Zwickauer Wohnquartier soll klimaneutral werden

Projekt erprobt Anwohnerkommunikation zur Energiewende

Vor der Autarkie steht die Überzeugung der Anwohner. © PT Jülich

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen in Zwickau ein Wohnquartier klimaneutral mit Erneuerbaren versorgen. Das soll neue Erkenntnisse bringen, etwa zur idealen Wärmeversorgung für Bestandsquartiere. Doch zunächst wollten die Forschenden herausfinden, wie sie die Anwohner am besten einbinden können - und dazu gibt es nun erste Ergebnisse.

Wenn Forscher an der Tür klopfen, mit guten Ideen und Absichten, dann stoßen sie manchmal auf Skepsis. So gesehen ist das Forschungsprojekt „Zwickauer Energiewende Demonstrieren“, kurz ZED, schon ein Erfolg: „Wir erleben viele, sehr konstruktive Gespräche“, erklärt Sven Leonhardt, Projektkoordinator für das Dezernat Bauen der Stadt Zwickau.

ZED ist ein Großprojekt mit 13 Beteiligten aus Wissenschaft und Wirtschaft, koordiniert von der Stadt Zwickau. Gefördert wird es vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie dem Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Fördermaßnahme „Solares Bauen / Energieeffiziente Stadt“. Entsprechend wollen die Beteiligten Technologien und Methoden für die lokale Energiewende und insbesondere die Wärmewende vor Ort entwickeln und im Stadtteil Marienthal als Leuchtturm demonstrieren.

Im Zwickauer Westen, von dem Marienthal den größten Teil einnimmt, sind laut Schätzungen der Stadt rund ein Drittel der Menschen über 65 Jahre alt. Das Projekt ZED umfasst 3000 Wohneinheiten mit 8000 Bewohnern, größtenteils in 60er-Jahre-Mehrfamilienhäusern. Rund 400 Einheiten mit teils langjährigen Bewohnern sollen nach aktueller Planung klimaneutral versorgt werden. Dazu nutzt ZED eine Mischung aus Photovoltaik, Geo- und Solarthermie, Speicherlösungen, smartem Softwareeinsatz, Smart-Home-Elementen und Elektromobilität. Um das zu vermitteln, widmet sich der Teilbereich „Öffentlichkeitsarbeit“ auch gezielt der Einbindung der Anwohner, unter Federführung der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Stadt Zwickau, für die Leonhardt das Projekt mitkoordiniert.

Mit der Etablierung des „ZED-Forum Marienthal“ ist nun ein wichtiger Meilenstein erreicht. In diesem Forum sollen regelmäßig Anwohner, Forscher und andere Experten zusammenkommen – und etwa 60 Bürger folgten der Einladung zur Auftaktveranstaltung.

„Das ist der offizielle Start zur Bürgerbeteiligung im Projekt ZED“, erklärt Leonhardt. Es solle eine Plattform werden, auf der die Projektbeteiligten mit den Bürgerinnen und Bürgern des Quartiers über Themen wie die Energiewende im Allgemeinen aber auch konkrete, zentrale Projektthemen im Besonderen ins Gespräch kommen. „Für viele Gäste war das der erste Kontakt mit unserem Projekt“, so Leonhardt. Entsprechend locker habe man die Atmosphäre gestaltet – was zu einem positiven Verlauf der Gespräche führte. „Das Feedback ist für das Projektteam die richtige Motivation, das Format des Forums fortzuführen und weiter mit Inhalt zu füllen“, erklärt Leonhardt. Denn künftig sollen weitere Foren folgen, auf denen speziellere Schwerpunktthemen mit interessierten Anwohnerinnen und Anwohnern besprochen werden.

Als nächstes etwa zur Zukunftsmobilität. Denn im Quartier sollen Leihräder und elektrisch angetriebene Mobile für Senioren mit geringer Geschwindigkeit für eine umweltfreundliche Kurzstreckenmobilität sorgen. Später steht auch die Wärmeversorgung zur Debatte ZED teilt das Viertel zum Vergleich in drei Teile: Einer wird weiterhin konventionell (Gas-basiert) versorgt und dient so als Referenz-Standort. Die beiden anderen Bereiche werden jeweils mit regenerativen Energiequellen versorgt. Die Speicherung soll dabei einmal zentral mit einem Nahwärmenetz stattfinden und einmal dezentral mit verteilten Komponenten in einem smarten Wärmenetz. Auch ein kombinierter Betrieb soll möglich sein – welche Energiequellen aber konkret genutzt werden, ist derzeit noch Gegenstand der Forschung.

Meinung zu Smart Homes hängt von der Vorerfahtung ab

Erfahrungen, Meinungen und Wünsche der Bewohner – alles fließt direkt in das Projekt ein. Wie das aussehen kann, das erlebten Forscherinnen und Forscher der auch an ZED beteiligten Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Sie befragten ausgewählte Haushalte zur Akzeptanz intelligenter Smart-Home Systeme, die ebenfalls ein Baustein von ZED sind.

Ihr Fazit im Projekt-Zwischenbericht: Es zeige sich, „dass die Zustimmung der Marienthaler sehr stark von ihren Vorerfahrungen, ihrer generellen Technikaffinität, aber auch von demographischen und sozioökonomischen Faktoren abhängt.“ Zum Teil bedeutet das, dass die Bewohner etwa intelligenten Heizungssteuerungsgeräten oder einer Bedienung über Tablet oder Smartphone positiv gegenüberstehen. Es gebe eine kleine Gruppe Technikinteressierter, aber auch Menschen mit Vorbehalten. Etwa zur Bedienbarkeit der Eingabegeräte – oder generell der Frage nach dem persönlichen Nutzwert. Die Marienthaler fragten zudem nach Kosten, Komfort oder Störanfälligkeit. „Gerade bei älteren Personen findet sich oft die Haltung, von dieser Entwicklung nicht mehr betroffen zu sein und insofern eine eher ablehnende Gleichgültigkeit“, heißt es im Zwischenbericht. Eine deutlich umfangreichere Bewohnerbefragung ist für diesen Winter geplant.

Einige Befürchtungen fassen die Forscherinnen und Forscher mit dem Begriff „Energetische Gentrifizierung“ zusammen: Lassen sich etwa die Bedenken zu einer komplizierten Handhabung ausräumen, etwa durch mehr Automatisierung, dann könnten intelligente Wohnkonzepte auch von kritischen Bewohnern positiv angenommen werden. Leonhardt setzt auf die technikinteressierten Bewohner als Multiplikatoren. „Derzeit wollen sich einige Bürger in ZED einbringen, aber je weiter das Projekt voranschreitet, desto technischer werden die Themen. Wir wollen gerne weiter alle Leute mitnehmen, müssen aber noch schauen, in wie weit das möglich ist.“

Trotzdem zeige der Auftakt die Bedeutung, die eine durchdachte Kommunikation bei Bau- und Sanierungsprojekten mittlerweile hat: „Ich kann bislang nur ein positives Fazit ziehen, uns begegnet viel Offenheit. Und ich denke, unsere methodische Basis kann auch für künftige Forschungsprojekte ein wichtiges Fundament bieten.“ Quelle: Energiewendebauen / pgl

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