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Norbert Sack: Ein niedriger U-Wert garantiert noch lange kein energieeffizientes Fenster

Forschungsleiter am ift Rosenheim Norbert Sack
Forschungsleiter am ift Rosenheim Norbert Sack

Geht es um die energetische Beurteilung von Fenstern, wird heute in der Regel der U-Wert angeführt. Das ist verkürzt und wird der Sache nicht gerecht, kritisiert Norbert Sack, Forschungsleiter am Institut für Fenstertechnik ift Rosenheim. Schließlich ist der U-Wert lediglich das Maß für die Transmissionswärmeverluste, beschreibt also wie viel Wärmeenergie durch das Fenster verloren geht.  Solare Energiegewinne durch das Fenster  bleiben unberücksichtigt, obwohl sie für die Beurteilung der Energieeffizienz von großer Bedeutung sind. Im EnBauSa.de-Interview fordert Sack daher eine ganzheitliche Betrachtung. 

Was für Fenster werden heute vorwiegend eingebaut? 

Sack: In der Mehrzahl  werden Fenster mit einer Zweifachverglasung eingebaut, die mit einer Wärmeschutzbeschichtung versehen und mit Gas gefüllt sind, in der Regel mit Argon. Gängige Rahmenmaterialien sind Holz, Kunststoff und Metall, auch Metall-Holz-Rahmen finden Verwendung. Der Wärmedurchgangskoeffizient, also der U-Wert liegt bei 1,3 bis 1,5 W/m²K. Im Bereich der Gebäudesanierung fordert die noch gültige EnergieEinsparverordnung (EnEV) einen Wert von 1,7 W/m²K. Diese Anforderung erfüllen die derzeit am Markt erhältlichen Fenster also bereits mühelos. Für Neubauten gibt es keine Vorgaben für einzelne Bauteile. Hier ist der Primärenergiebedarf des gesamten Gebäudes maßgeblich.

Wie werden sich die Anforderungen an die Wärmedämmung entwickeln? 

Sack: Die Anforderungen sollen relativ schnell verschärft werden.  Aus den Meseberger Beschlüssen der Bundesregierung  lässt sich ableiten, dass der maximale Primärenergiebedarf in der nächsten Stufe der Novellierung der EnEV, die wir noch für dieses Jahr erwarten, um etwa 30 Prozent reduziert werden soll. In den bisherigen Entwürfen ist für den Sanierungsbereich ein maximaler U-Wert neuer Fenster von 1,3 W/m²K vorgesehen. Für den Neubau ist dieser Wert ebenfalls als Referenzwert vorgeschlagen. Das ist mit den Techniken, die heute zur Verfügung stehen, umsetzbar. 

An welchen Schrauben können die Hersteller denn überhaupt noch drehen? 

Sack: Einen U-Wert von 1,3 können sie unter Umständen auch mit einer Zweifachverglasung erreichen, aber der Trend geht zur Dreifachverglasung. Dies auch im Hinblick auf die nächste Verschärfung der EnEV, die für 2012 angedacht ist. Ein weiterer Ansatzpunkt sind die Rahmen. Hier sind neue Konstruktionen am Markt wie Mehrkammerprofile und Profile mit integrierten Dämmstoffen. Auch ist davon auszugehen, dass die Bautiefen der Rahmen zunehmen werden. Im Passivhausbereich liegen sie bereits bei 100 Millimetern und mehr. Der dritte Faktor ist der Wärmeverlust über den Glas-Rand-Verbund. Hier bieten Rahmenprofile mit einem tieferen Glaseinstand Vorteile. Gleichzeitig setzen sich wärmetechnisch verbesserte Abstandhalter durch, die eine niedrigere Wärmeleitfähigkeit aufweisen. Die neuen Materialien haben nur etwa 40 bis 50 Prozent der Wärmeverluste konventioneller Systeme. Gleichzeitig wird die Oberflächentemperatur der Scheiben angehoben. Das minimiert das Tauwasserproblem. Das ist für den Bauherrn sichtbarer als Einsparungen bei den Verbräuchen. 

Sie kritisieren die einseitige Beurteilung von Fenstern über den U-Wert. Welche Ansätze zur Energieeinsparung bieten Fenster über eine hohe Wärmedämmung hinaus? 

Sack: Das einfachste ist die Nutzung solarer Energie, das heißt die Nutzung der Solarstrahlung, die durch das Fenster fällt. Das wird oft vergessen, was auch daran liegt, dass  heute in den entsprechenden Verordnungen und Regelwerken Wärmeverluste  und Wärmegewinne getrennt behandelt werden. 1995 hatten wir in der Wärmeschutzverordnung einen äquivalenten U-Wert, eine Bilanz aus U-Wert und g-Wert, der die solaren Wärmegewinne beschreibt.  Diesen oder einen ähnlichen Weg sollten wir meiner Meinung nach in Zukunft wieder beschreiten. Zur Energieeinsparung beitragen kann ein Fenster außerdem, indem es für den Sommerfall Möglichkeiten bietet, den solaren Wärmeeintrag zu regeln und zu reduzieren, so dass deutlich weniger Energie für Kühlung aufgewendet werden muss. Am besten wäre es, man könnte komplett auf Kühlung verzichten.  Es gibt heute bereits in das Fenster integrierte Sonnenschutzsysteme, beispielsweise in Verbundfenstern. Und schließlich muss auch die Lüftung in die Betrachtung einbezogen werden.  Zum Beispiel gilt es zu verhindern, dass ein Fenster den ganzen Tag auf Kippstellung steht. Auch hier bieten sich verschiedene Elemente an, die am oder im Fenster integriert werden. Wir haben das am ift in einer Richtlinie zu Fensterlüftern dokumentiert.

Welchen Vorteil bietet eine in die Fenster integrierte Lüftung? 

Sack: Speziell im Altbau können über eine solche Lösung neben der zusätzlichen Wärmedämmung gleichzeitig das Problem der Lüftung abdecken und so der Schimmelbildung entgegenwirken. Die Angst vor Schimmel ist oft einer der Faktoren, der viele Bauherren davon abhält, Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz wie den Austausch der Fenster durchzuführen. 

Und wie muss man sich diese integrierten Lüftungen vorstellen? 

Sack: Das können beispielsweise regelbare Durchlässe im Blendrahmen sein, die sich bei zu starkem Wind schließen, so dass keine Zugerscheinungen auftreten. Oder das ganze Fenster wird abgestellt, was motorisch betrieben sein kann. Inzwischen werden auch schon motorische Elemente wie dezentrale Ventilatoren integriert. Wichtig ist, eine nutzerunabhängige Belüftung sicherzustellen. Aktuelle Regelwerke sehen eine entsprechende  Mindestbelüftung vor. 

Aber durch Schlitze im Fenster verliert man doch auch Wärmeenergie. Wie lässt sich das mit dem Ziel der Energieeffizienz vereinbaren? 

Sack: An einer ausreichenden Lüftung führt kein Weg vorbei. Aber es darf eben auch nicht zu viel gelüftet werden. Der Anteil der Lüftungswärmeverluste an den gesamten Wärmeverlusten steigt. Daher müssen wir uns in Zukunft darum kümmern, wie wir die Lüftungswärmeverluste verringern können. Ein Ansatz ist, dass eben gerade so lange und so viel gelüftet wird wie nötig. Man spricht hier von bedarfsgesteuerter Lüftung. Ein anderer ist der Einsatz von Fensterlüftern mit Wärmerückgewinnung. Darüber hinaus müssen wir über Ansätze nachdenken, das Fenster mit der restlichen Anlagetechnik eines Gebäudes zu verknüpfen, so dass beispielsweise die Heizung abgedreht wird, sobald das Fenster geöffnet wird. Solche Lösungen gibt es ja bereits und das müssen wir weiterentwickeln. Wir müssen dahin kommen, das Fenster nicht als einzelnes Bauteil zu betrachten, sondern uns auch mit den Schnittstellen zu anderen Gewerken zu befassen. Es geht um die Anbindung an die Klimatechnik, an die Belichtung und den Sonnenschutz.  Wir müssen uns auf den Weg machen zum intelligenten Fenster. 

Wird also die Elektronik nun auch ins Fenster einziehen? 

Sack: Richtig. Das ist der nächste Schritt. Aber bis wir von einem mechatronischen Fenster sprechen können, sind noch eine Menge Hürden zu überwinden. So müssen wir unter anderem die Standardisierung vorantreiben, so dass zum Beispiel nicht jeder Hersteller von elektromechanischen Elementen andere Farben für die Leitungen benutzt mit dem Ergebnis, dass der Elektriker am Bau nicht weiß, wie er das Bauteil richtig anzuschließen hat. Das Thema Elektronik und Automatisierung hat am ift hohe Priorität. Wir werden hierzu am 13. und 14. Mai einen speziellen Forschungstag veranstalten.

Wie erkennen Bauherren und Planer heute energieeffiziente Fenster? 

Sack: Heute wird ein energieeffizientes Fenster im wesentlichen am niedrigen U-Wert fest gemacht. Aber wie gesagt reicht der U-Wert allein als Maßstab für die Energieeffizienz nicht aus. Der äquivalente U-Wert wäre ein gutes Instrument.  Es gibt auch Initiativen, für Fenster ein ähnliches Labeling-System einzuführen wie wir es von der weißen Ware kennen, A+, A++ und so weiter. Das würde es für Bauherren einfacher machen. Aber es ist schwer umzusetzen, denn ein Fenster, das in einem Gebäude energieeffizient ist, kann in einem anderen deutlich schlechter abschneiden. Das hängt ja schließlich auch vom Standort und der Ausrichtung der Fenster ab. Im nördlichen Europa brauchen Sie einen guten U-Wert, im Süden kann das unter Umständen eher kontraproduktiv sein. Es sind also Kompromisse notwendig. Man muss Referenzgebäude und Klimazonen definieren. Für eine erste Auswahl könnte ein Klassensystem aber schon helfen. Für die weitere Planung sollten dann aber die detaillierten Kennwerte herangezogen werden. 

Worauf sollten Bauherren und Planer beim Fensterkauf achten? 

Sack: Zum einen sollten sie zunächst ein Anforderungsprofil erstellen, das die Grundlage für die Ausschreibung ist. Welche Anforderungen müssen die Fenster in Bezug auf Wärmeschutz, Schallschutz, Einbruchhemmung und so weiter erfüllen? Wir stellen immer wieder fest, dass über diese Frage nicht ausreichend nachgedacht wurde. Für den Planer bietet sich hier die ift-Ausschreibungshilfe an. Dann sollten sie auf Qualität achten, die zum Beispiel durch das RAL-Gütezeichen dokumentiert wird.  Und schließlich sollten sie auf den richtigen Einbau achten. Die Fenster können noch so energieeffizient sein, wenn sie nicht richtig eingebaut werden, sind alle Vorteile weg. Meine Botschaft an Bauherren und Planer lautet daher: Planen Sie für die Planung und Montage der Fenster einen vernünftigen Preis ein. Die Integration der Fenster in die Gebäudehülle ist eine anspruchsvolle Planungs- und Umsetzungsaufgabe - vor allem in der Altbausanierung.   

Das Interview führte Silke Thole.

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