Quelle: DEUTSCHE ROCKWOOL

Broschüre

Wiederverwertung mit Hindernissen

EPS-Dämmabfälle können jetzt in einer neuen Anlage wiederverwertet werden – ein erster innovativer Schritt. Foto: PolyStyrene Loop

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat ihre Broschüre „Innovationen in der Wärmedämmung“ über die Chancen klima- und ressourcenschonender Dämmstoffe vorgestellt. Über weite Strecken ist sie auch eine Beschreibung von Hindernissen und fehlenden Rahmenbedingungen.

So mag es nicht verwundern, dass nach der DUH-Veröffentlichung von den gut 200.000 Tonnen Dämmstoff, die jährlich beim Abbruch von Gebäuden anfallen, etwa 70 Prozent einfach deponiert werden. Organische Dämmstoffe landen in der Regel in der Müllverbrennung. Die Materialien gehen auf diese Weise verloren, und für neue Wärmedämmungen werden erneut Energie und Rohstoffe eingesetzt.

Umso mehr freute sich bei seiner Onlinepräsentation Philipp Sommer, einer der beiden Autoren der Broschüre, über die Inbetriebnahme einer Anlage im niederländischen Terneuzen, die seit dem 16. Juni Polystyrolschaum, genauer EPS-Hartschaum, verarbeiten kann, welcher das giftige Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD) enthält. Seit März 2016 ist HBCD in Europa verboten. Davor wurde jedoch solcher Dämmstoff in großen Mengen verbaut, so dass allein in Deutschland jährlich 49.000 Tonnen davon in Bauabfällen zu finden sind – Tendenz steigend.

Demonstrationsanlage verwandelt EPS in Granulat

Zwar handelt es sich beim „PolyStyrene Loop“ nur um eine Demonstrationsanlage mit anfangs 3.300 Tonnen Jahreskapazität. Aber immerhin wird hier ein Verfahren gezeigt, mit dem HBCD-haltiger EPS-Hartschaum in ein Granulat verwandelt werden kann, aus dem man zum Beispiel erneut EPS herstellen kann – dann ohne HBCD. Das Problem verschiebt sich damit auf den Abbruch des Gebäudes. Denn ein „selektiver Rückbau“ ist teurer als das undifferenzierte Einreißen eines Hauses. Die Ökobilanzstudie mag zwar zeigen, dass der CO₂-Ausstoß um 47 Prozent niedriger liegt als bei der Verbrennung des Dämmschaums mit Energierückgewinnung; das bezahlt jedoch nicht den Aufwand für das mühsame Abschaben der Putzschichten vom Dämmstoff.

Besser sieht es aus, wenn die Wandkonstruktion von vornherein auf einen sortenreinen Rückbau ausgerichtet wird. Lobend erwähnt die DUH-Broschüre zum Beispiel das seit Anfang 2020 erhältliche Wärmedämm-Verbundsystem von Saint-Gobain Weber, das mit dem „Blauen Engel“ ausgezeichnet ist. Bei der Montage werden die Mineralwolle-Dämmplatten nur mit Schraubdübeln an der Wand befestigt – ohne Klebemörtel. Die drei Putzschichten, zwei davon aufsprühbar, sind so mit einem Separationsgewebe versehen, dass man später beim Abbruch des Gebäudes den kompletten Putz mit der Baggerschaufel abziehen und die Einzelbestandteile getrennt wiederverwerten kann.

Weniger erfreut war DUH-Mann Sommer über das Scheitern eines innovativen Herstellungsverfahrens von Dämmmaterial aus gewerblich genutzten Jutesäcken. Nachdem mit solchen Säcken Erdnüsse importiert worden waren, konnte das Jutegewebe mit entsprechenden Zusätzen zu einem gut wärmeisolierenden und klemmfähigen Dämmstoff verarbeitet werden. Konkurrenzprodukte aus neuem Material waren jedoch so billig, dass das Herstellerunternehmen „Thermo Natur“ Anfang 2020 die Produktion einstellte.

Gebrauchte Baustoffe sind teurer als neue

Das Beispiel eines Einfamilienhauses in Hannover-Kronsberg zeigt, was auf Bauherren zukommen kann, die konsequent gebrauchte Baustoffe einsetzen möchten. Außer dem erwähnten Jute-Dämmstoff, mit dem ein KfW-55-Standard erreicht wurde, verwendete man hier bei einem dreistöckigen Massivholzgebäude auch für die Bodenplatte, die Decken und die Fassaden in großem Umfang gebrauchte Bauteile.

Bei der Fertigstellung im Jahr 2019 hatte das Haus statt 4.500 Euro pro Quadratmeter für einen vergleichbaren Neubau 5.300 Euro pro Quadratmeter gekostet. Mehrkosten entstanden sowohl für die Demontage der Bauteile als auch für deren vorübergehende Lagerung. Eingesparte Entsorgungskosten im neuen Gebäude würden sich – wenn bis dahin überhaupt entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen wären – erst Jahrzehnte später auswirken.

In anderen Fällen sorgen übertriebene Vorschriften für zusätzliche Kosten, berichtete die Architektin Andrea Müller von „Architects for Future“ – beispielsweise, wenn man direkt Lehm aus der eigenen Baugrube verwenden will. Als weiteres Beispiel nannte Professorin Lamia Messari-Becker von der Uni Siegen das Zulassungsverfahren für Recycling-Beton. Das aufwendige Procedere habe dazu geführt, dass man die Firmen, die wiederverwerteten Beton überhaupt anbieten, an zwei Händen abzählen könne: „Wenn man in Schleswig-Holstein Recycling-Beton verwenden will, fährt man ihn aus Bayern oder Baden-Württemberg an. Dann ist die Ökobilanz hin; dann lohnt sich das noch nicht mal ökologisch.“

Projekte kommen und gehen

In der heraufziehenden Bauwerksdatenmodellierung (BIM) sieht die DUH eine Chance, im Neubau durchgehend sogenannte Gebäudepässe anzulegen. Hier fehle es jedoch schon an einem standardisierten Datenformat für die Kennzeichnung der Materialien. Es gebe „aktuell über 40 konkurrierende Ansätze”. Der Prototyp einer Materialdatenbank im Rahmen des EU-geförderten Projekts BAMB ist schon wieder Geschichte: Die Datenbank wird seit dem Projektende 2019 nicht weiter gepflegt. Eine Nummer kleiner sind Bauteilbörsen, über die man gebrauchte Bauprodukte finden kann. Von insgesamt 13 Projekten dieser Art haben fünf überlebt. Dämmstoffe werden dort allerdings zurzeit nicht angeboten.

In der DUH-Broschüre werden auch unkonventionelle Projekte vorgestellt, darunter die Idee einer verstellbaren Dämmung mit einem Folienbündel, das aus- und eingerollt werden kann. Damit kann die Südfassade im Winter für Sonneneinstrahlung durchlässig gemacht werden – und im Sommer für das Abstrahlen unerwünschter Wärme. EnBauSa-Leser kennen die Technik bereits. Ein Anruf bei Erfinder Sergej Kvasnin führt allerdings zu der Auskunft, dass aus der für 2018 geplanten Markteinführung mangels eines interessierten Herstellers bis heute nichts geworden ist.

Die DUH hat in einer weiteren Broschüre politische Forderungen zusammengestellt. Unter anderem sollen demnach Rezyklateinsatzquoten eingeführt und Primärrohstoffe höher besteuert werden. Auch Förderprogramme und eine gezielte staatliche Beschaffungspraxis empfiehlt der Umweltverband. Zudem sollen die Entsorgungskosten für Dämmstoffe bereits beim Kauf eingepreist werden: Wie schon jetzt bei Batterien sollen die Hersteller die Kosten für Transport und Entsorgung ihrer Produkte übernehmen müssen. Als Vorbild nennt die DUH Frankreich, wo das für Baustoffe ab dem Jahr 2022 gelte.

Quelle: Deutsche Umwelthilfe (DUH) / Alexander Morhart

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