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Steuerförderung kommt wahrscheinlich, Unsicherheit bleibt

Der Patient Energiewende röchelt, Ärzte diskutieren

13.11.2014, 10:30

Teilnehmer der Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion mit bau- und energiepolitischen Experten. © Dena / Peters

Auf dem Dena-Energieeffizienzkongress am 11. und 12. November in Berlin diskutierten die bau- und energiepolitischen Experten der Bundestagsfraktionen mit Fachreferenten und einem engagierten Fachpublikum über die Perspektiven der energetischen Gebäudesanierung im Mietwohnbereich. Mit der Ankündigung, dass er gute Chancen für die Steuerförderung der Gebäudesanierung sehe, hatte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel bereits in seiner Eröffnungsrede des Kongresses für einen Knaller gesorgt. Diesen Push könnte die Gebäudesanierung gut gebrauchen.

Rolf Buch, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Annington Immobilien SE, sieht das Gelingen der Energiewende als existenziell für die deutsche Wirtschaft. "Sie ist beschlossen, und sie ist irreversibel", so Buch, "jetzt gilt es, sie positiv auszufüllen". Relevant sei dabei die Reduktion des Primärenergieverbrauchs, und dabei die energetische Ertüchtigung des Gebäudebestandes in Deutschland.

Die Annington hat das Ziel einer Sanierungsrate von drei Prozent. Bundesweit gesehen sind es momentan durchschnittlich insgesamt ein Prozent – zwei Prozent werden angestrebt, um die Klimaziele bis 2020 zu erreichen. Die bisherige Einsparung an CO2 sei schon ganz gut, könnte aber noch besser werden, so Buch, dabei müsse man die Bezahlbarkeit der Mieten aber im Auge behalten.

Um die Kosten zu deckeln, müsste die Sanierung effizienter gestaltet werden, das Ganze sei noch zu teuer. Dazu werde man die Wertschöpfungskette noch einmal genau überprüfen, zu viele Beteiligte verdienten noch zu viel Geld, so Buch. Zudem müssten die Standards überprüft werden. Es sei klar, dass die Mieterhöhung in den ersten zwei Jahren höher als die Heizkosteneinsparung wäre; langfristig lohne es sich aber auch für den Mieter, da die niedrigere zweite Miete ab den Folgejahren dann greife. Die Annington schlägt einen Pauschalbetrag für Sanierungen vor, der nicht überschritten werden sollte, so dass die Kosten auf jeden Fall gedeckelt sind.

Klaus Mindrup, energiepolitischer Experte der SPD-Fraktion, berichtete von den guten Erfahrungen von Wohnbaugenossenschaften, er selbst ist Mitglied einer solchen. Die Gefahr wären Immobilienspekulanten, die ihre Kunden loswerden wollten, um dann nach einer Sanierung sehr viel teurer zu vermieten, was vor allem in den Ballungsgebieten stattfinde. 95 Prozent der Vermieter seien ja ehrenwert, so Mindrup, "die wollen ihre Immobilien vernünftig instandhalten", doch es gebe eben auch die Immobilienhaie, die nur auf Profit aus seien. So erhalte das Thema in Talkshows eine negative Konnotation und mache häufig eine sachliche Diskussion zunichte. Hier müsse die Politik Modelle wie etwa Genossenschaften oder auch Hausgemeinschaften beraten, unterstützen und mit Gesetzen stärken.

Julia Verlinden, energiepolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, benannte die Probleme aus ihrem Wahlkreis in Lüchow-Dannenberg, wo in Ballungszentren die Mieten enorm steigen, während im Umland teilweise Leerstand herrsche und eine energetische Sanierung sich kaum lohne. Volkmar Uwe Vogel, Energieexperte der CDU/CSU-Fraktion aus dem Wahlkreis Thüringen bestätigte das Problem – in Ost-Thüringen, wo im ländlichen Raum bereits Leerstand herrsche wäre es schwer, die Sanierungskosten auf die extrem niedrigen Mieten umzulegen, denn das könne schlichtweg keiner bezahlen. Man müsse eben dort beginnen, wo es möglich ist, so Buch, "da wo Mieter es wollen und auch bereit sind die Umlagekosten mitzutragen". Es gebe genügend Bestandsgebäude, um zu beginnen, und man müsse jetzt anfangen, denn sonst seien die Klimaziele nicht mehr aufholbar.

Wirtschaft und Politik müssen sich enger verknüpfen und austauschen, so Ulrich Benterbusch, Geschäftsführer der Dena. Mit den Pilotprojekten der Dena würden die politischen Vorgaben schon mal umgesetzt und getestet. Eine steuerliche Förderung der energetischen Sanierung sei jetzt ein notwendiger Anstoß.

Ralph Lenkert, Energiesprecher der Fraktion Die Linke mahnte die richtige Strategie bei der Sanierung an. Strom- und Wärmewende müssten zusammen gedacht und könnten effizient kombiniert werden. Viele Systeme seien einfach zu uneffektiv. Bei einer Mieterhöhung gehe die Linke grundsätzlich nicht mit. Vielmehr setze man auch auf Wohngenossenschaftsmodelle, hier müsste der Gesetzgeber nachhelfen, beispielsweise sollten Wohngenossenschaften nicht ihr Mehrwertsteuerprivileg verlieren wenn sie etwa eine Solaranlage auf ihrem Gebäude betreiben und nutzen.

Verlinden beklagte die laxe Handhabung der EnEV; häufig gebe es Ausnahmen und die Vorgaben würden nicht erfüllt – so könne man die Klimaziele nicht erreichen; sie plädiert für strengere Kontrollen oder aber man müsse so ehrlich sein und die Ziele ändern.

Wichtig sei, so Mindrup, nach einer Sanierung die Verbräuche zu messen und zu kontrollieren, ob die Maßnahme denn auch die erwarteten Ergebnisse bringe. Im Altbau überschreiten die Bedarfswerte häufig die Verbrauchswerte. Der Nutzer sollte auch über die Einsparverbesserungen informiert werden und darüber, was sein Energieverbrauchsverhalten damit zu tun habe, so Mindrup.

Eine Energieberaterin vom Deutschen Energieberaternetzwerk berichtete, ihr Berufsstand mache die Erfahrung, dass sich die errechneten Zahlen nach einer energetischen Sanierung auch bestätigten, die ewigen Zweifel ob es sich nun rechne oder nicht seien längst redundant – Verbrauch und Bedarf stimmten überein, das zeige ihre Praxis, "nicht reden, handeln", so ihr Rat an die Politiker, denn es sei längst bewiesen dass es funktioniere.

Franz-Georg Rips, Präsident des Deutschen Mieterbunds, zeigte sich auch nicht zufrieden mit der Umsetzung der Energiewende: Die Sanierungsrate von zwei Prozent werde deutlich verfehlt. Die hohe Umlage der Kosten auf die Mieter sei ein systematischer Fehler, elf Prozent seien bezogen auf die Marktbedingungen zu hoch. Der Mieterbund plädiere seit langem für eine Drittelung der Kosten, je ein Drittel auf Vermieter, Mieter und Staat. Warmmietenneutralität müsse das Ziel sein; auch er plädiert für eine steuerliche Förderung, vor allem auch im Bereich von Quartierslösungen.

Nachhaltige Lösungen sind gefragt. Bei den KfW-Förderungen wäre es daher sinnvoll, so Mindrup, die Zinsbindung über zehn Jahre hinaus zu verlängern, vor allem den Genossenschaften würde das helfen. Im strukturschwachen Ost-Thüringen schlägt Lenkert eine Umlage von fünf Prozent der energetischen Sanierungskosten auf die Mieter vor, sonst sei das nicht machbar.

Die Grünen hatten eine Erhöhung der KfW-Mittel und die Einrichtung eines Energiesparfonds für Quartierssanierungen als Vorschlag eingebracht, der wurde aber abgelehnt, so Verlinden. Mindrup wies darauf hin, dass die Fördermittel gar nicht voll ausgeschöpft werden momentan; was fehle sei eine bessere Information über Möglichkeiten und Zahlen, mehr Transparenz im "Förderdschungel".

Gesetzlich sei noch einiges nachzuholen, meint Christian Lieberknecht, Geschäftsführer des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V. Es müsse mehr Flexibilität gerade bei Quartierskonzepten möglich sein. Mieterstrom und Eigenstrom müssten gesetzlich gleichgestellt, tatsächliche Energieverbräuche berücksichtigt werden. Die GdW-Familie hat seit 1990 rund 34 Prozent ihres Bestandes umfassend – das heißt inklusive Wärmedämmung – saniert, und 27 Prozent teilweise saniert. Der mittlere Energieverbrauch der GdW-Immobilien lag 2011 bei 138 kWh/m²a. Der Endenergieverbrauch habe sich seit 1990 um 29 Prozent reduziert. Bis 2050 rechnet die GdW mit 57 Prozent Reduktion und einer CO2-Minderung von 83 Prozent.

Neben politischen Maßnahmen dürfte auch die Forschung und Entwicklung nicht zu kurz kommen, war sich das Podium einig. Lenkert stellt sich eine sehr viel stärkere Vernetzung von Wärme- und Stromnetz vor; Wärmepumpen werden zu wenig genutzt, so Lenkert, ebenso BHKWs bei den Quartierslösungen. Der genossenschaftserfahrene Mindrup bestätigte, dass BHKWs eine hohe Akzeptanz bei den Genossenschaften hätten und man mitunter auch ohne Wärmedämmung gute Energiewerte erzielen könne. "Das Thema Wärmedämmung wird nach wie vor konträr diskutiert", so Vogel, das Image der Wärmeindustrie müsste sich verbessern, hier wäre eine fortlaufende qualitative Entwicklung der Systeme als auch eine bessere Beratung und Aufklärung notwendig.

Dem stimmte dena-Geschäftsführer Benterbusch zu; an seinem wärmegedämmten Haus mache sich beispielsweise der Specht zu schaffen, hier werde sofort das Klischee vom wärmedämmungsliebenden Specht projiziert – dabei hätten die Maler ihm zu einem groben Putz geraten, und den liebe der Specht, da er sich hier prima festkrallen könne. Wärmedämmung sei aber nicht die Universallösung, räumte er ein, bei jeder Sanierungsmaßnahme müsse man sich fragen, ob sie notwendig sei. Die Materialien hätten sich im Laufe der Zeit schon stark verbessert, und "Dämmung war vor 25 Jahren nicht falsch, nur weil sie heute teilweise marode ist". Jedes neue Baumaterial muss erprobt und weiterentwickelt werden.

Gut besuchte Podiumsdiskussion
Insgesamt besuchten 700 Teilnehmer den Kongress. © Dena / Peters

Handwerksfirmen mangele es an guter Ausbildung, so die Kritik aus dem Publikum, die Ausbildung sei zu wenig fachübergreifend, dabei werde es immer komplexer. Lenkert schlägt vor, die Kosten für die forcierte Ausbildung von Energieberatern den Netzbetreibern in Rechnung zu stellen. Man dürfe aber nicht nur eine Verbesserung der Technologien fördern, sondern müsse parallel den Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen richten, vor allem den demographischen Wandel – mehr ältere Menschen wohnen allein in ihren Häusern – und hier Lösungen anbieten, dabei die Stadtplanung im Auge behalten, so Verlinden.

Von einem Energieexperten kam die Anregung, das Thema Energieeffizienz nicht nur auf den Altbestand zu konzentrieren, sondern genauso auch beim Neubau anzuwenden – gerade in Neubaugebieten werde das Thema häufig vernachlässigt, hier könnte man doch schon eine quartiersübergreifende Lösung von vornherein planen. Erneuerbare Energien wären ja beim Neubau vorgeschrieben, so Vogel, da müsse sich jeder selbst nach Wirtschaftlichkeitsaspekten für das geeignete System entscheiden.

Über ein Energiedatenmanagement berichtete Walter Schmidt, Chief Executive Officer der ista Deutschland GmbH. Im Rahmen des Modellvorhabens überprüft die dena das Energiedatenmanagement in privaten Haushalten. Die ista Deutschland GmbH erfasst die Daten zum Heizungsverbrauch mithilfe eines Funkzählers, bereitet sie digital auf und stellt sie den Mietern über ein Internetportal zur Verfügung. Nach ersten Zwischenergebnissen des Praxistests hätten die Teilnehmer in der letzten Heizperiode im Durchschnitt rund neun Prozent weniger Energie verbraucht als ihre Nachbarn, berichtet Schmidt.

Befragt nach hilfreichen Ansätzen zur Senkung des Heizungsverbrauchs hätten die Mieter vor allem die Sanierung des Gebäudes, die monatliche Rechnungsstellung und die regelmäßige Information zur Verbrauchs- und Kostenentwicklung genannt. Beim sogenannten Smart Home fehle eine Systemstrategie, beklagte ein Diskussionsteilnehmer aus dem Publikum.

Sinnvoller als einzelne Module wie etwa zur Stromablesung oder Heizungsüberwachung wäre es hinsichtlich der demographischen Entwicklung, Energiemanagement mit betreutem Wohnen systemtechnisch zu kombinieren. Doch IT-Lösungen sind auch teuer, wieder ein zusätzlicher Kostenfaktor, und dazu ein enormer; zudem wollen die wenigsten Menschen beim Wohnen auch noch einen Computer bedienen; bei einem gut sanierten Haus brauche es keine Datenerfassung, so ein Energieexperte, das sei ineffizient. Energieeffizienz müsse nicht gemessen, sondern geleistet werden, bekräftigte auch Lenkert. Die Einbeziehung der Nutzer in Entscheidungsprozesse sehen alle Diskussionsteilnehmer als entscheidenden Faktor.

Zuletzt bleibt die Frage, wann es denn nun endlich echte Beschlüsse und damit eine langfristige Planungssicherheit geben wird, seit Jahren dreht man sich hier im Kreis – und man werde wohl auch im nächsten Jahr wieder zu diesem Thema zusammenkommen – dann, so hoffen alle Beteiligten, mit ersten Ergebnissen. "Der Patient Energiewende röchelt", so Moderator Joachim Mahrholdt zum Schluss, "aber die Ärzte unterhalten sich noch". Nicole Allé

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