Eltingviertel ist eines von sechs Vorzeigeprojekten in NRW

Ganzheitliche Quartierssanierung in Essen startet

Viele Beteiligte sollen für den Erfolg sorgen. Den "Letter of Intent" halten (v.l.) Essens Oberbürgermeister Reinhard Paß, NRW-Bauminister Michael Groschek (SPD) und der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Annington, Rolf Buch. © Sponholz

NRW-Bauminister Michael Groschek gab am 15. April gemeinsam mit Vertretern der Stadt Essen, der Deutschen Annington und weiteren Beteiligten den Startschuss für die InnovationCity Essen. Das Ziel: eine ganzheitliche vorbildliche Quartierssanierung.

Eine "ganzheitliche und nachhaltige Quartiersentwicklung": Das ist das Ziel des Konzepts "InnovationCity Essen". Gestern gaben NRW-Bauminister Michael Groschek, Vertreter der Stadt Essen, der Deutschen Annington, der Emschergenossenschaft, der STEAG Fernwärme und der RWE mit einem "Letter of Intent" den Startschuss für das Projekt im Essener Eltingviertel. Ihre Intention: Gemeinsam CO2-Emissionen um die Hälfte reduzieren, Immobilienwerte sichern und die Lebens- und Wohlfühlqualität der Menschen im Quartier steigern. Dass das gelingen kann, beweist die Modellstadt Bottrop: Hier wurde bereits vor fünf Jahren die erste "InnovationCity" geschaffen, die mit ihrem Ansatz für einen klimagerechten Stadtumbau sowie für eine ganzheitliche Modernisierung von Stadtquartieren steht.

Sabrina Schrang (30) wohnt seit zwei Jahren mit ihren fünf Kindern auf 83 Quadratmetern für knapp 509 Euro Kaltmiete im Eltingviertel. Gerade erst musste sie 800 Euro für Heizkosten nachzahlen. Mag sein, dass sie von dem Projekt "InnovationCity" noch nichts gehört hat und auch den NRW-Bauminister nicht kennt, der im Hof plötzlich vor ihr steht, aber was es bedeutet, hier zu leben, und was hier fehlt, weiß sie ganz genau: "Wird Zeit, dass hier mal was für die Menschen getan wird", sagt sie. Und ihre Nachbarin bestätigt: "Und für die Umwelt. Die Nachtspeicherheizung ist nicht gut. Davon muss man immer husten."

Rund 1.900 Wohnungen – viele in originalgetreuen Gründerzeithäusern – gibt es in diesem Quartier, rund 40 Prozent davon gehören der Deutschen Annington. Und genau hier setzt das Projekt an: 9,3 Millionen Euro investiert die führende deutsche Immobiliengesellschaft noch in diesem Jahr in die energetische und seniorenfreundliche Modernisierung des Bestandes. Dass sich die Investitionen lohnen werden – für die Umwelt, die Bewohner und das Unternehmen selbst – steht für den Vorstandsvorsitzenden Rolf Buch außer Frage. Auch, wenn er gestern einräumte, dass man als großes Wohnungswirtschaftsunternehmen zunächst umdenken und eine neue Haltung annehmen musste: Nicht die Größe oder Börsennotierung seien demnach wichtig, sondern "sinnvolle Leistungen, die bezahlbar und auf lange Sicht tragfähig sind". Die Einsicht kam nicht von ungefähr – eher ging sie darauf zurück, dass das Geschäft "immer holpriger und mühsamer" wurde. Denn: "Die Mieter kommen nicht mehr zu uns und fragen: 'Dürfen wir eine Wohnung bekommen?' Sondern eine Million Mieter fragen: 'Was bietest du'?"

Nachtspeicher verschwinden

Die Deutsche Annington bietet mit dem Projekt "InnovationCity" künftig ihren Mietern eine Menge: Ein Karree mit 180 Wohnungen bildet den Anfang, zwei weitere "Höfe" sollen nach einem erfolgreichen ersten Schritt folgen. Das Programm: Nachtspeicherheizungen werden gegen Fernwärme ausgewechselt, Balkone angebaut, Fenster ausgetauscht, Keller- und oberste Geschossdecken gedämmt, Fassaden und Treppenhäuser überarbeitet und Hauseingangsbereiche erneuert. Und das im Bestand – ohne dass die Mieter ihre Wohnungen verlassen müssen. Möglich wird dies auch, so Buch, weil man eigene Handwerker-Gruppen beschäftigt, die in der Lage sind, ein Bad komplett in drei Tagen umzubauen. "Das gibt uns die Chance, in bestehenden Mietverhältnissen umzubauen."

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Für die Bewohner sollen alle Maßnahmen weitgehend kostenneutral umgesetzt werden, das heißt: Mieterhöhungen bei der Kaltmiete sollen durch drastische Einsparungen bei den Energiekosten kompensiert werden. Für Klaus Freiberg, Vorstand bei der Deutschen Annington, war klar: "Mieterhöhungen von drei oder vier Euro, wie man das von Projekten aus Frankfurt oder Berlin kennt, wird es hier im Eltingviertel nicht geben!" Und das würde wohl auch nicht zur Geschichte dieses Quartiers hinter der nördlichen Essener Innenstadt passen. "Als Hermann Elting die Idee hatte, hier eine Arbeitersiedlung zu schaffen, war das auch Ausdruck von Sozialpartnerschaft", erinnerte NRW-Bauminister Michael Groschek an den Unternehmer aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Und zwar einer Sozialpartnerschaft, "die für beide Seiten gut ist: Für die, die malochen mussten, und für die, die vor allen Dingen als Eigentümer die Früchte ernteten." Auch heute sollen noch beide Seiten von diesem Quartier und seinem neuen Sanierungsprojekt profitieren: Die, die hier leben, aber auch die, so Groschek, "die legitime Rendite-Interessen" haben.

Der Handlungsbedarf ist groß. "Als ich vor einem Jahr das erste Mal hier war, gab es viele dunkle Räume, einige Läden und Wohnungen standen leer, und ich hatte ein bisschen den Eindruck: Wir befinden uns in einer Abwärtsspirale", gab Stadtplaner und Städtebauarchitekt Dr. Michael Denkel zu, Mitglied der Geschäftsführung der Albert Speer & Partner GmbH. Das Frankfurter Unternehmen hat gemeinsam mit der Innovation City Management GmbH und der Gertec GmbH Ingenieurgesellschaft eine Sondierungsstudie zur ganzheitlichen Quartiersentwicklung erarbeitet. Diese umfasst neben der energetischen Optimierung der Gebäude auch den öffentlichen Raum – etwa Freiflächen und Grünanlagen – wie auch die weitere städtebauliche Entwicklung. Der Status Quo, den sie darin beschreiben, lautet: "Siedlung im 'Dornröschenschlaf' mit strukturellen und sozialen Defiziten, wenig Alltagstauglichkeit und unzeitgemäßem Wohnkonzept."

Hinzu kommen eine schlechte Klimabilanz, ein hoher Energieverbrauch und hohe CO2-Emissionen durch die immer noch vorhandenen Nachtspeicherheizungen. Allein im Gebäudebestand der Deutschen Annington verfügen 65 Prozent der Wohnungen über Nachtspeicher (30 Prozent Fernwärme, 2 Prozent Gas, 3 Prozent unbekannt). Die sollen nun durch "grüne Fernwärme" ersetzt werden. "Das Motto lautet: Blauer Himmel, grüne Stadt", sagte Michael Denkel. "Wir wollen weniger CO2 ausstoßen, weniger Energie verschwenden, damit die Menschen in einem besseren Lebensumfeld leben." Wobei der energetischen Sanierung in diesem Quartier auch bewusst Grenzen gesetzt werden: Denn der Gründer-Stil der Gebäude soll unbedingt erhalten bleiben. "In den meisten Fällen ist eine Fassadendämmung hier nicht der richtige Weg", so Denkel. "Wir wollen die wunderschönen Fassaden nicht hinter Styropor verschwinden lassen."

"Projekt wird zum Fliegen kommen"

Bei der Vorstellung des Projekts zeigte er sich optimistisch, dass es dank der gemeinsamen Kraftanstrengung für "InnovationCity" gelingen wird, die Abwärtsspirale im Eltingviertel zu stoppen: "Ich glaube, dass dieses Projekt eine große Chance hat, zum Fliegen zu kommen." Das würde sich auch der Minister wünschen: Denn "InnovationCity Essen" setzt laut Groschek Maßstäbe. Es sei vorbildlich für vieles, was ins Land hinaus getragen werden solle. "Aus Sicht der Landesregierung ist das Eltingviertel nur das erste von sechs Quartieren im Ruhrgebiet, die vorbildlich erneuert werden sollen mit dem Anspruch, klimagerecht zu werden und eine barrierefreie Perspektive zu geben." Mieterin Sabrina Schrang nahm die Andeutungen des Ministers, was sich alles in ihrem Viertel ändern wird, jedenfalls mit Erstaunen, aber auch Freude zu Kenntnis: "Hört sich gut an!" bilanzierte sie. von Katja Sponholz

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