Experten empfehlen regelmäßige Dachkontrollen

Sanierungsbedarf bei Flachdächern ist riesig

Für das Flachdach kommen verschiedene Dämmstoffe in Frage. Hier werden PU-Platten verlegt. © IVPU

Flachdächer liegen im Trend. Sie ermöglichen eine bessere Raumnutzung und lassen sich ökologisch wertvoll begrünen. Doch haben Flachdächer auch Nachteile: die Anforderungen an die Abdichtung sind hoch, regelmäßige Kontrollen zu empfehlen. Das gilt vor allem für ältere Dächer, von denen derzeit viele zur Sanierung anstehen. Ist die Dämmung durchfeuchtet, bleibt nur der Rückbau.

"Richtig ausgeführt und mit einem Gefälle hält ein zweilagig mit Bitumenbahnen abgedichtetes Flachdach an die 30 bis 35 Jahre", berichtet Holger Krüger, Leiter Anwendungstechnik beim Stuttgarter Spezialisten für Dachsysteme Bauder. Gerade bei älteren Flachdächern dominiert Bitumen, bei neueren Gebäuden finden sich zunehmend auch Kunststoffabdichtungen. Die werden im Gegensatz zu Bitumen lediglich einlagig verlegt, sind billiger und halten – richtig ausgeführt – länger. Allerdings hapert es in der überwiegenden Zahl der Fälle an der richtigen Ausführung, berichtet Wolfgang Ernst, Sachverständiger und Präsident der Europäischen Vereinigung dauerhaft dichtes Dach.

In seiner langjährigen Praxis hat Ernst festgestellt, dass bei Dächern mit Kunststoffabdichtungen die meisten Schäden auftreten. "Bei 68 Prozent der mit Kunststoffbahnen abgedichteten Dachflächen finden sich Ausführungsfehler. Bei Kunststoffbahnen deren Nähte nur verklebt oder mangelhaft verschweißt sind, öffnen sich diese im Laufe der Jahre und werden undicht." Der Experte empfiehlt daher, nach Fertigstellung der Dachfläche und vor Aufbringung von Schutzschichten wie einer extensiven Dachbegrünung oder Kies eine Kontrolle der ausgeführten Fügenähte durchführen zu lassen – im Idealfall durch einen unabhängigen Experten. Flachdacherfahrene Sachverständige ließen sich im Internet ausfindig machen. Qualitativ hochwertige, fachgerecht verlegte Kunststoffabdichtungen können Ernst zufolge durchaus 30 bis 50 Jahre Lebensdauer erreichen.

Doch auch wenn Kunststoffabdichtungen zulegen – 2017 wurden 1,5 Prozent mehr Kunststoffdachbahnen abgesetzt als im Jahr zuvor – ist ihr Anteil am Gesamtmarkt gering. Laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens Interconnection Consulting aus dem Jahr 2016 beträgt der Marktanteil von Bitumenabdichtungen in Deutschland fast 80 Prozent. Kein Wunder also, dass Anwendungstechniker Krüger und seine Kollegen in der Telefonberatung bei Bauder vor allem Fragen zum Thema Flachdach und Bitumenabdichtung beantworten müssen. Viele Dächer kommen in die Jahre, Undichtigkeiten führen zu Problemen.

Wartung ist für Bauherren kein Thema

Christian Jochum, Technischer Direktor des Abdichtungs- und Dämmspezialisten Soprema, macht sogar einen massiven Sanierungsstau aus – vor allem im Bereich öffentlicher Gebäude wie Schulen. "Ein Grund dafür ist sicherlich, dass regelmäßige Kontrollen von Dachflächen vernachlässigt werden. Oft denken Eigentümer erst dann an ihr Dach, wenn es bereits undicht ist", so Jochum.

Die defekten Dächer sind den Experten zufolge nicht selten Totalschäden. "Der Klassiker ist ein Flachdach, bei dem auf die Bitumenschicht Kies aufgebracht wurde, der inzwischen völlig mit dem Bitumen verklebt ist. Meist finden wir darunter eine ziemlich dünne Dämmung vor, die durchnässt ist", berichtet Bauder-Experte Krüger. Da bleibe dann nur noch der Komplettrückbau. Ein durchnässter Dämmstoff verliert seine Dämmwirkung. Außerdem besteht die Gefahr, dass das Wasser auch in den Dachaufbau eindringt.

Ist das Zusammenbacken von Kies und Bitumen durch eine Trennschicht verhindert worden und die Dämmschicht trocken geblieben, bietet sich als Alternative zum kompletten Rückbau eine Aufdopplung der Dämmschicht und eine Erneuerung der in die Jahre gekommenen Abdichtung an. Kann die alte, wenig beschädigte Dichtungsebene in Stand gesetzt werden, können beispielsweise direkt darauf Dämmplatten verlegt werden. In diesem Fall sprechen die Experten von einem Umkehrdach, denn die Dichtungsebene verläuft anders als sonst üblich unter der Dämmung. Also liegt die Dämmung bei diesem Aufbau im Wasser, weshalb als Dämmstoff ausschließlich extrudierter Polystyrol-Hartschaum (XPS) in Frage kommt. Dieser nimmt im Gegensatz zu anderen Dämmstoffen nur sehr wenig Wasser auf.

Bei Erneuerung der Abdichtung greift die EnEV

Nötig wird die zusätzliche Dämmung durch die Energieeinsparverordnung (EnEV), deren Bestimmungen eingehalten werden müssen, sobald Flachdächer über beheizten Räumen ersetzt, erstmalig eingebaut oder die Abdichtung erneuert wird. Laut EnEV darf der Wärmedurchgangskoeffizient (U-Wert) von Flachdächern im Neubau nicht höher sein als 0,16 W/m²K, im Altbau nicht höher als 0,20 W/m²K.

Neben einer ausreichenden Dämmung wird heute auch mehr auf eine dem Stand der Technik entsprechende Entwässerung geachtet. Früher wurden Flächdächer ohne Gefälle errichtet, in den 60er Jahren zum Teil sogar als Wannen mit einem Überlauf. "Damals hat man dem Thema Entwässerung nicht so große Bedeutung beigemessen", sagt Holger Krüger. Heute dagegen fordert der Zentralverband des Dachdeckerhandwerks in den von ihm herausgegebenen Flachdachrichtlinien ein Gefälle von mindestens zwei Prozent, besser fünf, um sicherzustellen, dass Regenwasser ablaufen kann. "Die Fachregeln zur Entwässerung werden laufend strenger, was auch mit der Veränderung des Klimas zusammenhängt", berichtet Experte Ernst.

So müssen heute zusätzliche Notabläufe eingeplant werden. Eine Verpflichtung, im Zuge der Sanierung auch alte Dächer mit einem Gefälle zu versehen, gibt es aber nicht. Möglich wäre das etwa durch Aufbringen einer Gefälledämmung aus PU-Hartschaum oder EPS, auch unter der Bezeichnung Styropor bekannt. Allerdings ist die Verlegung solcher Gefalledämmplatten aufwändig, da sie zueinander passend verlegt werden müssen. In der Regel erstellt der Hersteller einen Verlegeplan und liefert die einzelnen Platten numeriert an. Das führt natürlich zu höheren Kosten. "Wir beraten konsequent Gefälle, setzen auf Wunsch der Bauherren aber auch Dächer ohne um", berichtet Krüger aus der Praxis.

Welcher Dämmstoff zum Einsatz kommt, hängt unter anderem von der Nutzung und den Rahmenbedingungen ab. "Bei der Entscheidung für den Dämmstoff müssen baurechtliche und spezifische brandschutztechnische Vorgaben beachtet werden", berichtet Technik Direktor Jochum von Soprema. Bei der Großzahl der Sanierungen seien die Bauherren mit Polyurethan-Dämmstoffen gut beraten. Diese böten beste Dämmwerte bei geringen Aufbauhöhen und seien im Vergleich zu anderen Dämmstoffen Leichtgewichte.

Auf der Fachmesse Dach & Holz 2018 stellt Soprema in dieser Gruppe seine neue Produktreihe EFYOS blue vor, die Flach- und Gefälleplatten in verschiedenen Ausführungen umfasst. Der österreichische Hersteller Austrotherm, der auch ein Werk in Deutschland betreibt, empfiehlt seinenn neuen XPS-Dämmstoff XPS Premium, der mit einem Wärmeleitwert von nur 0,027 W/(m²K) deutlich besser dämmt als vergleichbare Dämmstoffe in dieser Produktgruppe. Wie EPS besteht XPS aus Polystyrol, allerdings wird bei XPS aus dem Kunststoffgranulat eine Hartschaumplatte gebildet, die deutlich druckfester ist. Gängige XPS-Dämmstoffe liegen im Bereich von 0,035 W/(m²K). Als Polystyrol-Dämmstoff kann XPS Premium auch auf Umkehrdächern eingesetzt werden. von Silke Thole

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