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Lüftungsprotokolle sind mit Vorsicht zu verwenden

"Klimagriff" ersetzt nicht das Lüftungskonzept

26.08.2011, 07:25

Modul "Klimagriff" erfasst Lüftungsvorgänge
Der "Klimagriff" wird unter dem vorhandenen Fenstergriff aufgesetzt. © Klimagriff GmbH

Regelmäßiges Lüften ist der Schlüssel, um in Neubauten und energetisch sanierten Gebäuden, Feuchtigkeitsschäden und Schimmel zu vermeiden. Während bei Neubauten Lüftungsanlagen, die den notwendigen Luftwechsel unabhängig vom Nutzerverhalten sicherstellen, fast schon technischer Standard sind, schrecken die Eigentümer von Bestandgebäuden nach der energetischen Sanierung oft vor dem Einbau solcher Systeme zurück. Grund sind die hohen Investitionskosten. Hier setzt Georg Meyer aus Solingen mit seiner Erfindung "Klimagriff" an. Das kleine Gerät für den Fenstergriff signalisiert dem Bewohner, wenn es Zeit zum Lüften ist und soll so nach Sanierungen helfen, Schimmel zu vermeiden. Zudem speichert es über zwei Jahre alle Lüftungsvorgänge und Raumklimadaten, was im Schadensfall die Ursachenanalyse erleichtert. Dabei ist allerdings Vorsicht geboten. Mieter sollten dem Einsatz zustimmen.

2.500 Geräte hat Meyer seit der Markteinführung im Dezember 2010 verkauft. "Wir zielen vor allem auf den Sanierungsbereich der Wohnungsbaugesellschaften. Die Käufer kommen bisher aber aus allen möglichen Bereichen", berichtet er. Der Klimagriff ist mit verschiedenen Sensoren ausgestattet, die Feuchtigkeit, Temperatur und Fensterbewegungen erfassen. Zusammen mit Daten wie Raumvolumen, Fenstergröße, Zimmerart (Küche oder Wohnzimmer) und Anzahl der Bewohner, die bei Inbetriebnahme eingegeben werden, wird daraus ermittelt, wann das mit dem Gerät ausgerüstete Fenster geöffnet werden sollte. Leuchtdioden und ein Piepton geben Signale. Dies auch dann wenn der Raum unterkühlt. Dann sollten die Bewohner zur Schimmelvermeidung heizen. Alle zwei Jahre muss die Batterie ausgetauscht werden, ansonsten ist keine Wartung erforderlich.

"Der Clou unserer Lösung ist, dass wir die Flügelposition des Fensters bestimmen können", zeigt Meyer den Vorteil gegenüber herkömmlichen Klimamessgeräten auf. Mit dieser Information kann auch errechnet werden, wann das Fenster wieder geschlossen werden sollte, beziehungsweise wieviel Luft beim Lüftungsvorgang tatsächlich ausgetauscht wurde. Das spart Heizenergie und ermöglicht es, neben Feuchte- auch Hygienelüftungen zu steuern, mit denen der Schadstoffgehalt der Luft reduziert wird. Wohnungsbaugesellschaften könnten ihren Mietern mit dem Klimagriff eine einfache Anleitung zum Lüften geben, preist Meyer sein Produkt an. Statt mehreren tausend Euro für eine Lüftungsanlage fielen nur 169 Euro pro Raum für einen Klimagriff an, so der Geschäftsmann. 

Allerdings schreibt die DIN 1946-6 eine nutzerunabhängige Mindestlüftung vor. Der Klimagriff hilft jedoch nur bei der Lüftung durch den Nutzer. Der Klimagriff könne die vorgeschriebene nutzerunabhängige Mindestlüftung zum Feuchteschutz nicht ersetzen, bestätigt Meyer. "Wir sehen unser Produkt als Ergänzung zu bestehenden Systemen wie Fensterfalzlüftern", sagt er.

Auch an der Notwendigkeit, ein Lüftungskonzept erstellen zu lassen, ändert der Einsatz des Klimagriffs nach der Sanierung nichts. DIN 1946–6 schreibt ein solches Konzept bei lüftungstechnisch relevanter Modernisierung vor. Darunter verstehen die Normer einen Austausch von mehr als einem Drittel der Fenster oder bei einem Einfamilienhaus eine Abdichtung von mehr als einem Drittel der Dachfläche.

Das Lüftungskonzept ist genaugenommen kein Konzept, sondern eine Prüfung. Mit Hilfe von Angaben zu Gebäudetyp, Windverhältnissen, Luftdichtheit und so weiter wird untersucht, ob der Wohnraum voraussichtlich auch ohne Fensterlüftung ausreichend vor Feuchte und damit Schimmel geschützt ist. "Das Gerät am Fenstergriff ändert nichts an der Tatsache, ob eine Handlüftung ausreicht oder nicht", sagt Gerold Happ, Referent für Energie, Umwelt und Technik bem Hausbesitzerverband Haus & Grund. Für die Handlüftung sei es allerdings eine Vereinfachung.

Bei der Aufzeichung aller Lüftungsvorgänge und Raumklimaveränderungen sei jedoch Vorsicht geboten, so der Experte von Haus & Grund. "Das können zum Teil durchaus personenbezogene Daten sein. Schließlich lässt sich daraus auch ersehen, wann der Nutzer zu Hause war", erläutert er. Daher sollten Hausbesitzer mit ihren Mietern über den Einsatz sprechen und ihn genau darüber informieren, dass Daten gespeichert werden und daraus eventuell ein Lüftungsprotokoll erstellt wird.

Alexander Schaaf, Inhaber eines Beratungs- und Sachverständigenbüros, kann der Speicherung der Lüftungsdaten für den Nachweis einer falschen Lüftung im Schadensfall nicht viel abgewinnen. "Laut Bundesgerichtshof ist dem Mieter nicht mehr als ein zweimaliges Lüften am Tag zuzumuten, in einigen Fällen reicht sogar einmal am Tag. Zeichnet das Gerät soviele Lüftungsvorgänge auf und es entsteht trotzdem Schimmel, hat der Vermieter das Nachsehen - und die Beweise selbst geliefert", sagt er. Schaaf ist überzeugt, dass in aller Regel kein Weg an einer wie auch immer gearteten Lüftungsanlage vorbei führt.

Auch Meyer rechnet damit, dass der Einbau von technischen Lüftungsanlagen über kurz oder lang zur Pflicht wird. Bis dahin sieht er seinen Klimagriff als Eselsbrücke, um richtiges Lüften zu erleichtern. "Wir arbeiten aber bereits daran, über den Klimagriff Lüftungsanlagen anzusteuern", sagt er. Das hält Lüftungsexperte Schaaf für sinnvoll. "Grundsätzlich ist der Klimagriff eine gute Idee, weil er die relevanten Werte raumweise erfasst, so dass da gelüftet wird, wo es notwendig ist", sagt er.

Von unserer Redakteurin Silke Thole

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