Erste Erkenntnisse aus dem co2online Sanierungstest

Tiefe statt Tempo ist bei der Sanierung gefragt

Martin Duscha, IFEU: Verbrauchsdaten zur Beurteilung des Sanierungserfolgs sinnvoll. © co2online, Raum11/Zappner

Wie kann der Energieeinspareffekt bei energetischen Sanierung erhöht werden? Das untersucht co2online mit Vor-Ort-Begehungen und Feldtets.

Die co2online gGmbH untersucht derzeit in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer ISE und dem Institut für energieoptimierte Systeme (EOS) Ostfalia, welche Energieeinsparungen energetische Sanierungen in der Praxis erzielen und welche Faktoren zur Steigerung der Sanierungswirkung entscheidend sind. Experten nehmen dafür seit September 2014 Vor-Ort-Begehungen bei bislang 180 Testhaushalten vor und führten zudem eine kostenlose Energieberatung durch. Erste Ergebnisse wurden jetzt auf einer Fachtagung in Berlin diskutiert.

Teilnehmer der Untersuchung waren Haushalte, die seit dem Jahr 2006 den Heizkessel erneuert oder den Wärmeschutz ihres Hauses verbessert haben - darunter Eigentümer von Ein- und Zweifamilienhäusern sowie Mehrfamilienhäusern. Teilnahmevoraussetzung war, dass die Heizenergiemenge mittels Zähler erfassbar ist und die Verbrauchsdaten für mindestens zwölf Monate vor und nach der Sanierungsmaßnahme vorliegen. Unterschiedliche Modernisierungsmaßnahmen wurden dabei analysiert.

Besonders interessant ist bei der Untersuchung die Methodik der "Energieanalyse aus dem Verbrauch" sowie die Betrachtung von Erfahrungswerten in der Praxis. Im Sanierungstest wurden auch Nutzerverhalten und eine eventuelle Änderung der Nutzung nach der Sanierung berücksichtigt.

Erste Ergebnisse der Sanierungstests vorgestellt

Ziel des großen Feldtests ist es vor allem herausfinden, wie groß der Unterschied zwischen dem technischen Potenzial einer Sanierungsmaßnahme und der realen Energieeinsparung wirklich ist. Auf der Fachtagung "Wirksam sanieren für den Klimaschutz" in Berlin, von co2online und dem Bundesverband der Energie- und Klimaschutzagenturen Deutschlands wurden erste Erkenntnisse aus dem Sanierungstest diskutiert und gemeinsame Lösungsstrategien für die Steigerung der Sanierungswirkung in der Praxis entwickelt.

Wer saniert, will seinen Energieverbrauch senken. Doch zwischen der theoretisch möglichen Einsparung und der Praxis klafft häufig eine Lücke. Inwieweit die Detailanalyse des Energieverbrauchs ein Schlüssel zur Erhöhung der Sanierungswirkung sein kann, erörterte Johannes D. Hengstenberg, Geschäftsführer der co2online GmbH. Empfehlenswert bei der Messdatenerhebung ist eine Messperiode von 36 Monaten, um die Daten sinnvoll auszuwerten. Die Ergebnisse aus den Daten nach einer Sanierung werden mit den vorhergehenden Werten verglichen.

Sind die Ergebnisse enttäuschend, kann das aufgrund der bisherigen Erfahrungen verschiedene Ursachen haben: Die technischen Einstellungen des neuen Systems sind nicht korrekt, oder die Ergebnisse vor der Sanierung waren besser als angegeben, häufig fehlt der hydraulische Abgleich der neuen Heizungsanlage. Bei einem Fenstertausch führt die neu entstandene Winddichtigkeit zu einem verstärkten Lüftungsverhalten der Nutzer, so dass in jedem vierten Fall sogar eine Erhöhung des Heizenergieverbrauchs festgestellt werden kann.

Erste Erkenntnisse aus den bislang erfassten Daten zeigen, dass ein Kesseltausch und die Installation einer solarthermischen Anlage den größten Effekt an Heizenergieeinsparung bewirken, während die Fassadendämmung im Mittelfeld liegt und der Tausch von Fenstern oder eine Dachdämmung am wenigsten effektiv sind. Doch auch beim Kesseltausch sei eine Spreizung zwischen Erfolg und Misserfolg noch hoch, so Hengstenberg, das liege vor allem an den nicht ausgeschöpften technischen Potenzialen.

Potentiale herkömmlicher Maßnahmen sind bald erschöpft

Der Heizenergieverbrauch geht zwar seit einigen Jahren jährlich um etwa 2 kWh/m²a zurück, doch hier sei bald eine Sättigung erreicht, vor allem beim Fenster- und Kesseltausch, während andere Maßnahmen wie die umfassende Sanierung der Gebäudehülle nicht in dem gewünschten Tempo vorangehen. So werden die Energieeinsparziele bis 2051 mit einem quasi klimaneutralen Gebäudebestand wohl kaum erreicht werden. Eine Erhöhung des Sanierungstempos würde die Kosten erhöhen, das mache aber nur Sinn, wenn auch die Wirksamkeit der Sanierungsmaßnahmen gesteigert wird, um die erhofften Energiekennwerte zu erzielen.

Auch Vorschläge dazu ergeben sich aus den bisherigen Ergebnissen: Jede Förderung schließt einen Erfolgsnachweis mit ein, der hydraulische Abgleich als Nachrüstungspflicht wird Teil der EnEV, das würde die Wirkung eines Kesseltauschs steigern. Für jeden neuen Heizkessel soll ein Wärmemengenzähler Pflicht sein, denn ohne Monitoring könne man keine messbare Energieeffizienzsteigerung nachweisen.

Eine genauere Analyse von Verbrauchsdaten und ein Datenmonitoring nach erfolgter Sanierung sieht auch Markus Duscha, Themenleiter und Prokurist beim Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH (ifeu), als Voraussetzung für einen nachhaltigen Sanierungserfolg. Meist liegen die jährlichen Verbrauchsdaten vor, monatliche oder wöchentliche Verbrauchsdaten sind selten. Eine detaillierte Verbrauchsdatenerfassung sei daher sinnvoll, die Verbrauchsentwicklung vor und nach Sanierung könnte als Grundlage für die Förderhöhe Bedingung werden. Statt des errechneten Bedarfs sollte also der Verbrauch in den Vordergrund der Betrachtung rücken. Allerdings könnten sich hier auch neue Probleme einstellen, denn das hätte zunächst eine Erhöhung des Aufwands bei der Förderung zur Folge. Schwierig sei auch die Frage nach der Haftung, wenn sich die berechneten Einsparungen nach der Sanierung nicht einstellten.

Gunnar Eikenloff von der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fakultät Versorgungstechnik und Institut für energieoptimierte Systeme, präsentierte erste Erkenntnisse des Feldtests, basierend auf der "Energieanalyse aus dem Verbrauch" (EAV). Idee hinter der Analyse war die Erkenntnis, "dass die Energiewende zum derzeitigen Stand verfehlt wird." Das bedeute bezogen auf die Gebäudesanierung, dass der gewünschte Bedarf und der tatsächliche Verbrauch nach der Sanierung häufig nicht übereinstimmend seien. Das hänge auch vom Gebäudetyp ab, betreffe aber vor allem die sanierungsfälligen Gebäude aus den Jahren 1949 bis 1978. Daraus ergeben sich Empfehlungen, die technische Umsetzung zu optimieren, eine Qualitätssicherung zu verstärken und das Monitoring zu erhöhen. Auch müssten politische Rahmenbedingungen wie auch Fördervoraussetzungen angepasst werden und die Bedarfsrechnung dabei neu überdacht werden.

Abgleich mit Außentemperaturen macht Ergebnisse aussagekräftiger

Verbräuche werden in der Regel chronologisch erfasst, zum Beispiel für ein Jahr. Im Feldtest wurden diese außerdem in Bezug zu den jeweils herrschenden Außentemperaturen gesetzt, um ein exakteres Ergebnis zu erzielen. So kann verhindert werden, dass ein milder Winter die Energiebilanz schönt. Man erhält einen "energetischen Fingerabdruck". Es stellte sich im Test heraus, dass durch Kessel- und Speicherverluste bis zu 50 Prozent der Energie im System verschwinden. Aus diesen Ergebnissen lassen sich Möglichkeiten für Nachbesserungen erschließen.

Im Feldtest "Ganzheitliche Gebäudedämmung" (Fassade, Geschossdecke, Fenster) ergab die Bedarfsberechnung nach EnEV schlechtere Werte als die Verbrauchsberechnung nach EAV. Der Zustand des Gebäudes war also besser als gerechnet. Der Heizenergieverbrauch ging nach der Sanierung nicht einmal zur Hälfte soweit zurück wie gedacht. Gründe seien nicht mit einberechneten Effekte. Dazu gehört unter anderem eine überdimensionierte Heizungsanlage aufgrund falscher Ausgangswerte, vermehrtes Lüften oder auch eine höhere Raumtemperatur, da die Ansprüche der Nutzer an die Wohnbehaglichkeit teilweise erst nach der Sanierung erfüllt werden. Die Evaluierung von Verbräuchen sei daher notwendig. Auch das unterschiedliche Nutzerverhalten nach Sanierung kann in diesem Modell besser berücksichtigt werden, da die Trennung des Verbrauchs an Heizenergie und Warmwasser konkretere Rückschlüsse gibt.

Ziel ist es nun Strategien zu entwickeln, um die technischen und wirtschaftlichen Potenziale von Sanierungen zu optimieren. Relevant dabei wird es sein, Informations-, Beratungs- und Förderangebote mit Berücksichtigung der neuen Erkenntnisse weiterzuentwickeln und damit auch Unsicherheiten bei den Sanierungswilligen zu minimieren. Wichtig sind auch die Qualifizierung und Qualitätssicherung sowie das Monitoring, um nachträgliche Optimierungsmöglichkeiten herauszuarbeiten. Die Erkenntnisse aus den Feldtests und der Tagung werden nun weiter evaluiert, verglichen und diskutiert. Im Sommer 2015 wird es eine Zusammenfassung erster Ergebnisse des Sanierungstests geben und daraus werden, so ist zu hoffen, auch von politischer Seite die richtigen Konsequenzen gezogen. Nicole Allé

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