnten damit die Heizkosten um fast 18 Prozent auf durchschnittlich 70 Cent pro Quadratmeter und Monat reduziert werden. Severin Beucker: „Ein Automatisierungssystem amortisiert sich typischerweise in zehn Jahren.“

Hinzu kommt, dass die Wohnungsgenossenschaft mit den gewonnenen Messdaten komplette Nebenkostenabrechnungen machen kann: Sowohl die Wärmemengenzähler als auch der Hersteller der Automatierungstechnik – die Dr. Riedel Automatisierungstechnik wurde im vergangenen Jahr von Kieback&Peter aufgekauft – sind dafür zertifiziert. Damit können die Kosten für die Ablesedienstleistung eingespart werden, die in der Regel mehr als zehn Prozent der Heizkosten ausmachen.

Strom puffern durch „Überheizen“

Derzeit erprobt das Borderstep Institut in der Berliner Wohnanlage im Rahmen des Forschungsprogramms „Windnode“ praktisch, was bisher bauphysikalisch getestet worden war: Das vorübergehende „Überheizen“ der Gebäude um bis zu etwa 1 Grad. Die Idee dahinter ist, so indirekt Strom zu puffern.

Das Netzentgelt könnte, um dafür ein Geschäftsmodell zu schaffen, für BHKW, die mit Biogas oder synthetischem Erdgas betrieben werden und in Zeiten von Strommangel einspeisen, von jetzt ca. 5 ct/Kilowattstunde auf null gesenkt werden. Beucker: „Das könnte sogar noch viel weiter gehen: Der BHKW-Betreiber könnte sagen, ich statte alle Mieter im Haus mit intelligenten Haushaltsgeräten (zum Beispiel einem Kühlschrank) aus. Denn dadurch sinkt der Grundverbrauch im Gebäude, und ich kann mehr Strom ins Netz einspeisen.“ Ergebnisse seien Ende 2020 zu erwarten.

Und auch die Bochumer forschen noch zwei Jahre weiter. Viktor Grinewitschus plant „Interviews mit den Mietern, um die festgestellten Effekte besser zu verstehen und die Mieter dahingehend zu unterstützen, dass die vorhandenen Potenziale in der Praxis auch erreicht werden.“ von Alexander Morhart

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