RSS | Newsletter | Über uns | Kontakt | Sitemap

Sie sind hier: Home » Heizung » Aktuelles » Artikel » Heizung im Wohnhaus billiger als Fernwärme

Vermieter profitieren von Fernwärme, Mieter nicht

Heizung im Wohnhaus billiger als Fernwärme

20.09.2016, 08:30

Andreas Pfnür und Bernadetta Winiewska
Andreas Pfnür und Bernadetta Winiewska stellen Fernwärme schlechtes Zeugnis bei den Kosten aus. © A. Morhart

Im Großen und Ganzen zeigt eine neue Studie im Auftrag der deutschen Heizungswirtschaft, dass Fernwärme im Wohnhaus nicht wirtschaftlich ist. Die Investition in einen Öl- oder Erdgas-Brennwertkessel ist regelmäßig rentabler als der Anschluss an ein Wärmenetz - doch die Klimaziele sind damit nicht zu schaffen. Und was sich für den Mieter lohnt, kann zugleich für den Vermieter ein Verlustgeschäft sein.

Auf über 200 Seiten sind die Grunddaten zusammengetragen, um für repräsentative Kombinationen von Versorgungsgebiet und Haustyp vollständig die Zahlungsströme vor und nach einer Heizungssanierung ermitteln zu können. Mehr als 1.000 Muster-Finanzpläne hat Professor Andreas Pfnür von der TU Darmstadt so berechnet und dabei sämtliche in Deutschland möglichen Förderungen berücksichtigt.

Die Ergebnisse sind für Anhänger der Fernwärme niederschmetternd. Egal, ob vom Heizwerk oder mit Kraft-Wärme-Kopplung gewonnen, ob fossil befeuert oder erneuerbar gewonnen: Bei sämtlichen Fernwärme-Varianten ist der Wärmepreis nach dem Anschluss höher als vorher - sogar für ein unsaniertes Einfamilienhaus mit einem Heizölverbrauch von bisher 2.900 Liter pro Jahr.

Auskömmliche Eigenkapitalrenditen von knapp 10 beziehungsweise fast 14 Prozent hat Pfnür hier für den Einbau eines modernen Öl- oder Erdgas-Brennwertkessels berechnet. Sogar in Kombination mit einer Solarthermieanlage werden jeweils noch Renditen von über 6 (Öl) oder 10 Prozent (Erdgas) erreicht.

Aber auch nicht jede Heizungsanlage im Gebäude (in der Studie als "dezentral" bezeichnet) schafft die Gewinnschwelle. Luftwärmepumpen und vor allem Pelletkessel verursachen in allen betrachteten Standardfällen ebenfalls einen Zuschussbedarf, egal ob im Ein- oder Mehrfamilienhaus.

Am besten ist eine Investition in eine Erdgas-Brennwertheizung in einem unsanierten, großen Mehrfamilienhaus (24 Wohneinheiten) angelegt: Jährlich rund 17,5 Prozent Rendite auf das eingesetzte Kapital lassen sich hier erwirtschaften.

Faire Eingangsgrößen

Wer nun denkt, es handle sich um ein Gefälligkeitsgutachten, bei dem so lange an bestimmten Stellschrauben gedreht worden wäre, bis das gewünschte Ergebnis im Sinne des Bundesverbands der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) und der anderen Auftraggeber mit jeweils ähnlicher Interessenlage herausgekommen sei, der irrt. Ein Blick ins Kapitel "Prämissen und Eingangsdaten" zeigt, dass Zinssatz und Energiepreissteigerungen realistisch und durch Sensitivitätsanalysen abgesichert sind.

Die Kennziffern für die Wärmeverluste im Fernwärmenetz hat Bernadetta Winiewska vom Institut für Technische Gebäudeausrüstung Dresden (ITG), die bei der Vorstellung in Berlin den den technischen Teil der Studie vortrug, vom Fernwärme-Interessenverband AGFW übernommen. Und sogar ein AGFW-Vertreter, der bei der Vorstellung der Studie anwesend war, hatte an der Methodik erst einmal nichts Wesentliches auszusetzen.

Eine hohe Wohndichte führt bei Fernwärme zu einem geringeren Anteil der Netzkosten am Wärmepreis. Auf die Nachfrage, ob sich ein Dichtewert angeben lässt, oberhalb dessen eine Fernwärmeversorgung doch wirtschaftlich sinnvoll sein könnte, musste Andreas Pfnür passen: "Uns fehlten dafür die Eingangsdaten. Die Transparenz über die Fernwärmesituation in Deutschland war für uns nicht hoch genug."

Energieeinsparung bei Fernwärme größer, aber teuer

Ein Ergebnis der Studie ist, dass - freilich unter fiktiven, unrealistischen Randbedingungen - das theoretische Potenzial der Energieeinsparung und CO2-Verringerung bei Fernwärme größer ist als bei Heizungen im Haus; ein interessanter Aspekt, sieht doch das Energiekonzept der Bundesregierung vor, den Primärenergiebedarf im Wärmemarkt bis 2050 um 80 Prozent zu senken.

Andreas Pfnür verwies jedoch auf die damit verbundenen Kosten: "Da bin ich einfach sicher, dass wir nicht in der Lage sind - als Volkswirtschaft -, Strukturen aufzubauen, die die Mehrkosten, die notwendig sind, um diese 80 Prozent zu erzielen, verdaut." Der untere Teil der Einkommenspyramide könne sich solche Kosten nicht leisten. Es würde ein Mechanismus nötig "über Steuern oder direkte Zuschüsse, wo die Reichen mehr oder weniger zur Kasse gebeten werden für die Sanierung des Wohnraums der Armen."

Die Forscher haben auch getrennt für Vermieter und Mieter gerechnet, und siehe da: "Der Vermieter profitiert in der Regel durch geringere Investitionskosten, niedrigere Betriebskosten und durch einfachere Abrechnungsmodalitäten. Folglich ist das wirtschaftliche Ergebnis beim Anschluss an ein Wärmenetz für die Vermieter sowohl von Ein- als auch von Mehrfamilienhäusern deutlich vorteilhafter als bei einer gebäudeweisen Heizungssanierung. Aus Mietersicht ist es umgekehrt."

"Mieter zahlen die Zeche"

Am Beispiel eines unsanierten Einfamilienhauses rechnet Pfnür in der Studie vor, wie im Fall eines insgesamt unrentablen Anschlusses an die Fernwärme "die Mieter die Zeche zahlen": "Aus ihrer Sicht ergeben sich nach Anschluss an ein Wärmenetz Wärmekostensteigerungen gegenüber dem Status quo im ersten Jahr von 694 Euro und durchschnittlich über die nächsten 20 Jahre von 754 Euro."

Sozusagen als "Abfallprodukt" liefert die Studie Zündstoff für die Diskussion um die gesetzliche Begrenzung der Umlage von Sanierungskosten auf die Miete. Nach § 559 BGB darf ein Eigentümer derzeit höchstens 11 Prozent der modernisierenden Sanierungsinvestitionen pro Jahr auf die Miete aufschlagen. Die Berechnungen zeigen aber, dass eine umfangreiche Heizungssanierung für alle Seiten wirtschaftlich sinnvoll sein könnte, aber durch das Gesetz verhindert wird.

Am Beispiel der Erneuerung der Öl-Brennwertheizung eines großen, teilsanierten Mehrfamilienhauses lässt sich demnach vorrechnen, dass bis zu 28 Prozent der anrechenbaren Investitionskosten auf die Miete umgelegt werden könnten, ohne dass die Mieter dadurch einen Nachteil hätten. Die Autoren folgern: "Starre Umlageanteile der Investitionskosten tragen zum Sanierungsstau bei" und fordern "flexiblere Lösungen". von Alexander Morhart

Eine Verwendung dieses Textes durch Dritte ist kostenpflichtig. Eine Lizenzierung ist möglich. Bitte nehmen Sie bei Fragen Kontakt auf.

 

Kommentar schreiben

(wird nicht veröffentlicht)
Bitte geben Sie die angezeigte Zeichenfolge (Captcha) ein. Dies dient zur Vermeidung von unerwünschtem Spam.

Zurück

Premiumpartner

Anzeige