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Politik muss Ausgleich für einkommensschwache Haushalte schaffen

Zu viel Regulierung erhöht die Sanierungskosten

15.08.2013, 10:10

Mehrfamilienhaus in Meersburg
Die Energetische Sanierung erhöht die Wohnkosten im Mehrfamilienhaus deutlich. © IWO

Vor allem finanzielle Gründe bremsen die energetische Gebäudesanierung. Insbesondere Haushalte mit unterdurchschnittlichem Einkommen belastet die von der Bundesregierung geforderte energetische Sanierung von Wohngebäuden finanziell, vor allem wenn der Einsatz bestimmter Technologien oder Energien bei der Sanierung vorgeschrieben wird. Zu diesen Ergebnissen kommt eine gemeinsam vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) und dem Forschungscenter Betriebliche Immobilienwirtschaft an der Technischen Universität Darmstadt (FBI) erstellte Studie, die gestern in Berlin vorgestellt wurde.

Bis zum Jahr 2050 sollen im Wohngebäudebereich 80 Prozent der Primärenergie eingespart werden, so die ehrgeizig formulierten Ziele der Bundesregierung. Der dazu im Konzept aus dem Jahr 2010 angekündigte Sanierungsfahrplan liegt allerdings bislang nicht vor. Das Institut für Wärme und Oeltechnik (IWO) ließ daher zwei Sanierungsfahrplan-Szenarien prüfen und daraus die Studie "Energetische Gebäudesanierung in Deutschland" erstellen. "Die Studie zeigt, dass sich bei Fortführung aktueller Trends in Kombination mit den Leitlinien der Bundesregierung der Primärenergieverbrauch bis 2050 um maximal 64 Prozent reduzieren lässt", berichtete Anna Hoier vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik. Wolle man aber das hoch gesteckte Einsparziel von 80 Prozent erreichen, seien bei der energetischen Gebäudesanierung deutlich größere Anstrengungen als bisher notwendig. Dann müssten alle bisher nicht gedämmten Bauteile der Gebäudehüllen, die älter als 50 Jahre sind, auf hohem Niveau gedämmt und energetisch hochwertige Fenster eingesetzt werden, sowie verstärkt erneuerbare Energien bei der Wärmeerzeugung zum Einsatz kommen, so die Studie.

In der Studie wurden alternative Sanierungsfahrpläne verglichen, die auf unterschiedlichen staatlichen Regulierungsansätzen beruhen: Einem technologieoffenen und einem technologiegebundenen Ansatz. Bei ersterem können Gebäudeeigentümer die Energieeinsparmaßnahmen und die Zeitpunkte der Investitionen frei wählen, solange die vorgegebenen Ziele am Ende erreicht werden. Beim technologiegebundenen Ansatz dagegen schreibt der Gesetzgeber Eigentümern die Art der Maßnahmen, deren zeitliche Umsetzung und den Grad der Nutzung erneuerbarer Energien vor.

Beim technologiegebundenen Fahrplan passen die Zwangsmaßnahmen teilweise nicht zusammen, oder es werde beispielsweise der Austausch von zweifach- zu dreifachverglasten Fenstern gesetzlich vorgeschrieben, obwohl die alten Fenster noch tüchtig sind, das sei unrentabel, so Hoier. Ein Vorschreiben bestimmter Technologien hemme zudem die Erforschung und Entwicklung neuer Technologien, auch das sei kontraproduktiv. Betrachte man die Entwicklung der Sanierungsrate, folge bei der technologiegebundenen Variante auf eine enorme Spitze eine tiefe Flaute, bei der technologieoffenen Variante sehe das etwas besser aus. Vor diesem Hintergrund sei mit baupraktischen und wirtschaftlichen Engpässen zu rechnen.

Eine Erreichbarkeit der Primärenergieeinsparung von 80 Prozent sei aus technologischer Sicht machbar, das aber nur bei umfangreichen Sanierungsmaßnahmen auf hohem energetischem Niveau am Gebäudebestand. Dazu müssten die Ziele gestaffelt dargestellt und verfolgt werden – nach Zeitspannen, Bauart und Baualtersgruppe des Bestandes. Angepasste individuelle Lösungen seien dabei repetitiven Technologieanwendungen vorzuziehen, vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten brächten dabei den größten wirtschaftlichen Vorteil um die vorgegebenen Ziele zu erreichen.

Bei der Vorstellung der Studien aus technologischer und ökonomischer Sicht wird deutlich: Die technologische Machbarkeit wird aus ökonomischer Sicht relativiert. Die Technologien sind vorhanden und einsetzbar, doch es wird teuer, und zwar in beiden Szenarien – insgesamt belaufen sich demnach die volkswirtschaftlichen Kosten für die energetische Gebäudesanierung bis 2050 inflationsbereinigt auf mindestens 1,7 Billionen Euro im technologieoffenen Sanierungsfahrplan, beim technologiegebundenen Fahrplan, der beispielsweise den Einsatz von erneuerbaren Energien vorschreibt, auf 2,1 Billionen Euro, also nochmal rund 22 Prozent teurer.

Konkret hieße das für Gebäudeeigentümer: Die technologiegebundene Sanierung eines durchschnittlichen Einfamilienhauses käme auf rund 140.000 Euro; für ein durchschnittliches Mehrfamilienhaus müssten Hausbesitzer rund 303.000 Euro aufwenden. Mit einem technologieoffenen Sanierungsfahrplan ließen sich die Kosten je nach Gebäudetyp zwischen 16 und 33 Prozent reduzieren, rechnete Andreas Pfnür, Leiter des Forschungscenters Betriebliche Immobilienwirtschaft der TU Darmstadt und Verfasser der zweiten Studie, vor. Doch selbst in dieser etwas kostengünstigeren Variante werden viele Eigenheimbesitzer die nötigen finanziellen Mittel für die Haussanierung nicht aufbringen können, warnte Pfnür. Zudem steigen die Kosten für das Wohnen durch die Gebäudesanierung deutlich.

Mit einem technologiegebundenen Sanierungsfahrplan verteuere sich das Wohnen in einem Einfamilienhaus ab der ersten Modernisierungsmaßnahme bis 2050 im Durchschnitt um rund 260 Euro pro Monat, in einem Mehrfamilienhaus um rund 140 Euro pro Wohneinheit. "Im Falle einer technologieoffenen Sanierung ist der Anstieg der monatlichen Kosten des Wohnens im Durchschnitt moderater", berichtete Pfnür, "im Einfamilienhaus rund 140 Euro und im Mehrfamilienhaus rund 100 Euro pro Wohneinheit." "Die finanziellen Lasten der energetischen Gebäudesanierung steigen mit abnehmendem Einkommen deutlich an", berichtete Pfnür weiter. "Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 900 bis 1.300 Euro zahlen nach Sanierung die Hälfte ihres Einkommens für das Wohnen. Das ist nicht nur sozialer Sprengstoff, sondern einfach nicht tragbar", mahnte Pfnür. Hier entstehe ein deutlicher Konflikt zwischen Sozial- und Klimapolitik. Man müsse die Sanierungsfahrpläne situativer gestalten und sich von plumpen Regelungen verabschieden, so Pfnür, dann wäre die Sache erfolgreicher.

Ein Blick auf die Deutschlandkarte macht deutlich: Die einkommensstarken Bundesländer im Süden und Westen der Republik sind den Sanierungszielen schon recht nah gekommen, während in Berlin und den neuen Bundesländern alle Zeichen auf negativ stehen: Hier mangelt es an Kapital und Einkommen. Um den erheblichen sozialen Sprengstoff zu entschärfen, den der Anstieg der Wohnkosten birgt, müsse in der Sozialpolitik für ein höheres Budget zur Übernahme dieser Kosten gesorgt werden, riet Pfnür.

Im Ergebnis sind sich beide Studien jedoch soweit einig: Aus technischer und ökonomischer Sicht wäre ein technologieoffener Sanierungsfahrplan mit konkreten Zielvorgaben jedoch ohne Festlegung einer bestimmten Umsetzungsart der optimale Weg. Das Ergebnis dürfte auch dem Institut für Wärme und Oeltechnik (IWO) entgegenkommen, denn der zwingende Einsatz Erneuerbarer Energien wird damit hinausgeschoben und konventionelle Heizungen müssten lediglich optimiert werden. Ernst-Moritz Bellingen vom IWO bekräftigte noch einmal das Fazit der Studie. "Technologieoffene Sanierungen und freie Energieträgerwahl ermöglichen für jedes Gebäude eine technisch und wirtschaftlich optimale Lösung." Die primärenergetische Bewertung der EnEV sei technologieoffen und eigne sich ideal als Bewertungsgröße für eine Roadmap. Daher sollten auch die KfW- und die steuerliche Förderung von energetischen Teilsanierungen den Grundsatz der Technologieoffenheit verfolgen und beispielsweise Heizsysteme unterstützen, die mehr als einen Energieträger zur Wärmeversorgung nutzen.

Egal welcher Fahrplan zum Einsatz kommt, die energetische Gebäudesanierung verstärkt die sozialen Ungleichgewichte in Deutschland, so das Fazit der ökonomischen Studie. Doch auch auf die Gebäudeeigentümer kommen erhebliche Belastungen zu, und natürlich auf den Steuerzahler. In den meisten Parteiprogrammen werde allerdings der teure technologiegebundene Fahrplan favorisiert, beklagte IWO-Geschäftsführer Christian Küchen, mit der Veröffentlichung der Studie wolle man auch der jetzigen und zukünftigen Bundesregierung noch einmal die möglichen Konsequenzen eines solchen Vorgehens vor Augen führen. Sanierungsmaßnahmen sollten immer situationsbedingte Gegebenheiten berücksichtigen und Freiräume zur Anpassung lassen, um die Kosten zu minimieren. Zudem müsse in der Sozialpolitik für ein höheres Budget zur Übernahme dieser Kosten gesorgt werden. von Nicole Allé

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Kommentare zur Meldung

Kommentare 1 - 1 von 1.

Hans-Jürgen Werner - 21.08.2013, 10:23

In Deutschland glauben leider zu viele, zu allem einen Kommentar abgeben zu müssen oder gar Studien zu verfassen.
Aus Zeitgründen nur so viel zu einem Punkt:
Die Komplettsanierung (WDVS, Fenster, Dach, Heizung, Kellerdecke) eines EFH kostet durchschnittlich 70.000 bis 80.000 € (Bruttokosten) und keine 140.000 €. Nach mehr als 150 energetischen Modernisierung zu KfW-Effizienzhäusern weiß ich auch, wovon ich spreche. Wieviele Sanierungen haben die Ersteller dieser Studien ausgeführt ?

Es ist immer wieder interessant, woher diese Studienverfasser Ihre Info`s erhalten. Von "uns", dem GIH und seinen Landesverbänden mit fast 2.500 Mitgliedern, jedenfalls nicht. Unsere Mitglieder sind es aber, die Sanierungen von A bis Z begleiten und dazu auch entsprechende Aussagen treffen können, die ralistisch und korrekt sind.

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Werner

Ing.-Büro für Energieberatung
Vorstandsmitglied www.bayernenergie.de
Ahornweg 5
85406 Zolling
Tel 08167 696011
Fax 08167 6844
Mobil 0172 827 86 86

 

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