Bezahlbare KfW-40-Gebäude in Berlin-Weißensee geplant

Holz-Beton-Bauweise erklimmt Geschosse

Christoph Deimel vom Büro Deimel Oelschläger bei der Vorstellung des Projekts. © Alexander Morhart

Wohnhäuser mit Energiestandard KfW 40, Holzaußenwände, sichtbare Holzdecken, Treppenhaus-Betonkern: Der Architekt Christoph Deimel skaliert dieses Konzept gerade von 280 auf 12.000 Quadratmeter Nutzfläche hoch – mit fünf Fünfgeschossern in Berlin-Weißensee.

Bei mehreren anderen Gebäuden hatte der zertifizierte Passivhausplaner Deimel, der seit 18 Jahren mit einer Partnerin und derzeit sieben Mitarbeitern ein Büro in Berlin betreibt, eine ähnliche Mischbauweise schon erprobt: ein Treppenhaus als massiver Kern, ergänzt um Holzelemente.

Zunächst waren bei diesen kleinen Mehrfamilienhäusern aber nur die vorgehängten Tafelbaufassaden aus Holz. Bei einem im vergangenen Jahr fertiggestellten dreigeschossigen Einfamilienhaus mit 280 Quadratmeter Wohnfläche ließ Deimel zum ersten Mal auch die Geschossdecken aus sichtbarem Holz fertigen. Dieses Konzept will er nun auf größere Bauten anwenden, nämlich auf fünf Gebäudequader, die ab 2019 das "Quartier wir" bilden sollen.

Auf einem 7000-Quadratmeter-Grundstück an der Piesporter Straße neben dem jüdischen Friedhof in Weißensee werden insgesamt 112 Wohnungen entstehen; dazu diverse Gemeinschaftseinrichtungen, ein Café und ein Restaurant. Vier der Gebäude wird eine eigens gegründete Genossenschaft vermieten, einen Teil davon als Sozialwohnungen.

Kosten ähnlich wie im Ziegelbau oder bei Fertighäusern

Das fünfte und mit 3740 Quadratmeter Wohnfläche größte Haus des Projekts birgt 38 Eigentumswohnungen. Im Vergleich mit dem erwähnten Einfamilienhaus sind hier die Anforderungen an Brandschutz und Schallschutz höher. Doch obwohl außerdem zusätzlich Aufzüge und eine Tiefgarage vorgesehen sind, bleiben die Kosten auf ähnlichem Niveau: Der mit der Unternehmensgruppe Thomas Bestgen vereinbarte Preis entspricht 2400 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche für die Kostengruppen 300 (Baukonstruktionen) und 400 (technische Anlagen).

Ungefähr fünf bis sieben Prozent teurer als ein konventioneller Bau sei das Bauen mit Holz, sagte Christoph Deimel bei der Vorstellung seines Projekts beim Berliner Aktionskreis Energie. Er rechtfertigte das unter anderem mit einem Ausgleich durch niedrige Energiekosten. Damit stellte er das Licht seiner Konzeption schon fast ein bisschen unter den Scheffel, vergleicht man diese Holzbaukosten zum Beispiel mit den ähnlich hohen des KfW-40-Ziegelbaus "Lavidaverde" oder auch mit den mitunter fast doppelt so hohen Kosten von energieeffizienten Fertighäusern aus Fachwerk, über die EnBauSa bereits berichtet hat.

Um den KfW-40-Standard zu erreichen hilft es beispielsweise, dass beim Warmwasser zum Schutz vor Legionellen nicht die Temperatur angehoben, sondern pro Wohnung eine Frischwasserstation eingebaut wird. Die Station enthält einen Wärmetauscher, der die benötigte Wärme aus dem Heizungswasser zieht. Dieses kommt von einem Pufferspeicher im Keller, und die Energie für dessen Wärme stammt wiederum aus dem Fernwärmesystem.

Doch abgesehen davon sind es vor allem die bauphysikalischen Eigenschaften von Deimels Bauweise selbst, die zum Erreichen von KfW 40 beitragen – was auch Not tut, da ein recht ungünstiger Primärenergiefaktor der Fernwärme an diesem Standort auszugleichen ist.

Holztafeln mit geringer Wärmeleitfähigkeit

Die Fassade besteht hauptsächlich aus Holztafelelementen, 24 Zentimeter tief und mit Zellulosefüllung, die an sich schon eine viel geringere Wärmeleitfähigkeit haben als zum Beispiel Beton. Außerdem sind die Tafelelemente, wenn sie an der Baustelle vom Autokran abgeseilt werden, bereits mit einer zu verputzenden sechs Zentimeter dicken Holzweichfaserplatte als Außendämmung und mit sechs Zentimeter Mineralwolle als Innendämmung versehen.

Hier "geht keine Energie raus", vereinfachte Christoph Deimel die Physik ein bisschen, und zeigte eine Wärmebildaufnahme, auf der ein Messpunkt an der Oberfläche der ungestörten Fassade die gleiche Temperatur wie die Außenluft (minus 4,8 Grad) hat. "Die Verluste liegen in den Fenstern in den bekannten Schwachpunkten Rollokasten und so weiter." Zumindest ein Dauerkippen der Fenster und ein damit verbundener Wärmeverlust sind in Weißensee kaum zu befürchten, denn der Architekt hat eine Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung vorgesehen.

Für die Konfiguration der Lüftung im Detail hat er seine Erfahrung aus Projekten mit wohnungsweise zentraler Belüftung genutzt und die Lüfteraggregate nicht in der jeweiligen Wohnung platziert, sondern immer für mehrere Wohneinheiten zusammen im Treppenflur. Dass so sämtliche Wartung aus dem Treppenhaus gemacht werden kann, verringert beim Filterwechsel zweimal im Jahr den organisatorischen Aufwand. Das fällt bei diesem Objekt ins Gewicht, weil es viele kleine Wohnungen bis herunter zu 60 Quadratmetern gibt.

Die Lüftungsleitungen sollen auf der Oberseite der Massivholzdecken verlegt werden, genauer gesagt: in einer gebundenen Perlitschüttung zwischen Holzdecke und Zementestrich. Die Holzdecken selber bestehen aus kreuzweise verleimten Elementen, je sechs oder sieben Meter lang und 2,50 oder 3,50 Meter breit.

Mittlerweile beliefern fünf Unternehmen den Berliner Raum, die aus Deimels 2-D-Ausführungszeichnungen im Maßstab 1:50 sogenannte Werkstattzeichnungen herstellen können. Das sind 3-D-Modelle, aus denen die Stücklisten fürs Sägewerk hervorgehen. Die zugesägten Holzteile werden dann in einer weiteren Firma zu Decken- und Tafelelementen zusammengebaut.

Sicherheitstreppenhaus als neue Brandschutzmöglichkeit

Anders als die raumseitige Oberfläche der Wände, die mit Ausnahme der Stützen einen Putz bekommen soll, wird die Unterseite der Massivholzdecken in allen Räumen sichtbar sein. Das setzt jedoch einen umfangreichen Brandschutz voraus – konstruktiv-vorbeugend und was die Rettungswege angeht.

Zum Teil steht freilich kein geeigneter Platz als Aufstellfläche für Feuerwehrfahrzeuge zur Verfügung. Deimel nutzt daher eine neuerdings zulässige Möglichkeit aus der Berliner Bauordnung, die ein Betontreppenhaus zum "Sicherheitstreppenhaus" macht: "Wenn ein Brand ist, wird da Luft eingeblasen, um das rauchfrei zu halten." Die dafür notwendige Technik lässt ein solches Treppenhaus 30.000 Euro mehr kosten – im Vergleich zu vielleicht 20.000 Euro Mehrkosten für eine Außentreppe aus Stahl, die sonst verlangt würde.

Neben der Fülle solcher fachlicher Details brachte Christoph Deimels auch die Veränderungen der vergangenen zehn Jahre beim Holzbau auf den Punkt: "Dass wir das Holz sichtbar verbauen können; dass wir in hohe Geschosse reinkommen; und dass kommunale, gemeinnützige Gesellschaften auf diese Bauweise einschwenken". Von Alexander Morhart

 

 

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