Wolfgang Feist: Weg aus der Nische hat begonnen
Auf der 13. Internationalen Passivhaustagung proklamierte Wolfgang Feist, Chef des Passivhaus Instituts die Internationalisierung der von seinem Institut entwickelten Konzepte. Die bewegten sich von der Nische in die Breite, sagte er im Interview mit EnBauSa.de.
Was ist aus Ihrer Sicht derzeit die größte Herausforderung?
Feist: Derzeit findet bei Passivhäusern die Entwicklung von der Nischenanwendung zum Mainstream statt. Das ist eine gigantische Herausforderung, weil eine enorme Erweiterung des Produktionsvolumens erforderlich ist. Gleichzeit müssen die Kosten weiter sinken, aber das passt zusammen. Es bedeutet aber auch Stress für die „Altvorderen“, weil Neuankömmlinge dazukommen, die weiter unterrichtet werden müssen. Die zweite große Herausforderung ist die Weiterbildung. Wir haben viele Ingenieure und Architekten, die Passivhaus bauen in Deutschland, aber lange nicht genug.
Wie viele Experten gibt es?
Feist: Zwischen 1000 und 2000. Im Prinzip kann das jeder Architekt, aber es ist beim ersten Mal auf jeden Fall Learning by Doing, einer Weiterbildung. Das geht aber zu langsam. Wir werden ein größeres Angebot an Weiterbildungen bekommen.
Warum sprechen Sie in diesem Zusammenhang nur von Architekten und nicht von Handwerkern?
Feist: Wenn man den Handwerken das anhand eines Plans erklären kann, sind diese gut in der Lage das umzusetzen. Auch da wird man Weiterbildung brauchen, es ist aber bei Handwerkern vor allem eine Frage der Überzeugung, dass die sehen, dass das notwendig ist. Da sind deutsche Handwerker ganz gut unterrichtet, aber, und das muss man auch sagen, nicht so gut wie die Österreicher. Dort gibt es berufsbegleitend die so genannte Höhere Technische Lehranstalt, in der die Handwerker zum Abitur geführt werden, und von dort kommen ausgesprochen gute Leute.
Wo gibt es denn bei den Produkten noch Lücken?
Feist: Es geht weniger um die technologische Weiterentwicklung. Die Produkte sind da, sie werden kostengünstiger, wir werden niedrigere Wärmeleitwerte bei den Dämmstoffen haben. Da sind aber keine revolutionären Weiterentwicklungen zu erwarten. Die brauchen wir auch nicht, das funktioniert. Wesentlich ist, dass man lernt, mit diesen Dingen umzugehen. Weiterentwicklungen gibt es für andere Klimazonen, das beschäftigt uns, und da liegen auch die Schwerpunkte unseres Instituts. Es geht darum, hier für andere Bautraditionen Lösungen zu entwickeln.
In Deutschland hängt es bei Passivbauten im Nichtwohnungsbau. Woran liegt das?
Feist: Bei den Schulen gilt das nicht, es gibt mehr als 25 Passivhausschulen, das ist fast jede zweite Schule, die neu gebaut wird.
Gilt das auch in der Sanierung?
Feist: Da ist zum Teil noch Überzeugungsarbeit zu leisten. Bei den übrigen Verwaltungsgebäuden gab es bislang zu wenig Erfahrung. Die Verwaltungen sind in einer Situation, in der ihnen ein Test neuer Technologien nahezu verboten ist. Sie bekommen sofort Ärger, wenn etwas nicht funktioniert, und dieses Risiko hat man immer bei neuen Technologien. Deshalb sind Verwaltungen hier die konservativsten. Die einzige Verwaltung, die hier vorangekommen ist, ist die Stadt Frankfurt. Die bauen jedes neue Gebäude als Passivhaus. Die Stadt Frankfurt will auch aus ihren Partnergemeinden die Amtsleiter einladen, ihnen die Gebäude zeigen, damit die sehen, dass das funktioniert und ihnen Hilfestellung geben, wie man das umsetzen kann.
Wo sehen Sie generell Potentiale in der Sanierung?
Feist: Da wird man in der Regel nicht auf Passivhausstandard kommen, nicht mit vernünftigen Mitteln. Wir empfehlen, dass man die bestmöglichen Produkte verwendet. Das bedeutet Dreifachverglasung, Passivhausdämmung soweit man die verwenden kann, Wohnungslüftung, Dachdämmung, die überall funktioniert. Wenn man aber Loggien oder Balkone hat, sind auch wir nicht dafür, diese immer radikal abzuschneiden. Dann erreicht man zwar keinen Passivhausstand, kann aber für den Jahresheizwärmebedarf Werte zwischen 20 und 30 kWh/(m²a) erzielen. Wir sollten das Vernünftige tun, und das für möglichst viele Objekte.
Das Gespräch führte Pia Grund-Ludwig am 18. April 2009.




