"Deutschland nimmt keine Vorreiterrolle ein"

E-Wärme-Gesetz spart jährlich 380 000 Tonnen Treibhausgase ein

Ministerialdirektor Helmfried Meinel kritisiert das Klimapaket der Bundesregierung. © Anne Leipold

Kommunale Wärmeplanung, den Pessimismus an den Nagel hängen und attraktive Beispiele energetischer Gebaudesanierung: Die Fachtagung Herbstforum Altbau Zukunft war auch in diesem Jahr wieder Forum für Diskussionen und innovative Sichtweisen.

Entscheidungen treffen, die auch einmal unangenehm sind. In dieser Pflicht sieht Ministerialdirektor Helmfried Meinel vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg die Politik. Er spielte auf dem Herbstforum Zukunft Altbau auf das Klimapaket der Bundesregierung an. Das ist ihm nicht weitreichend genug. „Die Politik hat zu spät erkannt, dass das Thema Klimawandel wichtig ist“, sagte Meinel. Es gelte sorgsam mit dem Planeten umzugehen, denn es sei bereits zwei vor zwölf. „Zur Zeit nimmt Deutschland keine Vorreiterrolle ein“, monierte er. „Unterirdisch“ bezeichnet er, dass Mindeststandards nicht dem entsprechen würden, was für das Klima notwendig seien. Es werde gesetzlich nicht einmal zügig nachgearbeitet. Es müssten wesentlich tiefgreifendere Maßnahmen angestoßen werden, grüner Wasserstoff beispielsweise. Natürlich sei es sinnvoll, Ziele zu setzen. Wichtiger aber sei das Monitoring, also nachsteuern und besser machen. „Das ist das einzig Gute am Klimapaket der Bundesregierung“, sagte Meinel.

Ländle kann erneuerbar

Erneuerbare Energien kann das Ländle zwar, schnitt es die Tage im Länder-Vergleich der Agentur für Erneuerbare Energien zusammen mit Schleswig-Holstein am Besten ab. Baden-Württemberg hat als erstes Bundesland im Jahr 2013 ein Klimaschutzgesetz mit klaren Vorgaben verabschiedet. Die gesetzten Ziele für 2020 werden allerdings verfehlt. Die CO2-Emissionen werden nicht wie geplant um 25 Prozent gesenkt werden. So fällt Meinels Kritik an der Berliner Politik nicht ganz so harsch aus wie im vergangenen Jahr. Damals hatte er deutlich die Verabschiedung des Gebäudeenergiegesetzes angemahnt, das nun auf der Zielgeraden ist. Ziel bleibe, den Ausstoß des Treibhausgases bis 2030 um 42 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 zu reduzieren, sagte Meinel.

"E-Wärme-Gesetz wirkt"

Mehrere Punkte sind Meinel daher wichtig. Die Großstädte sind zu einer kommunalen Wärmeplanung verpflichtet. Später soll das Konzept auf kleinere Kommunen ausgeweitet und mit Anreizen gearbeitet werden. Das erneuerbare Wärmegesetz, Alleinstellungsmerkmal des Landes, nimmt den Bestand in die Pflicht, „und es wirkt“, betonte Meinel. Jährlich würden 380 000 Tonnen weniger Treibhausgase ausgestoßen. Schließlich soll die Förderung der seriellen Sanierung den klimaneutralen Gebäudebestand voranbringen. Die Sanierungsrate soll von einem Prozent auf zwei Prozent angehoben werden. Das bedeutet, dass der Bestand nicht einmal in 100 Jahren sondern in 50 Jahren saniert werde, erklärte Meinel. Sanierungen ließen sich durch die industrielle Vorfertigung in kurzer Zeit realisieren, das beuge Engpässen in der Baubranche vor, hob er auf die Vorteile ab.

Eine weitere Botschaft seinerseits: „Klimaschutz muss nicht an hohen Kosten scheitern.“ Eine Ausstellung während des Herbstforums zeigte eine Reihe an Projekten, die kostengünstig klimagerecht saniert wurden und dafür mit dem „Effizienzpreis Bauen und Modernisieren“ ausgezeichnet wurden. „Klimaschutzmaßnahmen im Gebäudesektor müssen ambitioniert betrieben werden“, betonte er. Allein schon, weil es den Wert des Gebäudes und den Wohnkomfort erhöhe sowie die Betriebskosten senke.

Im Zuge der Fridays for Future Bewegung wurden Anna Bäuerle und Sander Frank, Vertreter des Jugendbeirats der Nachhaltigkeitsstrategie Baden-Württemberg, auf die Bühne gebeten. Sie erhielten die Möglichkeit, mit Meinel ins Gespräch zu kommen. Sie sprachen zu niedrige Sanierungsraten an und fragten unter anderem, wie verschuldete Kommunen bei geringen Renditen in der Sanierung unterstützt werden sollen. Auch hier kam Meinel auf das Klimapaket zu sprechen: Dieses wäre vor 15 Jahren mutig gewesen. Er machte deutlich, dass die CO2-Bepreisung und Pendlerpauschale überarbeitet werden müsse. Die Botschaft der Jugen: „Wir müssen zukunftsgerichtet vorangehen“, sagte Bäuerle.

Platz für Optimismus

Zum Thema Zukunft brachte Sozialpsychologe Professor Harald Welzer einen interessanten Aspekt in der Diskussion um den Klimaschutz und Klimawandel ein. Statt in düsteren Szenarien hängen zu bleiben, gelte es den Pessimismus an den Nagel zu hängen und dem Optimismus Platz zu machen. Schwierige Aufgaben habe die Menschheit schon immer bewältigen müssen. Statt dauernd optimieren zu wollen, dürfe auch geschaut werden, in welchen Bereichen der Mensch ineffizient, langsamer und betulicher sein darf. Klimaschutz müsse als etwas gesehen werden, was Freiheiten nicht einschränkt.

Anstelle von Geschichten, in denen es nur um Konsum gehe, sei die Dematerialisierung der Weg ins 21. Jahrhundert. Dabei gehe es darum, Zukunft als etwas erreichbares und gestaltbares zu sehen – ein attraktives Zukunftsbild anbieten.

Emissionen werden vermieden, je weniger Autos fahren, das ist klar. Autos verbrauchen außerdem hohe Flächenanteile. 12,6 Prozent der Fläche in München werden nur fürs private Parken genutzt, sagte Welzer. Stünden auf der Fläche Wohnungen, würden die Mietpreise anders aussehen. „Wir müssen beginnen anders zu denken, auch im ländlichen Raum“, betonte Welzer. Ist ein Laden im Ort oder ein Co-Working-Platz in der Landgemeinde, bleibt das Auto stehen. Es geht darum attraktive Geschichten zu erzählen, die dem Konsumverhalten entgegenstehen. „Wir müssen anders sprechen, an andere Orte schauen“, betonte er.

Anregungen für postive Geschichten erhielten die rund 500 Teilnehmer des Herbstforums zur Genüge: Serielle Schulsanierung im Allgäu, der Nullenergieturm in Radolfzell, der als Hotel genutzt wird, Beispiele der Sektorenkopplung in Wohngebäuden sowie das Sonnenhaus, das soweit wie möglich unabhängig von fossilen Energien funktioniert. Begleitet wurde das Herbtsforum wieder von einer Fachausstellung zur energieeefizienten Gebäudesanierung. Von Anne Leipold

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