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Standardprodukte sind für den Einsatz am Gebäude nicht geeignet

Boom bei gebäudeintegrierter Fotovoltaik bleibt aus

Nur, wenn sie die Dacheindeckung ersetzt, ist eine PV-Anlage gebäudeintegriert. © Roto

Trotz gegenteiliger Prognosen wächst der Markt für gebäudeintegrierte Fotovoltaik nur langsam. Als Grund macht der Vorsitzende des Deutschen und Europäischen Normen-Arbeitskreises u.a. eine falsche Förderpolitik aus.

Seit Jahren prophezeien Marktbeobachter der gebäudeintegrierten Fotovoltaik rosige Zeiten. Spätestens wenn ab 2020 in der EU nur noch Nahezu-Null-Energie-Häuser neu gebaut werden dürfen, führe kein Weg daran vorbei, heißt es immer wieder. Denn gerade bei größeren Gebäuden würden die Dachflächen allein nicht ausreichen, um die für diesen Gebäudestandard benötigte Solarenergie zu gewinnen. Derzeit allerdings ist von einer Marktbelebung nicht viel zu spüren. "Während die Fotovoltaik im vergangenen Jahrzehnt durchschnittlich 50 Prozent pro Jahr gewachsen ist, wuchs der Markt für gebäudeintegrierte Systeme so geringfügig, das der prozentuale Anteil am Gesamtmarkt bestenfalls konstant blieb", berichtet Christof Erban. Als Vorsitzender des Deutschen und des Europäischen Normen-Arbeitskreises BIPV (Building Integrated Photovoltaics) ist er Experte für gebäudeintegrierte Fotovoltaik.

Europäische Daten zur BIPV gibt es kaum. Und wenn, dann sind sie wenig aussagekräftig, weil derzeit in nahezu jedem Land etwas anderes unter gebäudeintegrierter Fotovoltaik verstanden wird. In Italien etwa werde das Wort Integration im Sinne von anbringen verwendet, so dass auch eine ganz normale Aufdachanlage als gebäudeintegriert gilt, weiß Erban. In Deutschland dagegen kann nur dann von einer Integration des Fotovoltaikmoduls in die Gebäudehülle gesprochen werden, wenn das Modul neben der Stromproduktion auch eine Gebäudefunktion übernimmt. Beispiele sind Klimatisierung, Schallschutz, Sonnen- oder Sichtschutz sowie Schall- und Wetterschutz. Das trifft auf die nachträglich auf dem Dach installierte Solarstromanlage in der Regel nicht zu. Wohl aber auf eine Fotovoltaik-Fassade, die als äußerste Gebäudehaut auch den Wetterschutz bildet. Oder auf Module, die gleichzeitig der Verschattung dienen.

Aus der Multifunktionalität ergeben sich höhere Anforderungen an die Fotovoltaikelemente. Und eben diese macht Erban als einen Grund für das schleichende Wachstum der gebäudeintegrierten Fotovoltaik in Deutschland aus. "Standard-Elemente, die für den Einsatz im Freiland oder auf dem Dach entwickelt wurden mit dem einzigen Ziel möglichst günstig Strom zu produzieren, sind für die Fassade oder andere Gebäudebereiche nicht geeignet", bringt Erban das Problem auf den Punkt. Als Beispiel nennt er die Anforderungen an Glas im Gebäudebereich. Dieses dürfe sich beispielsweise unter einer bestimmten Windlast nur in einem gewissen Maße durchbiegen. "Eine solche Anforderung wird an ein Freiland-Modul nicht gestellt", so Erban. Solle es an einer Fassade eingesetzt werden, müsse daher zunächst nachgewiesen werden, dass diese Anforderung ebenso wie alle anderen aus dem Einsatz am Gebäude resultierenden Anforderungen erfüllt wird.

Dieser Nachweis erfolgt in der Regel über eine Zustimmung im Einzelfall durch die Bauaufsichtsbehörde. Der Verwaltungsakt selbst ist einfach und standardisiert, doch um die angeforderten Dokumente und Zertifikate vorlegen zu können, sind aufwändige und damit teure Prüfungen nötig. Und das in der Regel für jedes Projekt neu, denn jedes Gebäude ist anders. Hinzu kommt, dass der Planungsaufwand bei einem integrierten System höher ist als bei Standardsystemen. Unter Kostengesichtspunkten hat die gebäudeintegrierte Fotovoltaik daher kaum eine Chance gegenüber standardisierten Fotovoltaikanlagen. Hinzu kommen die niedrigeren Erträge durch die suboptimale Ausrichtung der Module. Bei einer senkrechten Fassadeninstallation ist der elektrische Ertrag etwa 30 Prozent geringer als der einer vergleichbaren Anlage mit optimal ausgerichteten Modulen. Angesichts dieser schlechten Bilanz mag Erban die optimistische Einschätzung manches Kollegen nicht teilen. "Erst wenn die höheren Kosten und die niedrigeren Erträge von BIPV durch die Berücksichtigung des besseren Carbon Footprint kompensiert werden, wird sich ein natürlicher Markt entwickeln", ist er überzeugt.

Erban zufolge weisen gebäudeintegrierte Fotovoltaikanlagen eine bessere CO2-Bilanz auf als Systeme auf Basis von Standard-Fotovoltaikelementen, da meist die konventionell am Gebäude genutzten Materialien als Rahmung oder Unterkonstruktion und das Gebäude selbst als Fundament oder Kontergewicht genutzt werden. Für Standardsysteme müssen diese Anlagenbestandteile extra erstellt werden, was einen hohen Energieaufwand und damit eine ungünstige CO2-Bilanz während der Herstellung, des Transports und der Montage bedeutet. Dieser Effekt bleibe durch die Förderung von Fotovoltaik allein auf der Grundlage der produzierten Kilowattstunden Strom unberücksichtigt. Angesichts der Tatsache, dass gerade der geringe CO2-Ausstoss, die möglichst CO2-arme Stromproduktion, die Grundlage für die Förderung der Fotovoltaik ist, müsste Erban zufolge nicht die Energierücklaufzeit, sondern die CO2-Rücklaufzeit maßgebend für die Förderung sein. Die Folge wäre eine höhere Förderung für gebäudeintegrierte Fotovoltaiksysteme.

Auch der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) hält eine besondere Förderung der gebäudeintegrierten Fotovoltaik für wichtig. Seit der Streichung des Fassadenbonus aus dem EEG im Jahr 2009 fordert er die Politik immer wieder auf, das Instrument wiederzubeleben. "Die Förderung von BIPV könnte nicht nur für die Solarwirtschaft sondern auch energiewirtschaftlich interessant sein, wenn durch die Solarstromproduktion auf Ost- und Westfassaden die heute vorhandenen Solarstrom-Erzeugungsspitzen in den Mittagsstunden geglättet werden", so BSW-Geschäftsführer Karsten Körnig im Gespräch mit EnBauSa.de.

Vor unserer Redakteurin Silke Thole

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