Viele Flachdächer müssen frühzeitig saniert werden

Belastungen für Flachdächer nehmen zu

Extreme Wetterphänomene stellen besondere Anforderungen an Flachdächer. © Puren

Langanhaltende Dürre, starke Gewitter und plötzliche Temperaturstürze: Extreme Wetterphänomene treten immer häufiger auf, wie dieser Sommer erneut zeigt. Das ist nicht nur für Menschen eine Herausforderung, sondern auch für Häuser. Vor allem Flachdächer leiden. Experten beklagen, dass zahlreiche Dächer frühzeitig saniert werden müssen. Das Allheilmittel haben Produzenten beim Material noch nicht gefunden.

Nach langen Hitzetagen kann die Dachtemperatur abhängig von Material und Farbe schon mal mehr als 90 Grad annehmen. Folgt dann ein Schauer oder Hagel, lässt der starke Temperatursturz die Dämmung unter Umständen wellen und anschließend brechen, warnen Experten. „Wir sind in einer Zeit des Wandels“, sagt Josef Rühle, Technik-Geschäftsführer beim Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks. Und das verlangt nach neuen Anforderungen an die Inspektion und Wartung von Flachdächern, aber auch an das Material.

Glaubt man einigen Sachverständigen, halten die Dächer jedoch schon heute nur selten den Belastungen stand. Laut der Europäischen Vereinigung dauerhaft dichtes Dach (ddD), einem industrieunabhängigen Verein, müssen zwei Drittel aller Dächer mit Kunststoffbahnen frühzeitig saniert werden, also vor der geschätzten maximalen Haltbarkeit von 30 Jahren. Das will der Verein in seiner aktuellsten Analyse herausgefunden haben. „Die Tendenz ist steigend“, sagt Wolfgang Ernst, Sachverständiger für Dachabdichtungen. So würden Undichtigkeiten nach bisherigen Erkenntnissen mittlerweile in einem Zeitraum von sieben bis 16 Jahren auftreten.

Aus Sicht der Dachdecker ließen sich solche frühzeitigen Komplettsanierungen vermeiden. Das Problem sei aber: Hausbesitzer würden ihre Dächer viel zu selten überprüfen und kleine Schäden etwa durch extreme Witterung kaum ausbessern lassen. „Flachdächer sollten jährlich inspiziert werden“, rät Rühle vom Dachdeckerverband. Das gelte vor allem für Häuser in Baumnähe. Dort ist die Gefahr höher, dass Einlagerungen den Abfluss verstopfen oder sich Moos bildet. Laien würden außerdem oft der Fehleinschätzung erliegen, selbst nachschauen zu können, behauptet der Experte. Kleine Schäden mit großen Folgen könnten dabei aber unentdeckt bleiben.

Hinzu kommt: Hausbesitzer sollten in die Vertragsbedingungen ihrer Versicherungen schauen. Denn sowohl bei der Gebäudehaftpflicht- als auch bei der Wohngebäudeversicherung gegen Sturm, Hagel oder Hitzeschäden müssen Hauseigentümer ihr Dach regelmäßig warten lassen. Die Rechtsprechung hat in einigen Urteilen bestätigt, dass der Versicherungsschutz ganz oder teilweise erlöschen kann. In Extremfällen, zum Beispiel wenn Personen durch herabfallende Dachteile verletzt werden, könnte das sogar den wirtschaftlichen Ruin des Hausbesitzers bedeuten. Wer sich kümmert, dürfte also sorgenfreier wohnen. „Flachdächer können bei fachgerechter Verarbeitung 40 Jahre alt werden“, sagt Rühle.

An der fachgerechten Verarbeitung scheint die ddD jedoch zu zweifeln. Knapp zwei Drittel aller Schäden bei Kunststoffabdichtungen seien auf Verarbeitungsfehler zurückzuführen, behauptet die Vereinigung. Nach den Erfahrungen der Sachverständigen würden dann meist mangels fachlicher Materialkenntnis aufwendige Komplettsanierungen mit Bitumenbahnen bevorzugt – also Kohlenwasserstoff-Gemische, die meist zweilagig verschweißt oder verklebt werden. Dabei könnten substanzerhaltene Maßnahmen bis zu 70 Prozent an Kosten im Vergleich zur Komplettsanierung einsparen, schätzt der Verein. Außerdem garantierten auch die Bahnen aus Bitumen keine dauerhafte Sicherheit. Die Lebensdauer belaufe sich auf sieben bis maximal 50 Jahre, erklärt Sachverständiger Ernst.

Die Wahl der geeigneten Abdichtung und Dämmung will jedenfalls gut überlegt sein. Den Hausbesitzern stehen dabei einige Möglichkeiten zur Verfügung. Bei schätzungsweise einem Drittel aller Dächer kommen Kunststoffbahnen zum Einsatz. Den einen Kunststoff gibt es dabei aber nicht, stattdessen sind unter dem Schlagwort verschiedene Materialen zusammengefasst. Am bekanntesten dürfte Hausbesitzern das Polyvinylchlorid, kurz PVC, sein. Der Vorteil solcher Kunststoffbahnen: Sie sind günstig, werden meist jedoch nur in einfacher Ausführung ausgelegt und sind entsprechend anfällig. Außerdem versprechen auch flüssige Kunststoffverbindungen wie das Abdichtungsharz PMMA ein dichtes Dach, vor allem an sensiblen Stellen wie eingebauten Wärmetauschern. Daneben sind die bereits genannten Bitumenbahnen beliebt, sie machen fast zwei Drittel aller Flachdächer aus. Einige Verbindungen bieten Experten zufolge eine höhere Temperaturfestigkeit, sind häufig jedoch teurer. Auch synthetischer Kautschuk kommt immer häufiger zum Einsatz.

Welches Material für welches Dach geeignet ist, hängt jedoch von den individuellen Bedingungen vor Ort ab. Und je nach Dachkonstruktion sind auch noch verschiedene Methoden der Flachdachdämmung möglich: Während beim sogenannten Kaltdach zwischen der Dämmschicht noch ein etwa zwei Zentimeter großer Hohlraum zur Durchlüftung bleibt, ist beim Warmdach der Raum zwischen den Sparren vollständig mit Dämmung gefüllt. Beim Umkehrdach ist die Wärmedämmung hingegen über der Abdichtung platziert. Weil die Dämmung damit der gesamten Witterung ausgesetzt ist, sollten nur besonders robuste Materialien zum Einsatz kommen.

Die Möglichkeiten sind kaum zu überblicken, die Beanspruchung dürfte für alle Werkstoffe und Dämmverfahren jedoch gleich hoch sein, erklären Experten. Das Allheilmittel haben Materialproduzenten und Dachdecker jedenfalls noch nicht gefunden: „Zum heutigen Stand gibt es kein Produkt, dass eine dauerhafte Schadenfreiheit ohne Inspektion und Wartung gewährleistet“, sagt Rühle vom Dacherdeckerverband. Das hänge zum Teil auch mit einem Trend zusammen: So würden Kunden nicht nur langlebige Materialien wollen, sondern auch nachhaltige, etwa mit einer hohen Wiederverwertungsquote. Sollen die Produkte aber dem gesamten Spektrum der Witterung wie UV-Strahlung, Kälte, Hagel und Sturm widerstehen, könnten nicht nur naturbelassene Stoffe verwendet werden, erklärt der Experte. Auch hier muss sich der Hausbesitzer also entscheiden. von Laurin Meyer

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