DUH und GdW streiten über sinnvolles Maß der Wärmedämmung

Mit erneuerbarem Strom heizen statt mehr dämmen?

Ingrid Vogler, GdW (links) und Barbara Metz, DUH diskutierten üner Energiestandards im Wohnbau. © Alexander Morhart

"Wir machen mehr grüne Energie und brauchen die Häuser nicht mehr zu dämmen." – Ihre These war in dieser Steilheit nicht ernstgemeint, das gab Ingrid Vogler gleich am Anfang zu. Die Ingenieurin des Wohnungswirtschafts-Dachverbands GdW disputierte in Berlin mit Barbara Metz von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) bei der Konferenz "Forum neue Energiewelt". Keine Dämmung sei auch keine Lösung, sagte Vogler, und formulierte das Thema um in "Wieviel Dämmung ist sinnvoll?" Das Optimum liege zwischen Effizienzhaus 70 und 55.

Ein Dämmen darüber hinaus verursache zu hohe Lebenszykluskosten, finanziell wie auch in der CO₂-Bilanz. Als Beleg verwies Ingrid Vogler zunächst auf die Studie "Energiewende – Irrtümer aufbrechen, Wege aufzeigen" des Berliner Planungsbüros "e-Zeit Ingenieure" im Auftrag des berlin-brandenburgischen GdW-Regionalverbands BBU. An einem Projekt mit Bestandsgebäuden in Berlin-Lichterfelde sei gezeigt worden, dass bereits bei 14 Zentimeter Außenwanddämmung mit Polystyrol (KfW-Effizenzhaus 85), ja sogar schon bei zehn Zentimeter, die Innenwand behagliche 19 Grad warm sei. Eine solche Dämmung genüge außerdem, um mit einer Vorlauftemperatur von 50 Grad auszukommen.

Vogler nahm damit Barbara Metz von der DUH etwas Wind aus den Segeln. Metz hatte zuvor gesagt, für den effizienten Einsatz einer elektrischen Wärmepumpe sei es nötig, die Vorlauftemperatur durch eine "gute" Dämmung abzusenken. Die DUH fordere "mindestens" einen Effizenzstandard von KfW 40 für Neubauten und von KfW 55 bei Bestandssanierungen. Später relativierte sie, man müsse beim Bestand "im Durchschnitt" auf KfW 55 kommen, weil man "natürlich nicht jedes Gebäude auf diesen Standard sanieren" könne, zum Beispiel die denkmalgeschützten nicht.

In zwei Phasen zum Klimaschutzziel 2050

Freilich konnte Metz einen weiteren Argumentationsstrang bieten. Angelehnt an eines von zwei Szenarien (95 Prozent weniger Treibhausgase bis 2050) einer vor vier Wochen veröffentlichten Strategiestudie von Martin Robinius und anderen Autoren des Forschungszentrums Jülich schweben ihr für die Gebäudeheizung zwei Phasen vor: "Bis 2035 muss noch ganz viel an der Gebäudehülle passieren, weil bis dahin der Strom, der zur Verfügung gestellt wird, ja nur zu einem überschaubaren Anteil aus erneuerbaren Energien besteht." Dann beginne "der Hochlauf der Wärmepumpen". Im Jahr 2050 sollten "strombasierte Heizungstechniken" wie die Wärmepumpe "etwa 83 Prozent des Wärmebedarfs" decken. Dieser Bedarf müsse bis zu diesem Zeitpunkt "mindestens halbiert" werden, sonst werde man den Rest nicht über erneuerbaren Strom bereitstellen können.

Aus dem Publikum kam mehrmals die Nachfrage, warum fast nur über Elektrizität geredet wurde, auch angesichts der Probleme mit dem Ausbau bei erneuerbarem Strom und beim Transport desselben. Wie stehe es zum Beispiel mit Solarthermie oder Abwasserwärme? Barbara Metz war der Ansicht, Biomasse, Geothermie und Solarthermie spielten eine Rolle, "aber da sind natürlich die Potenziale auch begrenzt." Was Solarthermie angeht, führte Ingrid Vogler zu hohe Gestehungskosten an – womit sie offenbar kleine Hausanlagen meinte. Diese Kosten seien immer noch bei 14 bis 16 Cent die Kilowattstunde. "Und solange die Fernwärme neun Cent kostet und das Gas fünf Cent, ist das schwierig, dass die Solarthermie sich wirtschaftlich durchsetzt."

Lebenszyklusbetrachtung spricht gegen dicke Dämmung

Beim Dämmen dagegen widersprach Vogler Barbara Metz und rechnete aus der e-Zeit-Studie vor: "Wenn ich statt einem Effizenzhaus 85 mit 14 Zentimeter Außenwanddämmung auf ein Effizenzhaus 55 mit 24 Zentimeter Außenwanddämmung gehe", würden bei dem Objekt in Lichterfelde 710 Kilowattstunden pro Jahr eingespart. Es sei aber der Herstellungsaufwand zu berücksichtigen: "Das sind zehn Zentimeter mehr EPS, also Polystyroldämmung, und zusätzliche Aluminiumfensterbänke, weil die ja weiter rausragen."

Es sei in der Studie bilanziert worden, dass das in der Herstellung 7904 Kilogramm mehr CO₂ bedeute (nämlich 6540 Kilogramm für die Dämmung selbst und 1364 Kilogramm für die Fensterbänke). Ausdividiert müsse man für die jährlich eingesparte Kilowattstunde gut zehn Kilo CO₂ investieren. "Wenn ich das jetzt über 20 Jahre rechne, sind das immer noch 500 Gramm. Wenn ich sie verbrauchen würde mit Gas, wären es nur 200 Gramm. Das heißt, der zusätzliche Herstellungsaufwand – über CO₂ gesehen – ist höher als das, was ich über 20 Jahre mit Gas in die Luft pusten würde."

Ingrid Vogler zitierte außerdem aus einer ebenfalls vor gerade einmal vier Wochen veröffentlichten Studie – in diesem Fall verfasst vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik und dem Steinbeis-Transferzentrum, beide in Stuttgart; der Auftrag kam vom Umweltbundesamt. An den Analysen sehe man, dass bei einem Neubau ein Passivhaus im Lebenszyklus gegenüber einem Gebäude nach EnEV 2016" einen sehr geringen Treibhausgasvorteil bei vergleichsweise viel Mehrkosten hat." Bei Holzpellets statt Gas-Brennwert/Solar oder Fernwärme sei der Unterschied in den Kosten noch etwas größer, aber das Passivhaus sei bei den Treibhausgas-Emissionen sogar ein wenig schlechter.

Lüftung mit Wärmerückgewinnung braucht viel Strom

Die Erklärung lieferte Vogler gleich mit. "Ich muss in das Passivhaus deutlich mehr an Material reinstecken." Nämlich für die Dämmung und eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, die über die gesamte Lebensdauer Strom verbrauche. Ähnlich sehe es im Bestand aus: Der Treibhausgasvorteil fürs Passivhaus sei bei einer Bestandssanierung ein bisschen größer, aber bei Versorgung mit regenerativen Energien wie Holzpellets "auch nicht mehr sichtbar."

Barbara Metz entgegnete, die Lebenszyklusbetrachtung sei "aktuell ein Stück weit in Frage zu stellen", weil in der Ökobilanzierung am Ende des Lebens der Dämmung eine thermische Verwertung stehe statt zum Beispiel ein "Wiedereinsatz in Kreislaufführung". Das werde "bei bestimmten Dämmprodukten dem Produkt noch nicht gerecht." Darauf Ingrid Vogler trocken: "Dann machen wir das, wenn es so weit ist, (…) wenn die Ende-des-Lebenszyklus-Bewertung umgestellt ist. Dann sieht das vielleicht anders aus, und dann wäre das ein Argument."

Vogler war es auch, die mit einer nachdenklichen Zwischenbemerkung das Schlusswort hätte liefern können: "Wir denken immer, wir wissen schon alles über Klimaschutz und wie wir entscheiden sollen. Aber diese Dinge sind noch nicht bis zum Ende durchgedacht." von Alexander Morhart

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Kommentare (2)

  1. spiegel experimentelle wohnbauforschung aachen
    1 week ago
    Auch Alexander Morhard (EnBauSa/Maurer Fachmedien) zeigt sich in seinem Bericht über die Debatte zwischen Barbara Metz (WHU) und Ingrid Vogler (GdW) als reichlich desinformierter FachBerater: Durch ein Blick in das lange Register meiner Kommentare in EnBaSa hätte er bester informieren können über die "Zukunft Bau". Die Vorgaben der EU-Richtlinie sind längst "Stand der Technik" und sollten nach der Veröffentlichung des Aachener Passivhauses im BKI 2004 auch wirtschaftlich und juristisch für den GbB massgebend sein. Energieeffizienz und Umweltschutz sind gebündelt im Klima gerechten und rationellen "ökologischen" Massivholzbau (Graue Energie und Wiederverwendung der Bauelemente), das "non plus ultra" für Bauwirtschaft und Umwelt/Klima-Sicherung.
  2. Eva Sassen
    1 week ago
    Ich zog zum 1.1.2002 in ein Haus aus dem Baujahr 1952, dämmte in dem Jahr mit ökologischen Baustoffen mein zweischaliges Mauerwerk und das Dach, setzte neue Fenster ein, vermehrte die Heizkörperfläche nur in einem Raum, der einen Anbau erhielt und stellte 2003 auf Brennwerttherme um. Die Einsparung bei Gas: statt 23.000kWh/Jahr unter 6.000kWh und ich habe ein Haus ohne Zugluft und Kältestrahlung. Und das voraussichtlich noch für viele Jahre! Für mich ist ökologische Dämmung die erfolgreichste Variante!

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