Forscher ahmen Schutzmechanismen der Natur nach

Wenn Fenster aufklappen wie Zapfen

Das natürliche Quellverhalten eines Tannenzapfens. © C. Zollfrank/TUM

Bewegliche Komponenten an Gebäuden wie Jalousien, deren Aufbau natürlichen Lösungen abgeschaut wurde, erforscht ein Team der Technischen Universität München, Universität Freiburg und der Universität Stuttgart. Sie wollen Antriebselemente schaffen, die sich ohne Energiezufuhr bewegen können. Das Vorbild sind Zapfen von Nadelhölzern, die sich durch unterschiedliches Quellverhalten ihres Gewebes bei Feuchtigkeit öffnen oder bei Trockenheit schließen.

Zwar kann durch Jalousien und andere bewegliche Fassadenelemente die Licht- und Wärmedurchlässigkeit der Gebäudehülle optimiert werden, doch verbrauchen deren Elektromotoren ihrerseits Energie, um diese Systeme zu bewegen.

"Eine nachhaltige Architektur braucht dringend neue Werkstoffe, wenn sie künftig den hohen Anforderungen von Energieeffizienz und Klimaschutz gerecht werden will", sagt der Chemiker, Forstwissenschaftler und Materialforscher Cordt Zollfrank. Am Lehrstuhl für Biogene Polymere am Campus Straubing für Biotechnolgie und Nachhaltigkeit der Technischen Universität München (TUM) erforscht er die Grundlagen dafür. Sein Ziel ist es, Antriebselemente und Aktuatoren zu entwickeln, die ohne Energieverbrauch Signale in mechanische Bewegung umwandeln.

Gemeinsam mit Architekten, Bauingenieuren und Botanikern hat er zukunftsweisende Wege gefunden, wie sich mithilfe natürlicher Mechanismen die Energiebilanz von Gebäuden verbessern lässt. In einem gemeinsamen Artikel im Fachmagazin "Advanced Materials" berichtet das Team über den Stand der Forschung auf diesem Gebiet und zeigt die Möglichkeiten der Modelle aus der Pflanzenwelt auf.

Das Material ersetzt den Motor

Reife Kiefern- und Tannenzapfen schließen bei Regen ihre Schuppen, um den Samen zu schützen. Ist es dagegen trocken, öffnen sie sich und geben ihn frei. Bei dieser Bewegung spielt die Zusammensetzung der Zellwände eine wichtige Rolle. Sie setzen sich vor allem aus dem wenig quellfähigen Lignin und der gut quellenden Cellulose zusammen. Wegen der unterschiedlichen Ausrichtung der Cellulosefibrillen in den Geweben der Schuppen, krümmen sich diese Schuppen bei hoher Luftfeuchtigkeit nach innen und bei Trockenheit nach außen.

"Das Spannende daran ist, dass die Energie für diese Bewegungen nicht aus Stoffwechselvorgängen stammt, sondern allein auf physikalischen Mechanismen und Materialeigenschaften beruht", sagt Professor Zollfrank. Durch die Kombination von Materialien mit unterschiedlichem Quellvermögen ist es ihm bereits gelungen, solche biomimetischen Antriebselemente, genannt Aktuatoren zu entwickeln. Auch diese bestehen aus zwei Schichten von Materialien, die unterschiedlich viel Flüssigkeit aufnehmen und verhalten sich ähnlich wie das Vorbild aus der Natur.

Physikalische Grenzen überwinden

Bevor die Architektur sie in großem Stil einsetzen kann, müssen die Materialforscher und -forscherinnen noch ein Problem lösen, das mit der Vergrößerung zusammenhängt: Je größer die Zelle oder das Gewebe, desto länger braucht das Wasser, um durch ihre Poren nach innen zu dringen. Was bei einem Kiefernzapfen in zwei Stunden geht, würde bei einem Gebäude mehrere Jahre dauern. Um die Hydraulik von Kiefernzapfen für Anwendungen in der Architektur zu übertragen, muss folglich eine physikalische Grenze überwunden werden.

Alles eine Frage der richtigen Verbindung

Dazu schlägt Zollfrank eine Art Umstrukturierungsverfahren auf Materialebene vor. "Wir entkoppeln die Gewebegröße und bringen das Ganze auf Größe der einzelnen Zelle", erklärt er. Durch geschickte Querverbindungen entsteht so ein lockerer Zellverband, dessen einzelne Bestandteile sich dennoch wie einzelne Zellen verhalten und sehr schnell Wasser aufnehmen.

"Die Frage ist nun, wie solche Querverbindungen möglichst effizient gestalten und wie in beliebiger Größe hinbekommen", sagt Zollfrank. Für spätere praktische Anwendungen kann er sich aber auch poröse Polymermaterialien vorstellen, deren Poren mit einer extrem wasseranziehenden Flüssigkeit (Hydrogel) gefüllt sind. Daran arbeiten die Materialforscher bereits. Welche Lösung letztlich ihren Weg in die Architektur der Zukunft finden wird, ist damit nur noch eine Zeitfrage. Quelle: TUM /sue

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