Wärmedämmung versus erneuerbare Energie in Gebäuden

Praktiker suchen Balance für Förderung

Taco Holthuizen, Geschäftsführer von Ezeit Ingenieure. © Alexander Morhart

"Ich bin nicht gegen Dämmung. Wir müssen den Transmissionswärmeverlust reduzieren – aber wir müssen ihn mit Augenmaß und sinnvoll reduzieren." Jochen Icken geht pragmatisch an die Frage nach der jeweils richtigen Balance zwischen Wärmedämmung und erneuerbarer Energiegewinnung in Gebäuden heran. 

Der Architekt und technische Vorstand der Berliner Wohnungsgenossenschaft "Märkische Scholle" hat bei Sanierungen seines Wohnungsbestands den Eindruck gewonnen, dass die Fördermethodik der staatlichen Förderbank KfW übertriebene Dämmmaßnahmen begünstigt – obwohl Energieeinsparung und Klimaschutz stattdessen oft vernünftiger mit Wärmepumpen, Solarenergie und dergleichen erreichbar wären, vor allem in Mehrfamilienhäusern.

Augenfällig wird das vor allem bei Ickens aktuellem Sanierungsprojekt, einer 30er-Jahre-Siedlung im Stadtteil Lichterfelde Süd. Hier setzt die Genossenschaft eine Planung von Taco Holthuizen um. Der Geschäftsführer von Ezeit Ingenieure entwirft schon seit gut 20 Jahren energetisch optimierte Gebäude. Aber in Lichterfelde ist ihm mit einer über die Siedlung hinweg vernetzten Kombination von Erdwärmegewinnung über Wärmepumpen, von Solarthermie, Abluftwärmerückgewinnung, Photovoltaik sowie einem hocheffizienten Erdwärmespeicher ein System gelungen, das sowohl nach der Simulation als auch nach den ersten Messergebnissen den Primärenergiebedarf unterschreitet, den der Klimaschutzplan der Bundesregierung erst für das Jahr 2050 anstrebt.

Mehr Dämmen bringt mehr Förderung

Dafür reichten in diesem Fall 14 Zentimeter Dämmung (KfW-85-Standard) aus. Im Hinblick auf eine behagliche Temperatur der Zimmerinnenwände hätten sogar acht Zentimeter ausgereicht – bauphysikalisch, nicht aber fördertechnisch. "Im ersten Bauabschnitt haben wir Kreide gefressen, wobei es energetisch und wirtschaftlich Blödsinn ist. Aber wir wollten ins KfW-85 rein, weil wir Geld kriegen – viel Geld", sagt Holthuizen. Die Genossenschaft konnte nur dann einen KfW-Teilschulderlass von 11.500 Euro pro Wohneinheit erreichen, wenn 14 Zentimeter Dämmung aufgebracht wurden.

Hätte Taco Holthuizen noch zehn Zentimeter mehr vorgesehen, dann wäre fürs Herstellen des zusätzlichen Dämmstoffs so viel Primärenergie ("graue Energie") nötig gewesen, dass diese erst nach mindestens 45 Jahren wieder eingespart worden wäre, sagt der Planer.

Noch weniger sinnvoll, aber fördertechnisch noch lukrativer wäre übrigens ein Hochgehen auf den KfW-55-Standard gewesen. Da stünden pro Wohneinheit 17.500 Euro Teilschulderlass zur Verfügung, fürs ganze Gebäude damit mehr als 320.000 Euro. Holthuizen: "So viel haben wir niemals ausgegeben für die gesamte Anlagentechnik."

Allgemeiner formuliert es Genossenschaftsvorstand Icken so: "Es gibt Projekte wie unseres, und das ist nicht das einzige Projekt in der Form, wo ich weniger dämmen könnte, ich aber schlichtweg nur mehr gedämmt habe, weil ich zugegebenermaßen die Fördermittel der KfW auch brauchte, um es zu finanzieren."

Der Fehler liegt in der Fördermethodik

Bei vielen Mehrfamilienhäusern jedenfalls klaffen nach dieser Lesart Vernunft und Förderung auseinander. Der Grund ist nach Jochen Icken die Fördermethodik. Eigentlich könne man desto weniger dämmen, je eher die Energie regenerativ bereitgestellt werde. Dem stehe die "relativ einseitige Konzentration auf den Transmissionswärmeverlust" bei der Förderung entgegen.

Icken schlägt einen Ausweg vor, den man aus der Wohnungswirtschaft schon öfter gehört hat: Es solle ein Primärenergiefaktor angegeben werden, der erreicht werden muss, um eine bestimmte Art der Förderung zu bekommen. "Und ob ich den mit viel Dämmung und einer Gasanlage erreiche, oder mit wenig Dämmung und Regenerativen, ist doch dabei eigentlich egal." Beim fürs laufende Jahr geplanten Gebäudeenergiegesetz (GEG) wird laut Frank Heidrich vom Bundeswirtschaftsministerium eine grundsätzlich andere Fördersystematik "untersucht".

Fördern nur fürs Ergebnis

Jochen Icken sieht allerdings noch ein weiteres grundsätzliches Problem, nämlich "dass nach den Zahlen, die ich aus eigenen Projekten kenne, häufig hinten nicht das rauskommt, was vorne versprochen wurde." Dafür schlägt Bernhard Jurisch, Geschäftsführer von Parabel Energiesysteme in Potsdam und ebenfalls am Lichterfelde-Projekt beteiligt, eine radikale Lösung vor: "Dass man Förderung für das Ergebnis zahlt und nicht Förderung für In-Aussicht-Stellung." Das energetische Ergebnis kann nämlich in einer Bestandsaufnahme nach VDI 6041 dokumentiert werden.

Dokumentiert wird auch das Projekt in Lichterfelde selbst: Zwar läuft das Austesten und Messen verschiedener Gebäudetechnikvarianten und Dämmstoffe (Polystyrol, mineralisch, Holzwolle und Hanf) über drei Jahre, doch einen ersten Zwischenbericht plant Taco Holthuizen schon für April. von Alexander Morhart

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