Architekten aus aller Welt präsentieren in München anspruchsvolle Sanierungen

Passivhaus-Konzept wird immer globaler

Gäste aus aller Welt kamen zur Passivhaustagung. © Passivhaus Institut

Seit der Physiker Wolfgang Feist 1991 das erste Passivhaus in Darmstadt-Kranichstein baute, hat sich die Idee hinter diesem Gebäudestandard global ausgebreitet. Auf der inzwischen 22. Internationalen Passivhaustagung in München präsentierten Architekten jetzt wieder ambitionierte Projekte aus der ganzen Welt.

Mit gebäudeintegrierter Solartechnik (BIPV) will Schwedens Gebäudesektor klimaneutral werden
Schweden hat sich das Ziel gesetzt, die Treibhausgasemissionen im Gebäudesektor bis 2050 um 80 Prozent reduzieren. Eine wesentliche Rahmenbedingung dafür ist das "Eine-Million-Häuser-Programm", mit dem viele der in den 1960er und 70er Jahren entstanden Beton-Fertighäuser energetisch qualifiziert werden sollen.

"Großes Potenzial für große Energieeinsparungen"

"Diese Häuser sind einerseits eine große finanzielle Herausforderung, andererseits bieten sie ein großes Potenzial für große Energieeinsparungen", sagte Architekt Ingo Theoboldt vom schwedischen Passivhusbyrån. Die Integration von BIPV auf Dächer und Fassaden bestehender Gebäude verfüge über großes Potenzial, die Renovierung kosteneffizient zu gestalten. Die große Herausforderung sei, ein BIPV-Produkt zu entwickeln, dass sich preisgünstig installieren lasse und die Aufgaben von Fassade und Dach wie Dämmung und Luftdichtigkeit erfülle ohne dabei die Performance der Solarmodule zu kompromittieren.

Exemplarisch stellte Theoboldt den Renovierungsprozess des Kollektivhuset Stacken in Göteborg vor, ein 35 Wohnungen umfassendes neunstöckiges Gebäude. Dabei ist es gelungen, das rund 50-Jahre alte Gebäude Schritt für Schritt auf die Neubauanforderungen des Internationalen Passivhausstandard zu sanieren. Im ersten Jahr des Betriebs konnte eine Reduktion des Heizenergiebedarfs um 69 Prozent und des Stromverbrauchs um 22 Prozent evaluiert werden. Die Kosten für die BIPV-Fassade inklusive externer Dämmung betrugen zwischen 100 und 150 Euro pro Quadratmeter. Ein wesentlicher Einsparposten sei, auf die traditionellen Alurahmen bei den PV-Modulen zu verzichten. "Bei Nachfolgeprojekten erwarten wir aufgrund der Lernerfahrungen in diesem ersten Pilotprojekt noch geringere Renovierungskosten", sagte Theoboldt.

"Sanierung nach Passivhausstandard ist machbar"

Auch in Spanien stammen fast 70 Prozent der Wohngebäude aus der Zeit vor 1979 – bevor also irgendeine Regulation zum Wärmeverbrauch in Kraft getreten war. Oliver Style vom Ingenieurbüro Progetic in Barcelona präsentierte in München Kataloniens erstes mehrgeschossiges Wohngebäude nach EnerPHit, dem Standard für die Altbaumodernisierung mit Passivhaus-Komponenten. Gebaut wurde es 1978 mit knapp über 1000 Quadratmeter, verteilt über sechs Ebenen.

Aufgrund lokaler Vorgabe war bei der Sanierung kein Eingriff auf der Außenseite des Hauses erlaubt. "Wir mussten die Konstruktionsdetails sehr genau analysieren, um jedweden Feuchteschäden vorzubeugen", sagte Style. Nach neunmonatiger Planung wurde das Gebäude ab August 2016 ein Jahr lang aufwendig gedämmt, Wärmebrücken wurden reduziert und die Luftdichtigkeit verbessert. In jede der Wohnungen wurde ein hybrides Wärme- und Kühlsystem mit nach Passivhausstandard zertifiziertem Wärme- und Feuchtigkeitsrückgewinnungsystem eingepasst. Die Sanierungskosten bezifferte Style auf 1185 Euro pro Quadratmeter. "Sanierung nach Passivhausstandard mehrgeschossiger Gebäude im städtischen Raum ist sowohl technisch als auch finanziell machbar", lautete Styles Fazit.

Bepflanzte Fassade zur Reduktion von Wärmeinseln

Ein weiteres Gebäude mit Pilotcharakter für Spanien stellte Esteban Pardo Calderón von Play Arquitetectura vor. Seinem Planungsbüro gelang es, sich im Wettbewerb um die kosteneffiziente Sanierung des Verwaltungssitzes der Polizei in Logroño durchzusetzen. Ziel war es, den Energieverbrauch des Gebäudes auf fast Null zu senken, was einer Reduktion von über 85 Prozent entspricht. Gleichzeitig sollten die Wartungskosten niedrig gehalten werden, um den Kriterien des Finanzministeriums zu entsprechen. Es ist das erste öffentliche Gebäude Spaniens nach Passivhausstandard.

Die Maßnahmen erstrecken sich auf das komplette Gebäude, insgesamt eine Fläche von 1890 Quadratmetern, mit fünf Einheiten und 58 Arbeitsplätzen. Neben der energetischen Ertüchtigung wurden eine bepflanzte Fassade und eine Dachbegrünung realisiert. "Das dient nicht nur der Ästhetik, sondern auch der Absorption von CO2, hilft Wärmeinseln zu reduzieren und die relative Luftfeuchtigkeit im Inneren des Gebäudes zu reduzieren", sagte Calderón.

20 Photovoltaik-Module und vier Solarthermiekollektoren sorgen für die Bereitstellung von elektrischer Leistung und Warmwasser. Zudem wurden zwei Ladesäulen für Elektrofahrzeuge installiert, die mit überschüssigem Solarstrom gespeist werden. Auch Fahrradparkplätze sind vorgesehen.

Die Wärmeversorgung erfolgt durch eine Lüftungsanlage mit einer extrem effizienten Wärmerückgewinnung und wird durch einen kleinen Biomassekessel unterstützt. "Wir haben schon festgestellt, dass der Auftraggeber skeptisch war, ob wir tatsächlich die vorgesehenen drastischen Energieeinsparungen erreichen", sagte Calderón. Deswegen gibt es ein sehr intensives Monitoring. Bislang performe nach Gebäude nach den Berechnungen, sagte Calderón. von Daniela Becker

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