Christian Stolte, Bereichsleiter energieeffiziente Gebäude der Deutschen Energieagentur

Bestandssanierung bringt mehr als härtere Neubau-EnEV

Die Gebäudesanierung stagniert, eine Verschärfung der energetischen Standards für Neubauten ist in die Kritik geraten. Christian Stolte, Bereichsleiter energieeffiziente Gebäude der Deutschen Energieagentur (Dena), hat berechnet, dass eine Verschiebung der EnEV-Verschärfung im Neubau für die Klimawende kaum Relevanz hat. Steuerliche Abschreibung für Eigenheimerbesitzer, eine Energieberatungsoffensive oder flächendeckende Kommunikation zum Sanierungsfahrplan nennt er im Interview mit EnBauSa.de als mögliche Maßnahmen, um bei Sanierung einen Schritt nach vorne zu machen. Der Wohnraumgipfel habe sich zu sehr auf den Neubau konzentriert.

Halten Sie eine weitere Verschärfung der EnEV-Standards im Neubau  im Moment für sinnvoll?

Das ist eine spannende Frage. In manchen Fällen rechnet es sich, in anderen nicht. Immerhin werden 50 Prozent aller Neubauten mit einem hohen Effizienzstandard gegenwärtig über die KfW gefördert. Wenn man die EnEV verschärft, werden gleichzeitig die Hürden für eine Förderung höher. Deswegen bin ich hin- und hergerissen. Ich halte eine Beibehaltung derzeit für gut, weil das für den Moment etwas Ruhe in die Diskussion bringt. Außerdem ist die Relevanz einer etwas verschobenen Verschärfung überschaubar. Auf keinen Fall darf man aber Standards zurückschrauben.

Erstellt man bei einer Beibehaltung des derzeitigen Niveaus nicht künftig Neubauten auf einem zu schlechten Standard, wenn man Klimaneutralität will?

Ich habe mal versucht das zu überschlagen. Ich gehe dabei von einem Prozent Neubaurate aus, 50 Prozent werden ohnehin schon auf einen besseren Standard gefördert und einer Verschiebung der Verschärfung um drei Jahre. 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr ist die Differenz, die man mit einer Verschärfung einsparen würde. Damit haben wir einen Wirkmechanismus von 0,2 Prozent unseres gesamten Energieverbrauchs im Gebäudebereich, das ist in etwa die Größenordnung. Da ist es besser, die Energien darauf zu verwenden, wie man im Bestand etwas bewegt. Man kann damit leben, dass man über einige wenige Jahre beim jetzigen Niveau der Verordnung bleibt und über eine intensive Förderstrategie den Anteil noch über 50 Prozent ausweitet.

Wo sehen Sie Optionen im Bestand? Da ist ja wenig in Bewegung....

Das stimmt, wir kommen nicht so richtig voran. Im Bestand hinken wir bei der Gebäudehülle und bei der Anlagentechnik stark hinterher. Da hat man ganz andere Größenordnungen die man einsparen kann als im Neubau.

Werden die Themen Sanierung und Effizienz im Moment verdrängt durch die Debatte um Sektorkopplung?

Die GEEA-Gebäudestudie und die Dena-Leitstudie haben gezeigt, dass es nicht ein einzelnes Segment gibt, das uns im Gebäudebereich rettet. Wir brauchen ein Zusammenspiel aus einer verbesserten Gebäudehülle, einer guten effizienten Anlagentechnik mit erneuerbaren Energien. Wir müssen aber auch schauen, wie wir die Energieträger besser machen, zum Beispiel durch Power-to-X. Wir brauchen diese Dreifachstrategie. Ich sehe Chancen und Notwendigkeiten, dass im Bereich der Sektorkopplung etwas passiert, aber wir dürfen über so eine Diskussion die anderen Herausforderungen nicht aus den Augen verlieren. Das ist die Krux im Gebäudebereich: Wir müssen im Prinzip immer die Augen in alle Richtungen offenhalten und das Thema an vielen verschiedenen Stellen voranbringen.

Steuerliche Absetzbarkeit könnte doch noch kommen

Reichen im Moment die vorhandenen Maßnahmen aus, um die Sanierung stärker in den Fokus zu rücken?

Nein, da passiert zu wenig, die Maßnahmen reichen nicht. Ein Thema ist die steuerliche Absetzbarkeit. Das ist schlimm, wenn man das über Jahre diskutiert und es kommt nichts. Es ist wichtig, dass es eingeführt wird, wie es ja auch im Koalitionsvertrag steht. Das ist ein Instrument, das auf das Segment der privaten Eigentümer abzielt und eine sehr starke Wirkung entfalten kann.

Haben Sie wirklich noch Hoffnung, dass das kommt?

Natürlich habe ich Hoffnung, und wir versuchen auch weiter Impulse zu setzen. Ich weiß, dass es im politischen Raum dafür glühende Verfechter gibt.

Gibt es konkrete Hinweise von politischen Akteuren die sagen, das wuppen wir noch?

Es gibt eine ganze Reihe von Akteuren, die das noch nicht begraben haben und es gibt hinter den Kulissen ein politisches Ringen darum. Das Thema ist nicht tot.

Da bin ich ja mal gespannt. Hat denn der Wohnraumgipfel Impulse gebracht, dort hat die Effizienz ja keine große Rolle gespielt?

Der Wohnraumgipfel war ein sehr neubauorientierter Gipfel. Der Gebäudebestand war nicht im Fokus. Die Dena konnte an dem Gipfel teilnehmen und hat auch Themen wie Bestandssanierung, die steuerliche Absetzbarkeit und Lösungen in Quartieren angesprochen. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht ausschließlich auf den Neubau konzentrieren.

Müsste es nicht eigentlich einen Sanierungsgipfel geben?

Das wäre sicher eine super Idee. Ein Gipfel der sich damit beschäftigt, wie wir den Gebäudebestand auf die Spur kriegen, dass die Klimaziele erreicht werden.

Gebäudekommission muss schnell handeln

Diskutiert wird in diesem Zusammenhang über eine Gebäudekommission auf Bundesebene. Ist das eine Idee, die Sie für sinnvoll halten?

Das kommt auf den Auftrag und das Ergebnis an. Ich kann mir vorstellen, dass man eine Gebäudekommission so strukturieren kann, dass sie eine Wirkung entfaltet. Dazu gehört aber vor allem Tempo. Sie muss bald kommen. Im Moment wird sie immer mal wieder angerissen als Thema, aber wann und in welcher Form sie kommt, weiß noch niemand. Es ist aber auch niemand geholfen mit einer Kommission, die irgendwann 2019 tagt und dann 2020 oder 2021 einen Bericht vorlegt. Das ist zu langsam.

Sie haben an angesprochen, dass sich bei der Gebäudesanierung weniger tut als noch vor einigen Jahren. Hängt das auch mit der erneuten Umorganisierung der Ressorts und der Einordnung des Baubereichs ins Innenministerium zusammen?

Ich weiß nicht, ob eine solche Umstrukturierung unmittelbar Auswirkungen auf den Sanierungsmarkt hat. Bei den Eigentümern nimmt das niemand wahr. Die Wirkung des etablierten CO2-Gebäudesanierungsprogramm von KfW und BMWi ist da viel wichtiger. Und um mehr Schwung reinzubringen, wären eine Sanierungskampagne, eine Energieberatungsoffensive oder eine flächendeckende Kommunikation zum individuellen Sanierungsfahrplan richtig gute Instrumente, die etwas bewegen könnten.

Sanierung soll in den Fokus der gesellschaftlichen Debatte

Aber dass diese Kernthemen nicht adressiert werden, hängt doch damit zusammen, dass es im Moment im Bundesinnenministerium keinen Fokus gibt auf das Thema Bauen im Bestand gibt...

Das Thema Bestandssanierung in der Energiewende ist in der kompletten gesellschaftlichen Debatte leider in den Hintergrund gerückt. Wir müssen erreichen, dass das wieder mehr in den Fokus rückt und wir wieder mehr Druck auf den Kessel bekommen. Dann wird es wieder leichter, Maßnahmen zu verabschieden.

Sie meinen, es fehlt Druck von unten, nicht von oben?

Es ist beides und bedingt sich gegenseitig. Wenn die Gesellschaft über Klimawandel und Energiewende diskutiert, agiert die Politik. Wenn die Politik entsprechende Weichen stellt, gibt es bei den Eigentümern Nachfrage. Eine politische Handlungsmöglichkeit wäre, eine große Energieberatungsoffensive zu machen - das könnten die beteiligten Ministerien auch gemeinsam beschließen. Das wäre eine richtig innovativer Ansatz.

Entscheidende Weichenstellung soll das Gebäudeenergiegesetz bringen. Wie ist denn da der aktuelle Stand?

Meines Wissens ist es noch in der Ressortabstimmung zwischen den Ministerien. Die großen Pflöcke sind wohl abgestimmt, es ist aber noch eine Menge "Kleinkram" zu klären.

Im Gebäudeenergiegesetz könnte es auch eine Umstellung des Bilanzierungsverfahrens auf CO2 geben. Was halten Sie davon?

Wir haben jetzt schon die Diskussion, dass die komplette Bilanzierung sehr komplex und gleichzeitig bei vielen Energieberatern aber ein eingeführtes Verfahren ist. Daher bin ich skeptisch, wenn man das kurzfristig über den Haufen wirft. Wenn man das jetzige Verfahren beibehält und CO2 zusätzlich ausweist, ist das sicher eine gute Idee. Ich bin insgesamt nicht überzeugt davon, dass beim Gebäudeeigentümer CO2 vorstellbarer oder greifbarer ist, als Primärenergieverbrauch oder Endenergieverbrauch. Sich ein Kilo CO2 haptisch vorzustellen, ist ja auch nicht einfach. Dass man perspektivisch CO2 in den Fokus nimmt und im Kontext der Vereinfachung einer Bilanzierung als Bemessungsgröße nimmt, kann ich mir hingegen schon vorstellen. Aber da muss man sich die Verfahren genauer anschauen und weiterentwickeln, vielleicht kann es dann ja gelingen, einfacher zu werden.

Was halten Sie davon, die Bilanzierung auf CO2-Basis optional zu ermöglichen?

Als Option ist das in Ordnung, aber eine generelle Umstellung halte ich nicht für gut. Um Erfahrungen zu sammeln kann die Option aber eine gute Möglichkeit sein.

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