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Breitensanierung ist wichtiger als Spitzensanierung

Experten: Erst Häuser bis Baujahr 1969 sanieren

08.11.2010, 09:38

Saniertes Mehrfamilienhaus aus dem Jahr 1963
Große Einsparmöglichkeiten gibt es bei Gebäuden, die vor 1970 gebaut sind. © IWO

"Mehr Breitensanierung statt Spitzensanierungen." Auf diese einfache Formel lässt sich die Forderung von Experten der Hochschule Lausitz sowie der Institute für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und sozial-Ökologische Forschung (ISOE) bringen. Statt sich auf seltene Spitzensanierungen zu konzentrieren, also die bestmögliche Sanierung von Altbauten beispielsweise im Passivhausstandard, sollte in Deutschland größerer Wert auf die breite Umsetzung der Standards der Energieeinsparverordnung 2009 (EnEV) gelegt werden.

Hierfür müssten auch bislang wenig interessierte Zielgruppen zur energetischen Sanierung aktiviert sowie sozial schwächere Haushalte bei der Sanierung finanziell unterstützt werden. Gleichzeitig dürfe der Anreiz, "mehr zu machen" für motivierte Zielgruppen nicht wegfallen", so die Wissenschaftler in ihrer Broschüre "Zum Sanieren motivieren", die heute, am 8. November im Rahmen der Konferenz "Wege aus dem energetischen Sanierungsstau" in Berlin vorgestellt wird.

Um Energiesparpotenziale rasch zu erschließen, sollten zunächst Häuser mit einem Baujahr vor 1969 saniert werden, lautet ein Vorschlag, der dort zur Sprache gebracht wird. Begründung: "Solche Gebäude besitzen die größten Einsparmöglichkeiten und machen gut die Hälfte aller Ein- und Zweifamilienhäuser in Deutschland aus." Gebäude die vor 1979 erbaut wurden, hätten zwar auch große Einsparpotenziale, spielten jedoch zahlenmäßig keine so große Rolle.

Um die Besitzer dieser alten Eigenheime zum Sanieren zu motivieren gilt es aus Sicht der Experten, bestehende Instrumente wie Gesetze und Förderprogramme sowie Kommunikations- und Beratungsangebote zu erweitern und besser aufeinander abzustimmen beziehungsweise miteinander zu verweben.

So ließe sich die Kontrolle der Einhaltung der EnEV 2009 erleichtern, indem sie an den Behörden bekannte Ereignisse wie einem Eigentümerwechsel gekoppelt wird. Der Vollzug ist bislang die Achillesferse der EnEV, Experten gehen von einem beträchtlichen Vollzugsdefizit von bis zu 35 Prozent aus.

Beim Eigentümerwechsel könnte auch eine verpflichtende Energieberatung eingeführt werden, lautet ein weiterer Vorschlag aus dem Handlungsleitfaden für Politik und Praxisakteure, der im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft geförderten Projekts entstanden ist. Zudem solle die Einführung eines Stufenmodells geprüft werden, wonach Eigentümer sukzessive steigende energetische Standards einführen müssen.

Durch beide Ansätze sei zu erwarten, dass der energetische Zustand eines Gebäudes am Immobilienmarkt besser honoriert wird, heißt es in der Broschüre. "Denn der Neukauf eines unsanierten Hauses würde verpflichtend energetische Sanierungsmaßnahmen nach sich ziehen." Natürlich müsse es für Hausbesitzer, bei denen diese Maßnahmen zu finanziellen Problemen führen, Härtefallregelungen geben.

Was die finanzwirtschaftlichen Instrumente und Anreize für eine energetische Sanierung anbelangt, so fordern die Wissenschaftler, dass die Mittel aus dem KfW-Programm "Energieeffizient Sanieren" und aus dem Marktanreizprogramm auch in Zukunft kontinuierlich verfügbar sind, so dass langfristig Planungssicherheit gegeben ist. Die existierenden Förderprogramme erreichten vor allem die hoch motivierten Sanierer und Saniererinnen und fokussierten nicht klar genug auf die zentralen Einsparpotenziale in der Breitensanierung. Bei gleichem Mitteleinsatz an anderer Stelle seien vermutlich höhere CO2-Einsparpotenziale möglich.

Aus Sicht der Experten sollten Förderprogramme verstärkt auf hoch investive Maßnahmen gerichtet sein, da dort die höchsten Einsparpotenziale insbesondere bei älteren Gebäuden liegen. Gering investive Sanierungsmaßnahmen mit niedrigen Amortisationszeiten könnten aus der Förderung herausgenommen werden. Zudem gelte es, Bekanntheit und Übersichtlichkeit vor ordnungsrechtlichen Vorgaben und Fördermöglichkeiten zu verbessern. In diesem Zusammenhang plädieren die Wissenschaftler für eine Zusammenlegung von EnEV und Erneuerbare Energien Wärmegesetz (EEWärmeG) und den zugehörigen Verordnungen.

Als neue Finanzierungsmodelle schlagen die Wissenschaftler von ISOE, IÖW und Hochschule Lausitz neben einem Energieeffizienzfond vor, dass das Eigenheimrentengesetz ausgeweitet wird, so dass das Geld aus den sogenannten "Riester-Verträgen" nicht nur für den Kauf von Wohneigentum, sondern auch für die Sanierung von bereits erworbenem Wohneigentum verwendet werden kann.  

Großen Wert legen die Autoren der Broschüre "Zum Sanieren motivieren" auch auf Kommunikationsstrategien und Dialogmarketing. Eigentümer müssten gezielt für eine energetische Sanierung motiviert, informiert und beraten werden. Hier bieten aus Sicht der Experten vor allem Informations- und Beratungsangebote große Chancen, die gezielt im Zuge der unterschiedlichen Sanierungsanlässe an die Eigenheimbesitzer herangetragen werden.

Von unserer Redakteurin Silke Thole

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