Interview mit dem Vorsitzenden des GIH Jürgen Leppig

"Energieberatung ist ein People-Business"

Jürgen Leppig, GIH: "Für gute Beratung bezahlen die Kunden auch gut." © Silke Thole

Jürgen Leppig, neuer Bundesvorsitzender des GIH zu Qualitätssicherung in der Energieberatung und dem Berufsbild Energieberater.

Jürgen Leppig ist der neue Bundesvorsitzende des Bundesverbands Gebäudeenergieberater, Ingenieure Handwerker (GIH). Er will das Thema Qualitätssicherung in der Energieberatung stärker nach außen tragen. Die Energieeffizienzexpertenliste sei dafür der kleinste gemeinsame Nenner. Leppig positioniert sich außerdem explizit gegen eine Absenkung von Baustandards. Das wurde von Teilen der Baubranche gefordert. Das Thema Flüchtlinge dürfe nicht zum Anlass genommen werden, den eigenen Profit zu maximieren und eine gute Sache anzuhalten.

Qualitätssicherung ist ein zentrales Thema in der Energieberatung. Wie adressieren Sie das als neu gewählter Vorsitzender des GIH?

Rezertifizierung liegt mir am Herzen. Ich sehe ein, dass es notwendig ist, sehe jedoch auch, dass ein Energieberater für Wohngebäude, der gleichzeitig Energieberater für Baudenkmale ist, innerhalb von zwei Jahren jeweils 40 Stunden Zertifizierungslehrgänge für jede der Energieberaterausbildungen besuchen muss. Für Wohngebäude und Baudenkmale gilt aber die selbe Bauphysik. Hier sollte man den Weiterbildungsaufwand auf das Notwendige reduzieren. Außerdem muss es uns gelingen, unsere Qualität gegenüber den Kunden besser darzustellen. Energieberater ist leider kein geschützter Begriff. Beratung ist aber auch, wie man ja neudeutsch sagt, ein "People-Business". Wenn der Berater keine Beziehung, kein Vertrauen, zum Kunden aufbauen kann, nützt das beste Qualitätssiegel nichts. Hierauf möchte ich mehr Gewicht in der Ausbildung der Energie"berater" legen.

Qualität war ja ein zentrales Projekt die Energieeffizienz-Expertenliste. Hat die Liste da etwas gebracht?

Die Energie-Expertenliste ist für mich der kleinste gemeinsame Nenner. Man kann in Richtung Kunde darstellen, dass diese Energieexperten Vorbildung aufgrund ihres Berufs und eine Weiterbildung zum Thema Energie haben. Damit lässt sich die Spreu vom Weizen trennen.

EU will Berufsbild Energieberater nicht

Den Energieberater als Berufsbild gibt es ja nicht. Was ist für Sie der nächste Schritt um da hinzukommen?

Wir versuchen in Zusammenarbeit mit den anderen wichtigen Verbänden, weitere Schritte zu gehen. Das ist im Moment nicht einfach. Im letzten Jahr hat uns die Bundesumweltministerin dargelegt, dass sie im Moment keine Chance sieht, ein Berufsbild des Energieberaters zu etablieren. Vor dem Hintergrund, dass die EU aktuell versucht, über die Auflösung oder Aufweichung der Meisterpflicht in verschiedenen Berufsständen den Zugang zum Markt zu erleichtern, ist dieses Bestreben nicht durchsetzbar. Aus Sicht der EU würde Deutschland durch die Einführung des Berufsbildes Barrieren aufbauen. Da liegen noch ein langer Weg und viel Überzeugungsarbeit vor uns.

Schadet es Ihnen, dass dieses Berufsbild so diffus ist?

Ja, es schadet uns zumindest vor dem Kunden, weil er oft gar nicht mehr weiß, welcher Energieberater oder welcher Berater ihn da anspricht. Es gibt beispielsweise Energieberater im Baustoffhandel. Dazu benötigen Sie ein paar Stunden in einem Lehrgang. Es werden dort keine komplexen Zusammenhänge in der Bauphysik von so einem Gebäude gelehrt. Es geht in erster Linie darum, Baustoffe zu verkaufen. Es gibt Energieberater im Handwerk, es gibt Energieberater, die HWK-zertifiziert sind, Energieberater bei Energieversorgern... Wie soll der Kunde da den Überblick behalten?

"Akzeptanz der Energieberater wächst"

Sehen Sie eine Bereitschaft der Bauherren, für Qualität auch mehr zu bezahlen durch die höheren Zuschüsse für Vor-Ort-Beratung?

Ja, das auf jeden Fall. Zum 1. April 2016 gibt es im Programm Energieeffizient Bauen der KfW eine signifikante Fördererhöhung für Neubauten. Außerdem wird der Energieberater dann auch über das KfW-Baubegleitungsprogramm 431 im Neubau gefördert. Ich bemerke eine zunehmende Akzeptanz von Architekten, den Energieberater schon früh in die Planung mit einzubinden. Es gelingt den Kolleginnen und Kollegen immer besser die nötige Akzeptanz bei allen Beteiligten (Architekt, Handwerker, Bauherr) zu erreichen, also im Netzwerk energieeffizient hochwertig zu bauen und zu sanieren. Sie haben das Thema Netzwerk angesprochen. Das ist ja auch auf dem Bau noch nicht so richtig verbreitet.

Wo sehen Sie die Rolle, die ein Energieberater spielen kann als Bindeglied zwischen den Gewerken?

Wir haben die Situation, dass es am Bau den meisten Handwerkern sehr gut geht. Die Auslastung ist hoch, qualifiziertes Personal fehlt. Das Handwerk hat für viele zu wenig Anziehungskraft. In der Sanierung ist der Energieberater der Meinungsbildner beim Kunden. Nachdem er mit dem Kunden abgestimmt hat, was dieser am Ende des Tages erreichen möchte, empfiehlt er das passende Heizsystem passend zum Haus, das richtige Material. U-Wert ist eben nicht alles! Es gibt schon seit einer Weile eine ganze Reihe von Initiativen - ZVSHK, Verbraucherzentrale, Sanieren - Profitieren -, die mit kostenlosen bis sehr günstigen Erstberatungen in die Häuser gehen.

Ist das für Sie ein sinnvoller Sanierungsanstoß oder machen die die Preise für eine vernünftige Beratung kaputt?

Auf der einen Seite ist es gut, weil es uns in der Sache nach vorne bringt. Die meisten Aktivitäten sind niederschwellige Einstiegsberatungen. Auf der anderen Seite kommt bei mir an, dass staatlich geförderte Beratung auch über die Energieagenturen am Markt platziert wird. Da wird dann in die höherwertigere Beratung mit Hilfe des Staates eingegriffen. Auch die KfW lebt von uns Energieberatern, dennoch weisen viele Banken, die KfW-Kredite vermitteln, als Einziges auf Energieberatungen der Verbraucherzentralen hin, die günstig sind. Die Energieberatung der Verbraucherzentralen ist sicherlich nicht schlecht. Am Markt wird jedoch ein Preis platziert, von dem ein unabhängiger Berater nicht überleben kann. Umgedreht erzählen mir viele meiner Kollegen, wenn sie eine gute Dienstleistung in den Markt bringen, wenn ihre Dienstleistung vom Kunden akzeptiert wird, können sie für gute Leistung auch gutes Geld verlangen.

Verknüpfung von Beratungsangeboten fehlt noch

Gibt es eine vernünftige Verzahnung zwischen diesen Einstiegsberatungen, Verbraucherzentralen, Energieagenturen und den Energieberatern, die beispielsweise Vor-Ort-Beratung anbieten?

Das sind alles autarke Organisationen, die für sich alleine funktionieren. Die einzige Verzahnung, die ich jetzt kenne, ist die Energieeffizienz-Expertenliste. Spätestens bei der Zweitberatung geht es darum, die Dinge, die in der Erstberatung angesprochen wurden, auch umzusetzen. Dann ist es in der Sanierung meistens so, dass der Kunde die Förderung möchte. Das ist für ihn ein nicht zu unterschätzender Antrieb. Verwundert bin ich jedoch vom Anspruchsdenken mancher Bürger. Diese beschweren sich, dass sie nicht schon Geld dafür bekommen, weil sie etwas tun und dann noch jemanden wie den Sachverständigen benötigen, um überhaupt in den Genuss einer Förderung zu kommen. Der Staat ist ja da Gott sei Dank so unterwegs, dass er sagt, für alles, was sowieso gemacht werden muss, gibt es nichts und wenn du mehr tust, wie du musst, dann gibt es Förderung. Das ist für mich der richtige Ansatz.

Welche Rolle spielen denn die Banken bei der Energieberatung? Unterstützen die Ihre Arbeit?

Ich bin immer wieder erstaunt, dass dem Kunden von Bausparkassen und Banken empfohlen wird, keine Förderung zu nehmen, da das nur Aufwand macht und nichts bringt. Auch von Architekten höre ich teilweise noch, dass effizient zu Bauen nur kostet und wenig bringt. Und auf der anderen Seite erlebe ich wieder junge Architekten, die gerade ihren Bachelor/Master machen in einem Studiengang energieeffiziente Architektur. Die wundern sich dann, dass die Kammern diese Studiengänge nicht vollwertig anerkennen.

Sie haben das Thema Baustandards angesprochen. Es gibt ja eine heftige Debatte darum, ob man für sozialen Wohnungsbau und Flüchtlingsunterkünfte nicht die EnEV 2016 aussetzen muss. An welcher Stelle kann man sinnvollerweise Baustandards anpassen, um die Baukosten in den Griff zu kriegen?

Man sollte das Thema nicht eindimensional betrachten und die aktuelle Situation nutzen, um die Standards nach unten zu bringen. Ein energieeffizientes Gebäude mit einer energieeffizienten Technik macht mich langfristig unabhängig von steigenden Kosten. Das Ecofys-Institut hat in einer eine Untersuchung aufgezeigt, dass keiner der aktuellen und künftigen Baustandards zu einer Baupreissteigerung führt. Vor 20 Jahren waren dreifach verglaste Fenster nahezu unbezahlbar. Heute sind die Mehrkosten marginal. Wenn Sie das an einzelnen Baugewerken festmachen, kann man an einem Dach, an den Außenwänden feststellen: der Kunde bekommt heute fürs gleiche Geld mehr an Leistung, mehr an Qualität. Ich betrachte mit Sorge, dass von manchen Teilen der Gesellschaft das Thema Flüchtlinge zum Anlass genommen wird, den eigenen Profit zu maximieren und eine gute Sache anzuhalten.

Das Gespräch führte EnBauSa.de-Chefredakteurin Pia Grund-Ludwig

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