Sorgfältige Innendämmung und sanierte Kastenfenster überzeugen

Preußisch, elegant - und energetisch saniert

Ehemalige Bankiersvilla In Berlin erhält neues Gesicht. © P. Pauly-Kayser

Innendämmung und eine sorgfältige Aufarbeitung der Kastenfenster haben den Energiehunger einer Berliner Villa deutlich reduziert.

An einer ehemaligen Bankiersvilla in Berlin Marienfelde lässt sich eindrucksvoll zeigen, wie die energetische Sanierung eines fast 150 Jahre alten Denkmals gelingt. Dem Schmuckstück im Stil der italienischen Landhausarchitektur haben ein engagierter Stadtbezirk und ein verantwortungsbewusster Architekt  zu neuer Schönheit verholfen. Gleichzeitig wurde der zu Sanierungsbeginn geltende Standard der Energieeinsparverordnung (EnEV) von 2009 um nur zehn Prozent überschritten - und das, obwohl Denkmäler von der EnEV ausgenommen sind.

"Gestaltet von unbekannter Hand im Stil der Berliner Schule, spätklassizistisch mit all den gelernten griechischen Säulenordnungen, preußisch, elegant", beschreibt Jörg Rüter von der Unteren Denkmalschutzbehörde in Steglitz-Zehlendorf die Villa fast schwärmerisch. Zur Zeit ihrer Erbauung lag die Kolonie Südende in Marienfelde noch weit vor den Toren Berlins. Heute beherbergt die Villa eine Musikschule.

Ein Dispersionsanstrich hatte dem Gebäude seit den 60-er Jahren arg geschadet. Feuchtigkeit vom nahegelegenen Pfuhl konnte nicht mehr aus den Mauern entweichen. Die vielfachen Verzierungen der Fassade "zerbröselten einem unter den Fingern", erinnert sich Jörg Rüter. Trotzdem kam eine Außendämmung der vielgliedrigen Fassade natürlich nicht in Frage.

Für die Innendämmung wählte der Architekt Peter Pauly-Kayser kapillaraktive Kalziumsilikatplatten. "Für andere Materialien gab es nicht genug Langzeiterfahrungen, als wir 2010 mit der Sanierung begonnen haben", sagt er. Herausforderung für die Planer war, die Wände nicht zu dick dämmen. "Sonst hätten wir Feuchteprobleme bekommen", sagt der Architekt. Die Dimensionen der Platte hat er von dem spezialisierten Ingenieurbüro von Frank Eßmann in Mölln genau berechnen lassen - beispielsweise auch für Stellen, an denen die Mauern dünner sind oder Balkenköpfe aufliegen.

Sorgfältiges Arbeiten verhindert Schimmel

Jeden Balkenkopf hat Peter Pauly-Kayser einzeln mit Mineralwolle ummanteln lassen. "Auch an den Wänden muss man unheimlich sorgsam in der Verarbeitung sein. An den Innenecken ist es am schwierigsten", sagt er. Es dürfen nämlich keine Hohlräume entstehen, sonst droht Schimmel.

Jeden Tag war Pauly-Kayser auf der Baustelle und hat auch einiges wieder einreißen lassen, berichtet er. Bei einer abschließenden thermografischen Untersuchung durch die Ingenieurgesellschaft Mutz im Auftrag des Bezirksamtes wurden keine Hohlräume entdeckt und "toi, toi, toi - bisher sind wir mängelfrei", sagt er. Den Mehrpreis der Innendämmung im Vergleich zu einem Wärmedämmverbundsystem veranschlagt der Planer einschließlich aller Vorarbeiten auf 50 bis 80 Prozent.

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Während die Innendämmung mit Kalziumsilikatplatten inzwischen weiter verbreitet ist, gibt es für die zweite große Maßnahme an der Villa noch wenig Vorbilder: die Aufbereitung der Kastendoppelfenster. "Obwohl es so viele davon gibt, gibt es nicht viele Leute, die sich damit auskennen", sagt der Architekt. Er arbeitete bei der Aufbereitung mit der Berliner Firma Hans Timm Fensterbau zusammen. Das Unternehmen hat an einem Forschungsprojekt mitgewirkt, bei dem neue Grundsätze für die fachgerechte energetische Ertüchtigung von Fenstern festgelegt wurden.

Bei der fachgerechten Runderneuerung arbeiten vier Gewerke Hand in Hand: Maler, Tischler, Glaser und Klempner. Alle Anstriche werden entfernt, die Verglasung komplett erneuert, wobei die Innenflügel eine doppelte und dabei trotzdem dünne Isolierverglasung bekommen, damit die Rahmen die größere Last noch tragen können. Außerdem wird in die Innenflügel eine Dichtung eingefräst. Der äußere Flügel darf wiederum nicht zu dicht sein, damit noch Feuchtigkeit entweichen kann, erklärt Peter Pauly-Kayser. Durch die Umverglasung kann ein runderneuertes Fenster einen U-Wert von 0,8 erreichen, während unsanierte Fenster einen U-Wert von bis zu 3 haben.

Runderneuerte Fenster sind teuer

Der Aufwand hat natürlich seinen Preis. Ein runderneuertes Fenster ist rund 50 Prozent teurer als ein neues sogenanntes Denkmal-Fenster gleicher Güte, sagt der Architekt. Trotzdem trifft er mit seinem Ansatz einen Nerv. Viele Mieter landauf landab wehren sich gegen die energetische Modernisierung nach Schema F vor allem deshalb, weil die guten alten Doppelfenster auf dem Müll wandern. "Manche Dinge kann man nicht in Zahlen ausdrücken", wirbt Peter Pauly-Kayser für die Erhaltung historische Bausubstanz und warnt angesichts der Vorgaben der EnEV vor der "Vernichtung unseres kulturellen Erbes".

Die Fassade der Villa sei nach der äußeren Sanierung trotz leichten Vereinfachungen in den Profilen wieder "lesbar" geworden, sagt Denkmalpfleger Jörg Rüter. Aus Kostengründen war dies erst im vergangenen Jahr ausgeführt worden.

Der jährliche Primärenergiebedarf betrug vor der Sanierung abenteuerliche 466 Kilowattstunden pro Quadratmeter (Kwh/m²). Zum Vergleich: Neubauten schaffen heute leicht 60 Kwh/m². In der schönen Villa liegt der Primärenergiebedarf nun bei 206 Kwh/m². Die Dämmung der Außenhülle und die Erhaltung der Fassade, "zwei Zielstellungen die sich beißen", so Jörg Rüter, sind in Marienfelde den bestmöglichen Kompromiss eingegangen. von Susanne Ehlerding

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Kommentare (1)

  1. Bernhard Engels am 29.09.2015
    Seltsame Zahlen!
    206kWh/m²a Primärenergiebedarf nach der Modernisierung (nicht gerade ein Jubelwert) sollen 110% des Anfordrungswertes der EnEV 2009 entsprechen???

    Und dann gibt es in der EnEV ja noch einen weiteren Wert: H´T. Auch dieser darf ja dann um nicht mehr als 10% überschritten werden.

    Diese energetische Bilanzierung prüfe ich sehr gerne kostenlos.

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