Märkische Scholle packt Gebäudehüllen und Energieversorgung an

Quartierssanierung kann eine Sogwirkung erzielen

Dachgeschoss aus Holz verbessert CO2-Bilanz. © Märkische Scholle

Die energetische Gebäudesanierung umfasst häufig mehr als einzelne Häuser und nimmt komplette Stadtquartiere in den Blick.

Bei der energetischen Sanierung weitet sich der Blick vom einzelnen Haus auf ganze Quartiere. "Anstoß für diese Entwicklung war die Erkenntnis, dass die notwendige Sanierungsrate für das Erreichen der Klimaziele bei der Fokussierung auf Einzelgebäude nicht geschafft wird", sagt Andrea Untergutsch, Prüfsachverständige für energetische Gebäudeplanung beim Berliner Büro CSD Ingenieure. "Hier kann die Quartierssanierung helfen, denn sie bietet mehr Möglichkeiten, Eigentümer einzubeziehen, durch die direkte Ansprache zu überzeugen und eine Sogwirkung zu erzielen."

Der Expertin gefällt besonders, wenn das energetische Sanierungskonzept Teil eines Entwicklungskonzeptes für das Quartier ist: "Man hat dabei das Gesamtsystem im Auge und kann die städtebaulichen, sozialen und klimapolitischen Zielsetzungen aufeinander abstimmen. Die energetische Optimierung geht dann mit einer Verbesserung der Aufenthaltsqualität im Quartier einher."

Ein spannendes Beispiel ist für die Ingenieurin ein Vorhaben der Berliner Wohnungsgenossenschaft Märkische Scholle in Lichterfelde Süd. Eher untypisch sind hier alle Gebäude in einer Hand und eher homogen. Spannend findet Untergutsch das Projekt, weil sowohl die Gebäudehüllen als auch die Energieversorgung umfassend saniert und Häuser aufgestockt wurden. Dem BUND war das Projekt 2014 den Berliner Umweltpreis wert.

Sanierung im Quartier erfolgt nach und nach

Bei den großen Anlagen in ihrem Bestand ist es die Märkische Scholle gewohnt, quartiersweise zu denken. In Lichterfelde Süd saniert sie über 800 Wohnungen in 41 Gebäuden wegen des hohen Energieverbrauchs. Richtige "Energiefresser" seien vor allem die Wohnblöcke aus den 30er-Jahren, sagt Jochen Icken, Architekt und technischer Vorstand der Wohnungsgenossenschaft. Bis zu 200 Kilowattstunden pro Quadratmeter mit den entsprechenden Nebenkosten fand der Vorstand der Genossenschaft auf Dauer untragbar für die Mieter.

Schritt für Schritt zieht sich die Sanierung von 2014 bis 2024. Abschnittweise hat die Märkische Scholle aus zwei Gründen geplant: "Wir haben nicht so viele Umsetzwohnungen, und wir arbeiten mit vielen kleinen Handwerksbetrieben", sagt Icken.

Zum Aufwärmen machte sich die Genossenschaft an fünf Wohnblöcke aus den 50er- und 60er-Jahren mit nicht ganz so schlechtem energetischen Zustand. Sie wurden nachgedämmt, bekamen neue Fenster, eine Strangsanierung und eine zentrale Warmwasserversorgung statt der Durchlauferhitzer. Erwärmt wird das Wasser mit Solarthermie, unterstützt von Fernwärme.

Aufstockung mit Holz optimiert die CO2-Bilanz

Vor einem Jahr begann der Umbau der ersten vier Wohnblöcke aus den 30er-Jahren. Aufs oberste Stockwerk kamen Dachgeschossaufbauten, die komplett aus Holz sind. "Holz als nachwachsender Rohstoff verbessert die CO2-Bilanz und lässt sich wegen des hohen Vorfertigungsgrades zügig bauen", sagt Jochen Icken. In den Dachgeschossen wird die Genossenschaft nun endlich mehr große Wohnungen für Familien anbieten können. Obendrauf stehen Solarthermie- und PV-Module.

Alleinstellungsmerkmal sind die Erdwärmespeicher, ein Patent des planenden Ingenieurs Taco Holthuizen vom Berliner Büro eZeit Ingenieure. Sie können warmes Wasser saisonal speichern. Wie in einer riesigen Fußbodenheizung wurden dafür Kunststoffrohre zwischen den Wohnblöcken in ein Erdbett verlegt, nur seitlich und von oben gedämmt.

Im März wagt sich die Märkische Scholle mit den nächsten vier Wohnblöcken an eine neue Komplexitätsstufe: "Rechnerisch wird die gesamte Energie regenerativ erzeugt", sagt Jochen Icken. Das sollen eine Wärmerückgewinnungsanlage und Wärmepumpen leisten, die mit Strom aus der PV-Anlage vom Dach betrieben werden. Nur im Winter wird die Genossenschaft für diese Häuser Strom zukaufen müssen.

Mieten sollen unter 10 Euro bleiben

Geplant hat die Märkische Scholle, bis 2019 mit noch drei weiteren Bauabschnitten dieser Art fertig zu sein. Zum Konzept gehört außerdem der Neubau von sieben Wohnblöcken mit weiteren großen sowie barrierearmen Wohnungen. Nach ersten Gesprächen im Planungsamt wird die Genossenschaft hier mit dem alten Bebauunggsplan arbeiten können. Ziel ist, bis 2024 mit den Neubauten fertig zu sein und bei den Mieten unter zehn Euro zu bleiben.

Geplant sind hier auch Wohnungen mit angeschlossener Sozialstation und Betreuungsangeboten. "Viele Familien wohnen hier schon in mehreren Generationen. Bei den Älteren stehen wir im Wort, dass sie im Quartier bleiben können", erklärt Icken.

Umlage erreicht 11 Prozent bei Weitem nicht

74 Millionen Euro hat die Genossenschaft für die Sanierung angesetzt. Die Kosten wird die Märkische Scholle mit Einnahmen aus anderen Objekten quersubventionieren. So werden nur drei bis vier Prozent der Kosten statt der gesetzlich erlaubten elf Prozent umgelegt. 1,90 Euro pro Quadratmeter wird als Mietsteigerung dabei herauskommen. Wegen der Energieeinsparungen bleiben den Mietern je nach Verbrauch voraussichtlich Kosten von 50 Cent bis einem Euro pro Quadratmeter, schätzt Icken

Eine quartiersweise Betrachtung sieht er grundsätzlich als sinnvoll an. "Nicht alle Themen kann man im einen Gebäude unterbringen. In dem einen kann ich beispielsweise große Wohnungen schaffen, aber keine barrierearmen. Man muss die Stärken und Schwächen sehen und nutzen."

Übertragbar sind die Erfahrungen aus Lichterfelde Süd auch innerhalb der Märkischen Scholle "nur bedingt", sagt Icken: "Man muss jedes Gebäude und jedes Quartier individuell analysieren und sich im Klaren sein, worauf man Wert legt und worauf nicht. Den Königsweg gibt es nicht." von Susanne Ehlerding

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