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Nutzung der Bauteile als Speicher erhöht Flexibilität

Projekt Proshape senkt Wärmekosten um über 20 Prozent

13.09.2016, 08:30

Severin Beucker
Beucker: Stromkosten sinken wahrscheinlich um 15 Prozent. © A. Morhart

224 Wohnungen in sechs Gebäuden der Berliner Genossenschaft "Zentrum", früher mit Gas beheizt, jetzt mit stromorientiert betriebenem Erdgas-BHKW und Spitzenlastkessel - das ist das Praxis-Forschungsfeld des Projekts Proshape.

Mit dem Nahwärmenetz wurden Glasfaserkabel verlegt, und jeder Raum ist mit Temperatursensoren und steuerbaren Heizungsventilen ausgerüstet. "Die Wärmekosten sind erkennbar 20 bis 25 Prozent reduziert worden", sagte Manfred Riedel bei einer Tagung zu Proshape in Berlin.

Seine Dr. Riedel Automatisierungstechnik hat die komplexe Regelung entworfen und das Ganze miteinander vernetzt. Da bisher nicht genügend Messergebnisse vorliegen, konnte Riedel noch keine absoluten Zahlen nennen, aber nach seiner Schätzung werden die monatlichen Kosten der Bewohner für Heizung und Warmwasser nur 60 Cent pro Quadratmeter betragen.

Wärme wird im Baukörper zwischengespeichert

Contractor ist die Berliner Energieagentur (BEA), und damit diese immer zum optimalen Zeitpunkt BHKW-Strom ins öffentliche Netz einspeisen lassen kann, hat man sich etwas Besonderes einfallen lassen: Die vom BHKW ja immer gleichzeitig mit dem Strom erzeugte Wärme kann die Gebäude wenn nötig vorübergehend um bis zu etwa 1 Grad "überheizen", ohne dass es den Bewohnern auffällt.

Wenn dann später kein Mangel mehr im Stromnetz herrscht und demzufolge der Strompreis sinkt, schaltet sich das BHKW ab, bis die Temperaturreserve aufgebraucht ist. Die Bewohner beziehen ihren Strom solange aus dem Netz.

Beim kontrollierten Überheizen geht es meist nur um wenige Stunden. Da in dieser Zeit die Gebäudehülle mehr Wärme an die Umgebung abgibt, entsteht mit der Zeit ein Mehrverbrauch von geschätzt 2,3 Prozent. Doch Professor Friedrich Sick, über die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin ebenfalls am Projekt beteiligt, hat errechnet, dass so übers Jahr 16 Prozent der Heizwärme in den Baumaterialien zwischengespeichert werden können. Das entspräche einer Bereitstellung von elektrischer Regelenergie zur Stabilisierung des öffentlichen Stromnetzes in Höhe von 34 Megawattstunden. Auf die Kosten und Erlöse wirkt es sich kaum aus, die würden sich unter den jetzigen Rahmenbedingungen nur um wenige Euro pro Tag verbessern.

Niedrigere Strom- und Betriebskosten erwartet

Dass die Stromkosten für die Mieter um voraussichtlich 15 Prozent sinken werden, wie Projektleiter Severin Beucker vom Berliner Borderstep Institut erwartet, liegt deshalb nicht an dem Kniff mit dem Überheizen, sondern daran, dass das BHKW (Investitionssumme: 175.000 Euro) elektrische Energie unter dem Strich billiger bereitstellen kann als zum Preis des Netzbezugs.

Noch mehr hätte sich wohl herausholen lassen, wäre im Heizungskeller genügend Platz für ein größeres BHKW und die nötige Schalldämmung gewesen. Dann hätte man ein 50-kWel-Aggregat einbauen können. So musste es bei 34 kWel und 78 kWth bleiben. Zusätzlich zu niedrigeren Wärme- und Stromkosten hoffen die Projektbeteiligten - allen voran die Wohnungsbaugenossenschaft - auch auf niedrigere Betriebskosten.

Display nimmt auch Störungsmeldungen an

In jeder Wohnung wurde für das Einstellen der Raumtemperaturen ein sogenannter "Wohnungsmanager" an die Wand montiert, eine Art überdimensioniertes Smartphone. Den Wohnungsmanager haben die Programmierer gleich auch mit einer Störungsmeldungsfunktion ausgestattet. Wird eine Heizung nicht richtig warm oder Ähnliches, können die Bewohner das über den berührungsempfindlichen Bildschirm eingeben. Ein Vorgang, der bisher Telefonate zwischen Bewohner, Genossenschafts-Sachbearbeiter und Handwerker erforderte, soll jetzt automatisiert ablaufen. Das soll Personalkosten und am Ende Betriebskosten einsparen.

Perspektivisch kann man sich bei Proshape die ganze Palette des intelligenten Wohnens vorstellen, auch unter Beteiligung Dritter als Dienstleister. In den sechs Gebäuden an der Hosemannstraße ist es gelungen, diverse Bauteile unterschiedlicher Hersteller, Datenprotokolle und Geräteplattformen miteinander zu vernetzen - auch das ein Ziel des Proshape-Forschungsprojekts. Doch was passiert eigentlich, wenn einer der Hersteller von Schlüsselkomponenten vom Markt verschwindet? Manfred Riedel beruhigte: Es gebe inzwischen über ein Dutzend Unternehmen, und die Produkte seien austauschbar.

Volatilität sorgt für fehlende Planbarkeit

Das Hauptproblem für solche Projekte sahen die Tagungsreferenten denn auch nicht in der Technik, sondern in der Politik. Ingrid Vogler vom Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen beklagte die fehlende Planbarkeit: "Wir haben eine Phase erreicht, wo sich alles im Jahresrhythmus ändert. Projekte brauchen ein Jahr Vorlauf, ein Jahr Ausführung, ein Jahr Evaluation." In dieser Zeit dürften sich nicht dreimal die Rahmenbedingungen ändern. Severin Beucker stimmte ihr zu, und mehrere weitere am Projekt Beteiligte schilderten zum Teil groteske Beispiele, wie Regelungswut sowohl bei der Bundesregierung als auch bei der EU für Mehraufwand und Rechtsunsicherheit sorgten. Von Alexander Morhart

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