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Baumärkte bieten die Produkte meist nicht an

Naturdämmstoffe sind besser als ihr Ruf

02.02.2016, 08:30

Dämmung aus Seegras
Seegras dämmt gut, ist aber noch teuer. © ICT

Naturdämmstoffe hätten eine schlechte Dämmwirkung, die Brandgefahr sei hoch, sie förderten Schimmelpilz und seien viel zu teuer - alles falsche Mythen, sagt Dora Griechisch von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Sie stellte in Berlin eine Broschüre des Verbands vor, in der sie eine Lanze für Dämmstoffe aus Holz, Hanf, Schafwolle und so weiter bricht.

Dass der Marktanteil solcher Dämmungen nur 10 Prozent beträgt und die meisten Bauherren stattdessen die konventionellen Dämmstoffe Polystyrol oder Mineralwolle verwenden, liege vor allem an Unkenntnis und "Vorurteilen".

Für die Definition von "Naturdämmstoff" übernimmt Griechisch die des Forschungsinstituts für Wärmeschutz (FIW): Synthetische Zusatzstoffe haben einen Anteil von nicht mehr als 25 Prozent. In dieses Raster passen fast 100 Produkte. Ein großer Teil davon ist pflanzlicher Herkunft - zum Beispiel mit Holz, Hanf, Flachs, See- oder Wiesengras, Stroh, Jute, Kork oder Schilf als Grundstoff. Zusammen mit Schafwolle sind das die "nachwachsenden" Dämmstoffe. Aufgenommen als "naturnaher" Dämmstoff wurde Zellulose, die aus zerfasertem Altpapier hergestellt wird.

Wärmeleitfähigkeit im besten Fall wie Polystyrol und Steinwolle

Erstrebenswert bei jedem Dämmstoff ist es, dass er bei geringer Dicke wenig Wärme durchlässt - also eine niedrige Wärmeleitfähigkeit (Lambda-Wert) hat, gemessen in Watt pro Meter und Kelvin (W/mK). Je geringer der Wert, desto besser die Dämmfähigkeit. Ein Diagramm in der DUH-Broschüre zeige, so Griechisch, dass Naturdämmstoffe eine "ähnlich gute" Dämmfähigkeit habe wie konventionelle Produkte. In der Tat übersteigt der Lambda-Wert der meisten Naturdämmstoffe mit bis zu rund 0,05 W/mK den von Polystyrol und Steinwolle (etwa 0,04 W/mK) nicht wesentlich. Besonders gut schneiden demnach Flachsmatten, Holzfaser, Korkplatten, Schafwolle und Seegras ab, die sogar alle ebenfalls um 0,04 W/mK liegen. Unerreicht bleiben aber die 0,03 W/mK von Polyurethanschaum (PUR).

Dora Griechisch sagte, die Wärmeleitfähigkeit bei Schilf oder Stroh liege "etwas" über den konventionellen Dämmstoffen. Sieht man sich die Angaben in der DUH-Broschüre genauer an, muss man diese Beschreibung gelinde gesagt als untertrieben bezeichnen: Bei Stroh kann der Wert 0,08 W/mK erreichen, also das Doppelte von Polystyrol und Steinwolle.

Naturdämmstoffe gelten als normal entflammbar

Und die Brandgefahr? Griechisch beruhigte: "Naturdämmstoffe sind meistens in Baustoffklasse B2 eingestuft, also 'normalentflammbare' Materialien, und sind damit für viele Anwendungen im Bau zugelassen." Das stimmt, aber es bedeutet eben auch, dass damit solche Dämmstoffe in Gebäuden mit mehr als 7 Meter Höhe nicht zulässig sind.

Überzeugender argumentierte die DUH-Expertin beim Thema Schimmelpilzbildung: "Schimmel entsteht nur dann, wenn die Baumaßnahmen nicht fachgerecht durchgeführt sind." Das gelte für Naturdämmstoffe genauso wie für konventionelle. Es müsse lediglich mit Witterungsschutz und Entlüftung "sichergestellt werden, dass der Stoff wieder trocknen kann". Dass die Sache mit der Entlüftung in der Praxis oft schiefgeht, davor warnt allerdings die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) in ihrer "Marktübersicht Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen". Kritisch seien vor allem Schrägdächer, wo nur eine gute Unterlüftung der Eindeckung das Abführen der Feuchte ermögliche.

Große Preisspanne - Zelluloseflocken schlagen Polystyrol

Was den Preis angeht, musste Griechisch zugeben, dass diverse Naturdämmstoffe - namentlich Korkplatten, Schafwolle, Seegras, Holzfaser- und Zelluloseplatten sowie Flachs - teurer sind als Polystyrol oder Mineralwolle. Das liege zum Teil an kostspieligen Rohstoffen, aber auch an geringen Produktionsmengen.

Je nach der örtlichen Marktsituation können aber manchmal Naturdämmstoffe in Flockenform die konventionelle Konkurrenz sogar schlagen. Laut Vergleichstabelle in der DUH-Broschüre können Holzfaser- und vor allem Zelluloseflocken für die gleiche Dämmaufgabe mit Einbaukosten billiger sein als Polystyrol ohne Einbau. Bauherren zum Beispiel in Hamburg und München bekämen aus dem städtischen Haushalt einen Zuschuss - und das zusätzlich zur allgemeinen Dämm-Förderung der KfW.

Das Kostenverhältnis wird sich, da ist sich Dora Griechisch sicher, noch im Laufe des Jahres 2016 verschieben - an dem Tag nämlich, ab dem Polystyrol als Sondermüll entsorgt werden müsse. Und noch einmal anders würde es aussehen, wenn die Kosten für die Umwelt gleich beim Kauf zu bezahlen wären.

Die Herstellung vieler Naturdämmstoffe sei umweltfreundlich, was am einfachen Produktionsprozess und am geringen Energieaufwand liege. Besonders hob Griechisch die günstige CO2-Bilanz von pflanzlichen Dämmstoffen hervor: "Durch ihr Wachstum binden sie CO2, das erst bei der Entsorgung wieder freigesetzt wird." Holzfaserdämmplatten, Kork und Zelluloseflocken bänden sogar mehr CO2, als bei der Herstellung emittiert wird. "Diese Bauteile dienen also mehrere Jahrzehnte lang als CO2-Speicher." Die DUH-Expertin verweist dazu auf eine Veröffentlichung des VDI-Zentrums Ressourceneffizienz. Die FNR-Marktübersicht bestätigt - bei absolut gesehen anderen Werten - eine solche Überlegenheit der meisten Naturdämmstoffe. Eine Ausnahme bilden jedoch Holzweichfaserplatten, bei denen der hohe Energiebedarf bei der Herstellung manche Produkte sogar schlechter aussehen lässt als Polystyrol, wenn man die vorübergehende CO2-Bindung außer Acht lässt.

Aber wächst überhaupt ausreichend Material nach, um viel mehr Häuser mit natürlichem Dämmstoff einzupacken? "20 Prozent des in der Landwirtschaft anfallenden Strohs hat keine alternative Nutzung. Mit dieser Menge könnte man jährlich 350.000 Einfamilienhäuser dämmen", sagte Dora Griechisch. Insgesamt könne man aus dem Stand heraus doppelt so viele Gebäude mit Naturdämmstoffen ausstatten wie derzeit. Ein Problem sehe sie eher in der Verfügbarkeit für die Käufer: Solche Dämmstoffe gebe es praktisch nur direkt vom Hersteller und im Baustoffhandel - nicht aber im Baumarkt. Alexander Morhart

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Kommentare zur Meldung

Kommentare 1 - 2 von 2.

Zimmerei Willrodt - 09.02.2016, 19:15

"..aber es bedeutet eben auch, dass damit solche Dämmstoffe (= Naturdämmstoffe) in Gebäuden mit mehr als 7 Meter Höhe nicht zulässig sind."
--> Es erscheint sinnvoll darauf hinzuweisen, dass gemäß Musterbauordnung (MBO) hier nicht die Gebäudehöhe gemeint ist, sondern "das Maß der Fußbodenoberkante (!) des höchstgelegenen Geschosses, in dem ein Aufenthaltsraum möglich ist (über der Geländeoberfläche im Mittel)."
Unberücksichtigt bleiben in ihrem Artikel leider zwei wesentliche bauphysikalische Vorteile von Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen: Der hygrische Charakter z.B. von Hanf- oder Holzfaserdämmung mit relativ hoher Sorptionsfähigkeit (u.a. bei sog. "ungewollt eintretender Feuchte") sowie die wesentlich höhere spezifische Wärmekapazität (z.B. gegenüber PS- oder Mineralfaser-Dämmstoffen), was neben herausragendem sommerlichen Hitzeschutz (insbesondere in bewohnten Steildächern!) auch ein sehr gutes Wärme-Speichervermögen bedeutet. Dennoch vielen Dank für den Artikel. MfG

Jörn Hartje - 02.02.2016, 17:57

Das abgebildete "Seegras" ist das Neptungras aus dem Mittelmeer. Seegras aus der Ostsee wird auch auch als Dämmmaterial verwendet

 

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