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Bauaufsichtliche Zulassung für erste Anwendungen liegt vor

Tüftler hat Dämmung aus Seegraskugeln marktreif

22.12.2010, 06:00

Dämmung mit Seegras
Verarbeitete Neptunbälle dienen als Dachdämmung. Bild: Meier

Wer Urlaub am Mittelmeer macht, kennt so genannte Neptunkugeln von Strandspaziergängen. Es sind fluffige und bis zu zehn Zentimeter große braune Knäuel aus Fasern einer Seegras-Art, die es im Mittelmeer und in Australien gibt. Richard Meier, Architekt und bis Oktober 2010 Professor für Konstruktion und Baustoffkunde an der FH Heidelberg, hat aus diesen Kugeln einen Dämmstoff aus nachwachsendem Rohstoff gemacht. Er will ihn vor allem zur Sanierung einsetzen. Erste Praxistests sind gelaufen, nun geht das Produkt in den Handel.

Meier hat für sein Neptutherm genanntes Produkt die bauaufsichtliche Zulassung für das Stopfen. Bis zur Produktionsreife gebracht hat er es in einem Forschungsprojekt unter anderem mit Unterstützung des Fraunhofer-Instituts ICT, Pfinztal, zu dessen Kompetenzbereichen auch nachwachsende Rohstoffe gehören.

Die Verarbeitung der Bälle zu Dämmstoff sei im Grunde relativ einfach, erzählt Meier im Gespräch mit dem Online-Magazin EnBauSa.de. In Spanien oder Tunesien findet man sie in großen Mengen am Strand. Sie werden dort gesammelt, in Container gepackt und nach Karlsruhe verschifft.

In einem ersten Verarbeitungsschritt kommen sie auf einen Siebtisch. Schütteln befreit die Bälle dort von Sandresten. Dann wandern sie zum Zerkleinern in eine Schneidemühle. Für die ersten Tests hat Meier die Bälle noch gemeinsam mit seiner Familie von Hand gerupft. Die Maschinen lieferten aber ein Produkt, das genauso gut sei wie die in Handarbeit zerpflückten Seegras-Knödel. Das hat sich bei Tests herausgestellt.

Mittlerweile weiß Meier auch, wie gut sein Dämmstoff die Wärme im Haus hält. Rechenwerte der Materialprüfungsanstalt Dortmund haben eine Wärmeleitzahl von 0,049 W/mK ergeben. Beim Brandschutz erreicht das Material ohne weitere Zusätze die Brandklasse B2. "Andere Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen werden mit Borsalz als Flammschutz behandelt, das müssen wir nicht", sagt Meier. Borsalz ist umstritten. Es wird teilweise als potentiell grundwassergefährdend und schädlich für die Fortpflanzung eingestuft.

 

Exkurs: Wärmeleitzahl und U-Wert

Die Wärmeleitzahl Lambda beschreibt die Wärmemenge in Watt, die in einer Stunde durch eine ein Meter dicke Schicht des Stoffes hindurchgeht, wenn sich die Temperaturen der Oberflächen auf beiden Seiten um ein Grad Kelvin unterscheiden. Demgegenüber beschreibt der U-Wert die Wärmemenge, die durch einen Quadratmeter Wand oder Dämmstoff hindurch geht. Für beide Kennzahlen gilt: Je geringer der Wert, desto größer die Dämmwirkung. Zur leichteren Kennzeichnung werden Dämmstoffe in Wärmeleitgruppen (WLG) eingeteilt. Bei Dämmstoffen der WLG 040 beträgt die Wärmeleitzahl 0,040 W/mK

Das Interesse an seinen Produkten sei nach den ersten Berichten über Neptutherm enorm, freut sich Meier. X-Floc, ein Hersteller von Maschinen, die Dämmstoffe verarbeiten, hat in dem Forschungsprojekt Erweiterungen entwickelt, mit der sich Maschinen, die Zelluloseflocken verarbeiten auch für Neptutherm einsetzen lassen. Erste Händler hätten sich schon um den Vertrieb bemüht, so Meier.

Meier sieht es vor allem als Produkt, das private Bauherren in der Sanierung selbst verarbeiten. Sie erhalten es in großen Transportsäcken aus Polyethylen, "dafür wollen wir ein Pfandsystem aufbauen", sagt Meier. Geliefert wird in Säcken zu 22 Kilo. Ein Kubikmeter Neptutherm kostet für Endverbraucher derzeit 140 Euro plus Mehrwertsteuer und Fracht.

Der Preis macht den Dämmstoffexperten Arnold Drewer vom Institut für preisoptimierte energetische Gebäudemodernisierung in Paderborn stutzig. "Das ist viel zu teuer", moniert er. Drewer stellt den von Meier genannten Kosten den Materialpreis für Zelluloseflocken gegenüber, der liege deutlich darunter.

Drewer hält das Produkt von Meier zwar für durchaus seriös, räumt ihm aber dennoch nicht wirklich Marktchancen ein. Es gebe viele Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen, und die machten sich den Platz zwischen 6 und 7 Prozent Anteil in ihrer Marktnische streitig, gibt Drewer zu bedenken.

von unserer Redakteurin Pia Grund-Ludwig

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