Gips aus Rauchgasentschwefelungsanlagen deckt 55 Prozent des Bedarfs

Kohleausstieg sorgt für Knappheit bei Gips

Recycling-Gips kann nur einen Bruchteil des REA-Gipses ersetzen. © MUEG

In den vergangenen Jahren hat sich Gips zum zentralen Baustoff für moderne Trocken- und Leichtbauweisen entwickelt. Über die Hälfte des Gipsbedarfs in Deutschland wird als Nebenprodukt aus der Kohleverstromung gewonnen. Mit dem Kohleausstieg fällt dieser sogenannte REA-Gips künftig weg. Darüber, wie sich dieser ersetzen lässt, herrscht Uneinigkeit.

Zehn Millionen Tonnen Gips werden 2020 in Deutschland benötigt, schätzt der Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden e.V. (BBS) in seiner Rohstoffstudie 2019. Zum Einsatz kommt der Baustoff in zahlreichen Produkten von der Gipskartonplatte bis hin zum Fließestrich. Kaum ein Innenausbau ohne Gipsprodukte. 55 Prozent des Bedarfs werden heute mit REA-Gips gedeckt – Gips, der synthetisch aus der Rauchgasentschwefelung von Kohlekraftwerken gewonnen wird. Die restlichen 45 Prozent sind im wesentlichen Naturgips, der vor allem am Süd- und Westharzrand sowie in Süddeutschland abgebaut wird. Voraussetzung für den Abbau von Naturgipsvorkommen ist ein Reinheitsgrad von über 80 Prozent Gipsgehalt. Recycling-Gips spielt derzeit kaum eine Rolle.

Experten rechnen mit Lieferausfällen

Aufgrund der Ziele im Wohnungsbau und der zunehmenden energetischen Modernisierungen rechnet der BBS mit einem Anstieg des Rohstoffbedarfs der gipsverarbeitenden Industrien bis 2035 auf 10,7 Millionen Tonnen jährlich. Andere Studien gehen sogar von zwölf Millionen Tonnen jährlich aus. Gleichzeitig nimmt die Verfügbarkeit von REA-Gips deutlich schneller ab, als zunächst vermutet. Denn seit der Einigung der Kohlekommission auf ein Ausstiegsszenario ist klar: Bereits ab 2038 wird es keinen Gips aus Rauchgasentschwefelungsanlagen mehr geben. Die Folge: Die Wahrscheinlichkeit für Lieferausfälle oder Preisrisiken steigt. Die Deutsche Rohstoffagentur hat Gips bereits in der 2016 veröffentlichten Rohstoffliste in die Risikogruppe 3 – besonders hohe Wahrscheinlichkeit – eingestuft.

Kein Wunder also, dass Bauwirtschaft und Politik händeringend nach Alternativen zum REA-Gips suchen. So hat Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee jüngst in Nordhausen, einem der Hotspots des Naturgipsabbaus in Deutschland, angekündigt, dass die Bundesregierung und der Freistaat Thüringen die Ansiedlung eines „Kompetenzzentrums für Gipsersatzstoffe“ planen.  Das Bundesumweltministerium finanziert zunächst eine Machbarkeitsstudie für ein solches Forschungsinstitut. Die Kosten dafür betragen 240.000 Euro. Fällt das Votum der Studie positiv aus, wovon Tiefensee ausgeht, werde der Bund den Großteil der Kosten für das Kompetenzzentrum tragen, hieß es.

Thüringens Wirtschaftsminister setzt auf Gipsersatzstoffe

Vier Thüringer Forschungseinrichtungen – das F.A. Finger-Institut für Baustoffkunde und die Materialforschungs- und Prüfanstalt (MFPA) der Bauhaus-Universität Weimar, das Institut für Angewandte Bauforschung (IAB) Weimar sowie das Thüringer Innovationszentrum Wertstoffe (ThWert) an der Hochschule Nordhausen – haben bereits ein Konzept für ein Kompetenzzentrum für Bauersatzstoffe vorgelegt. Allein 15 laufende Forschungsprojekte an diesen Einrichtungen haben das Gipsrecycling oder die Entwicklung von Gipsersatzstoffen zum Thema. „Ich halte es für illusorisch, den Wegfall des REA-Gipses im Zuge des Kohleausstiegs durch einen intensiveren Abbau der natürlichen Gipsvorkommen zu kompensieren“, sagte Tiefensee in Nordhausen. Die Entwicklung marktfähiger Gipsersatzstoffe sei also dringend geboten.

Dem widerspricht der Bundesverband der Gipsindustrie.  „Die Verbände der Bauwirtschaft halten Gips für nicht substituierbar. Natürlich müssen wir auch die Recyclingquote erhöhen, aber  vor allem brauchen wir mehr Naturgipsabbau“, sagt Geschäftsführer Holger Ortleb. Die natürlichen Gipsvorkommen in Deutschland reichen völlig aus, um den Bedarf zu decken.  Allein bis zum Jahr 2035 muss sich dem Verband zufolge die Naturgipsgewinnung in Deutschland mindestens verdoppeln auf rund 9 Millionen Tonnen. Klingt viel, ist aber im Vergleich zum Abbau von Sand und Kies eher wenig. Allein Bausand werden zur Zeit in Deutschland rund 100 Millionen Tonnen pro Jahr gewonnen.

Gipsindustrie will mehr Naturgips abbauen

Die Gips-Vorkommen in Deutschland reichen dem BBS zufolge aus, um den Bedarf für mehrere 100 Jahre zu decken. Die Frage sei, wie diese Vorkommen umweltverträglich erschlossen werden können. „Da gilt es, Nutzungskonflikte zu lösen“, so Ortleb, dem klar ist, dass das nicht einfach wird. So forderte der BUND Thüringen beim Gips-Symposium in Nordhausen dem Kohleausstieg müsse jetzt ein Ende des Naturgipsabbaus im Südharz folgen. „Allerdings ist ein Ende des Gipsabbaus im Südharz nur dann möglich, wenn die Bauindustrie noch stärker als bisher auf Alternativen, wie das Gipsrecycling und Lehmbaustoffe setzt“, sagte Ron Hoffmann, Landesvorsitzender des BUND Thüringen. „Lehm oder Holz haben ganz andere Eigenschaften als Gips – etwa im Hinblick auf Schall- und Brandschutz“, sagt dazu Ortleb.

Er sieht die Wirtschaftsminister der Länder auf der Seite der Gipsindustrie. Ende November wurde auf der Wirtschaftministerkonferenz in Berlin entschieden, dass der „Bund-Länder-Ausschuss Bodenforschung   (BLA-GEO) als Grundlage für Entscheidungen über notwendige Maßnahmen zur Sicherstellung einer nachhaltigen Versorgung mit Gips eine deutschlandweite Bestandsaufnahme der vorhandenen Gipsvorkommen und der landesplanerisch gesicherten Gips-Rohstoffflächen erstellen“ soll. Gleichzeitig stellt die Wirtschaftsministerkonferenz aber auch fest, „dass weitere Themen, wie etwa die Möglichkeiten der Substitution und des Recyclings sowie umweltrechtliche Fragen, einer Klärung bedürfen“.

Klar ist, dass auch das Recycling von Gipsbaustoffen an Bedeutung gewinnen wird. „Bereits seit 2015, als die ersten Kohlekraftwerke in die stille Reserve gingen, stellen wir ein deutliches Ansteigen der Nachfrage nach Recycling-Gips fest“, berichtet Jörg-Michael Bunzel von der Mitteldeutschen Umwelt- und Entsorgung GmbH. Diese betreibt eine Recycling-Anlage bei Leipzig. Besonders gut recyceln lassen sich Gipskartonplatten – eine Tonne dieser Platten ergeben 900 Kilogramm RC-Gips. Insgesamt war die Produktionsmenge in Deutschland 2018 mit rund 45000 Tonnen RC-Gips verschwindend gering. Daran, dass sich das schnell steigern lässt, glaubt niemand. von Silke Thole

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Kommentare (1)

  1. spiegel experimentelle wohnbauforschung aachen
    at 04.02.2020
    Gut für Klima- und Ressourcenschutz: Die klassische Ständerwand und Gipsdecke ist nicht mehr Stand der Bautechnik und ein Auslaufmodell wie der Gips- und Zementestrich. Bestmarken werden heute und mehr noch in Zukunft mit Holz und Holzprodukten erzielt: Wir setzen auf massivHOLZ und zwar massiv, universell und weltweit! - Aachen - 4.2.2020

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