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Skepsis gegenüber Smart Meters beim "Treffpunkt Netze" in Berlin

Intelligente Stromzähler sind zunehmend umstritten

01.04.2014, 06:55

Podiumsteilnehmer beim Treffpunkt Netze
Auf dem Podium beim Treffpunkt Netze waren sich die meisten Diskutanten einig: Smart Meter kosten viel und bringen wenig. © Alexander Morhart

"Selbstverständlich wollen wir Smart Meter: Das kostet ganz viel Geld, keiner hat einen Nutzen davon, und das ist eine gute Idee." Diese halbironisch gemeinte Zuspitzung von Jan Fuhrberg-Baumann, Geschäftsführer der Netzgesellschaft der Stadtwerke Leipzig, fasste die Wertung von drei der vier weiteren Diskutanten auf einem Podium des "Treffpunkt Netze" ganz gut zusammen – und wohl auch die Stimmung vieler der fast 480 Teilnehmer, die wie üblich bei diesem traditionsreichen Fachkongress der Strom- und Gasnetzbetreiber sich kaum zu Wort meldeten, aber nach solchen Sätzen umso fleißiger applaudierten.

Fuhrberg differenzierte seine Skepsis zwar mit Blick auf die fernere Zukunft: Irgendwann wird es nach seiner Einschätzung durchaus sinnvoll sein, in großem Stil den vorgestrigen Ferraris-Zähler im schwarzen Gehäuse und das persönliche jährliche Ablesen zu ersetzen. "Aber aktuell kommen wir mit der alten Technik an vielen Stellen deutlich günstiger, und ist sie auch einfach langlebiger."

Auf dem Podium versuchte lediglich Christian Wurhofer, der die intelligente Netztechnik bei Siemens leitet, eine Ehrenrettung. Die neuartigen Zähler würden billiger werden, versicherte er. Sie könnten Messdaten liefern, mit denen der Verteilnetzbetreiber zum Beispiel vorhersagen könne, wie oft ein Trafo überlastet werde. So könnten Anlagen genauer ausgelastet werden. Auch für Stromhändler könnte die Auswertung der von intelligenten Zählern gelieferten Daten nützlich sein, um die Endkunden zu beraten. Ein Vorbild seien hier die USA, wo der Staat die Einführung (den "Rollout") von Smart Meters gefördert habe.

Doch der Siemens-Mann hatte einen schweren Stand. Zuvor schon hatte Holger Krawinkel vom Verbraucherzentrale Bundesverband klargemacht, wie wenig seine Organisation davon hält, die schlauen Zähler den Verbrauchern aufzudrängen. Die Vorstellung, wenn die Stromnachfrage zeitlich hochaufgelöst erfassbar sei, könnten Verbraucher und Volkswirtschaft zugleich davon profitieren – nämlich, indem der Kunde Stromfresser wie die Waschmaschine eher zu Zeiten mit viel und deshalb billiger angebotenem Wind- oder Solarstrom laufen lasse –, geht laut Krawinkel auf Versuche in den 90er-Jahren in Schweden zurück. Doch das zunächst scheinbar ermutigende Ergebnis dort habe sich hinterher als nur temporär herausgestellt: "Irgendwann verliert der Kunde die Lust, seine Geräte selber einzustellen." Selbst automatisiert sei es schwierig: "Natürlich will keiner, dass nachts die Waschmaschine läuft."

Außerdem seien übliche neue Elektrogeräte inzwischen so sparsam, dass es da kaum noch Strombedarf zu verlagern gebe. Krawinkel: "Lasst den Kunden entscheiden. Wenn ihr ein gutes Angebot macht, wird der Kunde das nehmen. Wenn nicht, lässt er es eben bleiben."

Die eigentlich scherzhaft-provozierend gemeinte Frage, die der Moderator daraufhin formulierte – "Wollen wir das nicht alles abblasen mit dem Smart Meter?" – beantwortete Thomas Freiherr von Fritsch, Leiter der Landesregulierungsbehörde Baden-Württemberg, keineswegs mit Nein: "Ich schließe mich eigentlich den Ausführungen von Herrn Krawinkel völlig an. Man soll es den Leuten überlassen. Immer dieses Ausgießen von Segnungen, und die anderen sollen es bezahlen – ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist." Das Thema komme vom zweiten Energie-Binnenmarktpaket der EU, und da stehe zwar die Einschränkung drin, "wenn das wirtschaftlich vertretbar ist", "aber das hat man nicht so richtig wahrgenommen, dieses kleine Wörtchen."

Mit der wirtschaftlichen Vertretbarkeit, namentlich für Verteilnetzbetreiber wie sein eigenes Unternehmen, hat sich detailliert Erik Landeck, Geschäftsführer der Stromnetz Berlin GmbH, befasst. Er zeigte gleich als erstes eine Grafik, die den nach einer Ernst-&-Young-Studie zu erwartenden spezifischen Jahreserlösen eines durchschnittlichen intelligenten Stromzählers beziehungsweise Mess-Systems die spezifischen Kosten (grüne Linie) gegenüberstellt. Die Erlöse hatte Landeck einer Studie vom Juli 2013 entnehmen können, mit der das Bundeswirtschaftsministerium Ernst & Young beauftragt hatte. Im ersten Jahr (im Rechenbeispiel der Beginn der Einführung: 2016) wie auch in den folgenden könnte demnach der Netzbetreiber vom Stromkunden 90 Euro erwarten. Die konkreten Kosten für den Netzbetreiber musste der Stromnetz-Berlin-Geschäftsführer dagegen selbst ermitteln lassen, denn Ernst & Young argumentiert gemäß den Vorgaben im Wesentlichen volkswirtschaftlich. 2016 würden die Kosten 300 Euro betragen, 2020: 150 Euro; in den Jahren danach erkennt man nur noch ein leichtes Absinken. Auch 2025 würden die spezifischen Erlöse von 90 Euro von den Kosten bei weitem überschritten.

Landeck hält aber trotz allem die Einführung solcher Zähler in maßvollem Umfang und Tempo energiewirtschaftlich-technisch für geboten. Für die Netzbetreiber gelte: "Wir machen das schon irgendwie. Wir lassen uns noch ein bisschen bitten, und wir müssen kucken, dass die regulatorischen Rahmenbedingungen passen." Passen heißt für ihn: Die Rechtsverordnungen, für die die EU dem Wirtschaftsministerium bis zum 5. Juni Zeit gegeben hat, sollen so aussehen, dass die Netzbetreiber genügend Gestaltungsfreiheit für eine effiziente Einführungsstrategie haben und die Kosten dafür vorab in voller Höhe eintreiben dürfen. von Alexander Morhart

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Kommentare zur Meldung

Kommentare 1 - 1 von 1.

Jürgen Leitner - 04.04.2014, 16:14

Liebes Enbausa-Team,

bleibt bitte an diesem Thema dran. Denn es wieder mal ein Beispiel dafür, wie die offenbar völlig orientierungslose Branche der Energieversorger versucht, mit ihren Kumpels aus der Politik, Regelungen durch zu setzen, die niemandem nützen, aber den Verbraucher über die Zähler-Gebühren abzocken.

 

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