Franz Josef Radermacher tritt für gerechte Globalisierung ein

Bei Gebäuden "das Richtige im richtigen Rhythmus tun"

Radermacher: "85 Prozent der Emissionen im Gebäudebereich kann man bis 2075 einsparen." © P. Grund-Ludwig

Franz Josef Radermacher plädiert dafür, bei der Gebäudesanierung den richtigen Zeitpunkt zu wählen, um nicht zu viel Geld pro eingesparter Tonne C02 einzusetzen.

Franz Josef Radermacher, Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung, stellte auf der Abschlussveranstaltung des Stakeholder-Dialogs Zukunft Wärmedämmung, der von der DAW angestoßen und veranstaltet wurde, Thesen zur Relevanz der Gebäudesanierung für den Klimaschutz vor.

Er plädierte dafür, die Diskussion stärker in einen globalen Kontext zu stellen. Insbesondere sprach er sich gegen ein Greenwashing durch eine Verlagerung der Emissionen aus. "Die reiche Welt tut so, als würde sie weniger Emissionen erzeugen, es wird aber oft nur verschoben", so eine seiner Kernthesen. Unternehmen aus den Ländern des Nordens würden belegen, dass sie ihre CO2-Emissionen reduzieren, häufig geschehe dies aber nur auf Kosten einer Verlagerung, beispielsweise auf Zulieferer oder gleich nach China, "wir fahren gegen die Wand, aber mit Zertifikat", spitzte er zu.

Radermacher ist promovierter Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler und hat eine Professur für Informatik in Ulm. Als Mitglied des Club of Rome ist er ein Verfechter einer "gerechten Globalisierung". Dieses Prinzip überträgt er auch auf den Klimaschutz. Manche seiner Positionen sind streitbar, so ist Radermacher nach wie vor bekennender Fan der Wüstenstrominitiative Desertec. Deren Idee war, Strom im sonnenreichen Nordafrika zu erzeugen und dann nach Europa zu liefern. Investoren haben sich nach anfänglicher Euphorie zurückgezogen.

Aus Radermachers Sicht sei der Knackpunkt, dass es sich als extrem schwierig erweist, leistungsfähige europaweite Stromverbindungen aufzubauen - da hakt es selbst in Deutschland. Viele sind schon deshalb gegen solche Netze, um preiswerte Konkurrenz erneuerbarer Energien aus anderen Teilen Europas vom Markt zu halten.

Radermachers Grundprinzip beim Klimaschutz: Das Geld sollte dorthin fließen, wo es die größten Effekte hat: "Es kann sein, dass man mehr Klimaschutz bekommt, wenn man 1.000 Euro im Sudan einsetzt." Projekte zur Wiederaufforstung beispielsweise könnten neben dem Klimaschutz noch andere Effekte nachhaltiger Entwicklung auslösen. Das sei aber in der deutschen Klimaschutzdebatte teilweise eine schwierige Position, denn Unternehmen, deren Business Modell Umsatz mit Klimaschutz sei, hätten ein Interesse daran, dass in Deutschland investiert werde.

"Soziale Komponente bei der Debatte um den Gebäudebestand beachten"

Auf einen weiteren Punkt verwies er: Bei der Debatte um den Gebäudebestand gehe es nicht nur um 40 Prozent des Energieverbrauchs, sondern auch um 50 Prozent der Eigentumswerte der Welt. Darüber dürfe man nicht hinweggehen, wenn man auch die soziale Komponente der Nachhaltigkeit im Auge haben wolle.

Radermacher setzt sich durchaus dafür ein, die Energiewende auch im Gebäudebereich anzugehen: "Der Weg in eine dekarbonisierte Welt muss beinhalten, dass man den Gebäudebestand umbaut, jemand der sich mit leistungsfähigen Gebäuden beschäftigt ist aktiv an einer richtigen Stelle", betonte er auf der Veranstaltung in Frankfurt. Wenn man sich mit energetischer Sanierung beschäftige, tue man auf jeden Fall das Richtige.

Gleichzeitig warnte er aber davor, Green Building zum Bauprinzip für den "normalen" Hausbau zu machen. Es gebe einen Hype "von der Art, dass viele glauben Green Buildings würden sich auf jeden Fall rechnen." Das sei völliger Unsinn. Für Investoren in Bürogebäude sei es nicht die Frage, ob sich ein Green Building rechne, da andere Gebäude nicht mehr vermietbar seien, da sei Green Building nicht "Green, sondern BWL", brachte es Radermacher auf den Punkt. Für Unternehmen, die die Gebäude nutzen sei das ein Imagefaktor, sie würden beobachtet und würden das nicht nur aus Sicht der Rentabilität betrachten. Private Hausbesitzer hätten da aber eine völlig andere Rolle, da sei entscheidend, ob es sich rechne.

"Nur dann energetisch Sanieren wenn es ohnehin Sanierung ansteht"

Im Gebäudebestand plädiert Radermacher dafür, strikt das zu machen, was sich rechnet Hier kann der Staat beitragen, z. B. durch verbesserte Abschreibungsbedigungen. Ansonsten ist es klug, dann energetisch zu sanieren, wenn eine generelle Sanierung ohnehin ansteht. Das sei die finanziell günstigste Art und Weise, über energetische Sanierung den CO2-Ausstoß zu vermindern. Zeitlücken können leicht überbrückt werden.

Mit einem durchschnittlichen finanziellen Aufwand von 6 Euro könne man heute eine Tonne CO2 neutralisieren. Bei vorgezogener Sanierung seien diese Vermeidungskosten um ein Vielfaches höher. "Unsere Kalkulationen haben ergeben, dass man etwa 750 Euro pro eingesparter Tonne CO2 rechnen muss, wenn man gegen den Rhythmus genereller Sanierungen gezwungen wird, vorzeitig energetisch zu sanieren", nannte Radermacher Zahlen.

Da sei es viel sinnvoller, das Geld einzusetzen, um den CO2-Ausstoß im Gebäudebereich für eine bestimmte Zeit zu kompensieren (unter Umständen sogar mehrfach), um Zeit bis zum nächsten Sanierungsschritt zu gewinnen, ohne die Klimaziele zu gefährden. Das sei dann auch ein Beitrag zur internationalen Dimension des Themas. Damit sprach er sich aber nicht gegen die Sanierung aus, ganz im Gegenteil, aber man "müsse das Richtige im richtigen Rhythmus tun". Auch so könne man bis 2075 etwa 80 Prozent der Emissionen im Gebäudebereich einsparen, bis 2050 sind es immerhin schon 60 Prozent. von Pia Grund-Ludwig

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