650 Haushalte haben intelligente Stromzähler erhalten

Haushalte tragen zur Lastverschiebung bei

Verbraucher erhalten aktuelle Strompreisinfos. © Etelligence

In einem Pilotprojekt beschäftigt sich EWE damit, wie Haushalte zur Lastverschiebung beim Stromverbrauch beitragen können.

Auch Privathaushalte können einen entscheidenden Beitrag zum Umbau der Energiesysteme leisten. Das stellt der norddeutsche Energieversorger EWE in der Zwischenbilanz seines Forschungsprojekts Etelligence fest.

650 Haushalte wurden in einem Feldtest in der Region Cuxhaven mit intelligenten Stromzählern, sogenannten Smart Metern, ausgestattet und per DSL mit der EWE-Zentrale verbunden. Über einen speziellen Stromtarif werden die Kunden angeregt, Strom genau dann zu verbrauchen, wenn er in großen Mengen verfügbar ist. Im Grundtarif ist er unter der Woche tagsüber teurer als am Abend und am Wochenende. Zusätzlich verschickt die EWE per SMS sogenannte Bonus- und Malusevents an ihre Feldtestkunden.

Sagt die Wetterprognose beispielsweise starken Wind vorher, dann bekommen die Kunden die Information, dass es bald Strom zum Nulltarif geben wird. "Dann wird der Jäger- und Sammlertrieb geweckt", berichtet Ulrich Pohl. Der Haushalt des Familienvaters mit einer erwachsenen Tochter hat an dem Projekt teilgenommen. Seine Frau bereite sich auf Phasen günstigen oder kostenlosen Stroms vor: "Dann wird Kuchen gebacken, Trockner und Waschmaschine angeschmissen und im Sommer auch noch Rasen gemäht." Im Umkehrschluss schieben die Cuxhavener den Start des Waschprogramms auf die lange Bank, wenn der Strom wegen Flaute oder Bewölkung über mehrere Stunden ganze 80 Cent pro Kilowattstunde kostet.

Das EWE-Projekt macht den Stromverbrauch auch transparent. Über das Internet oder einen iPod-Touch können die Kunden ihren Verbrauch jederzeit auf 15 Minuten genau einsehen. Durchschnittlich 12 Prozent ihres Energieverbrauchs konnten die teilnehmenden Haushalte während der ersten Testmonate einsparen. "Ganz entscheidend für diesen Einspareffekt ist der bewusste Umgang mit Strom, den wir über die Feedbacksysteme im Internet und über den iPod ermöglichen", sagt Tanja Schmedes, Projektleiterin von Etelligence. Damit werden Stromfresser und Einsparpotentiale im Haushalt sichtbar, der Strom bekommt zum ersten Mal ein Gesicht.

"In den ersten Monaten sank unser Stromverbrauch um ein Viertel", sagt Ulrich Pohl, "aber ab Oktober stieg er wieder an." Die Pohls identifizierten bald den Übeltäter - die Heizungspumpe. Diese könnten sie nun bald gegen ein sparsameres Modell auswechseln lassen. Da sie neben dem Stromsparen die Tarifevents schlau nutzen, sparen Pohls zusätzlich bares Geld - zumindest während des Feldtests.

Warum aber ist das Verschieben des Stromverbrauchs auch für Energieversorger und Netzbetreiber interessant? Hintergrund ist, dass unser Strom mehr und mehr erneuerbar wird. Da aber der Wind nicht immer bläst und die Sonne nachts nicht scheint, brauchen wir Speicher für den Wind- und Sonnenstrom, sowie Spitzenlastkraftwerke zum Ausgleich. Beides ist teuer.

Eine Alternative bietet die Lastverschiebung. Strom soll genau dann verbraucht werden, wenn er im Überfluss vorhanden ist. Der Verbrauch folgt dem Angebot. Dadurch kann ein Teil teurer Trassen und Speicherneubauten eingespart werden. Und Strom aus erneuerbaren Energien besser in die Netze integriert werden. Einfacher als mit vielen kleinen Endverbrauchern funktioniert das Lastverschieben heute schon mit Industriebetrieben. Im Etelligence-Projekt bilden ein Windpark, eine Fotovoltaikanlage, eine Biogasanlage und zwei Kühlhäuser zusammen ein virtuelles Kraftwerk.

Die Kühlhauser ersetzen dabei den Stromspeicher. Denn wenn viel Wind- oder Sonnenstrom erzeugt wird, kann der tiefgefrorene Fisch auf minus 24 Grad Celsius heruntergekühlt werden. Herrscht Flaute bei bewölktem Himmel, kann die Kälteerzeugung solange abgeschaltet werden bis die Temperatur auf minus 18 Grad angestiegen ist. Damit lassen sich die Schwankungen des Stroms aus erneuerbaren Energien ausgleichen.

Aber nicht nur Kühlhäuser eignen sich für die Lastverschiebung. "Alle stromintensiven Gewerbe, deren Prozesse sich zeitlich verschieben lassen, kommen dafür in Frage", sagt Projektleiterin Katja Schmedes, "wie zum Beispiel Gärtnereien, Klärwerke und metallverarbeitende Industrien."

Blockheizkraftwerke eignen sich ebenfalls gut, weil sie gleichzeitig Strom und Wärme produzieren. Energieversorger wie Lichtblick, Vattenfall und RWE haben das Potential bereits erkannt und bieten ihren Kunden BHKWs im Contractingmodell an. Immer dann, wenn wenig Strom aus anderen Quellen zur Verfügung steht, schaltet der Energieversorger die BHKWs zu. Die Wärme, die dabei entsteht, wird in großen Pufferspeichern gelagert. So steht sie dem Kunden für Heizung und Warmwasser immer zur Verfügung.

Steuern Lichtblick und Co. zukünftig viele tausend BHKWs gleichzeitig an, kann auf den Bau einiger teurer Pumpspeicherkraftwerke verzichtet werden. Jede kleine Anlage ist ein Baustein zur Energiewende, genau wie die Cuxhavener Kühlhäuser und das Wäschewaschen, das Familie Pohl auf den Sonntag verschiebt.

von Anja Riedel

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Kommentare (1)

  1. Dieter Gebauer am 10.04.2012
    Die Feldversuche der Energieversorger in Ehren, aber warum sollten gerade diejenigen, die vom Stromverkauf leben müssen, den Verbraucher objektiv zum Sparen anleiten wollen. Um wirklich das Optimum an Eineinsparpotential und Effizienz herauszuholen gehört diese Beratung in die Hände zum Beispiel der Verbrauchskostenabrechner (techem, BRUNATA, KALORIMETA u.a.m.) oder gar direkt an den unabhängigen Energieberater. Seit der Marktöffnung im Mess- und Zählerwesen könnte doch auch die Branche der Energieberater hiermit ein neues und ertragreiches Betätigungsfeld vorfinden. Oder liege ich da falsch?
    Mit freundlichen Grüßen
    Dieter Gebauer
    Dipl.-Ing. der Elektrotechnik
    Energie-, Umwelt- und Solarberater

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